Abo

Kölner PhilharmonieMit diesem Dirigenten gelingt dem Gürzenich-Orchester auch Sibelius

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Der finnische Dirigent Sakari Oramo ist in dieser Saison der Artistic Partner des Gürzenich-Orchesters

Der Finne Sakari Oramo leitete den Kölner Klangkörper durch eine fesselnde „Lemminkäinen“-Suite.

Es gab Zeiten – sie sind noch nicht so lange her –, da mied man besser Auftritte, bei denen das Gürzenich-Orchester Sibelius spielte. Der war einfach nicht sein Metier, es fehlte an ausgefahrenen Antennen für die spezifische Klanglichkeit dieser Orchestermusik, ihre von der deutsch-romantischen Tradition eklatant abweichenden Formstrategien. Nun, die Zeiten haben sich geändert: Im sonntäglich-philharmonischen Abo-Konzert glänzte der Klangkörper jetzt mit einer in sämtlichen Parametern fesselnd-exzellenten Aufführung der „Lemminkäinen“-Suite. Überraschend? Bei näherem Hinsehen und -hören wohl nicht – es muss halt nur der Richtige am Pult stehen, der als Finne den Sibelius-Spirit nicht nur selbst gleichsam verkörpert, sondern auch zielgerichtet-wirkungsvoll im Ensemble zu erwecken vermag. Sakari Oramo, der Artistic Partner des Orchesters, gelingt dies in hohem Maße – offensive Freundlichkeit paart sich bei ihm aufs Schönste mit interpretatorischer Willensstärke.

Nun macht es die vierteilige Suite deutschen Spielern und Hörern von Haus aus nicht so schwer wie etwa Sibelius’ späte Sinfonik. Hier klingt doch vieles vertraut: „Tristan“-Gefühle stellen sich ein, und auch der schwermütige Balladenton und die szenischen Anmutungen des Werkes mit den Bezügen zum mythologischen Kalevala-Kosmos finden einen vergleichsweise direkten Weg in die Publikumsohren.

Kaum steigerungsfähige Intensität

Aber so muss man das eben auch dirigieren: Wie Oramo den Klangaufbau jeweils zu Satzbeginn hinbekommt; wie er Stauung und Fluss ins Gleichgewicht bringt; wie er herrlich-weitgespannte Melodien aus dem Untergrund harmonischer und rhythmischer Ostinati wachsen lässt – das hat große Klasse und vermittelt ein in seiner Intensität kaum steigerungsfähiges poetisches Fluidum. Als Beispiel sei in dieser Hinsicht besonders der zweite Satz („Der Schwan von Tuonela“) erwähnt, in dem die Englischhornistin Lena Schuhknecht dem auf dem See kreisenden Federvieh auf gewinnendste Weise die Stimme ihres Instruments lieh. Aber die Kollegen – seien es nun die Streicher in ihrer agilen Brillanz oder die Hörner mit ihrem eindringlichen Sehnsuchtston – standen ihr da keineswegs nach.

Groß war das Konzert bereits gestartet. Die Uraufführungen unserer Tage zeitigen bekanntlich auch viele Eintagsfliegen (was freilich etwa in der italienischen Opernproduktion des 18. Jahrhunderts nicht anders war). Das Violinkonzert „Concentric Paths“ des Briten Thomas Adès dürfte auch in the long run definitiv nicht zu ihnen gehören, es scheint sich vielmehr zum zeitgenössischen Klassiker zu entwickeln. Das Gürzenich-Orchester führte es bereits 2011 unter Markus Stenz auf, jetzt stand es erneut auf der Agenda.

Mit gutem Grund: Das Stück ist zweifellos „modern“, hat aber im Sound – im Solopart wie im Orchester – einen starken sinnlichen Appeal. Es gibt lyrische Kantilenen, tänzerische Beschwingtheiten, motivische B-A-C-H-Konstellationen und Entwicklungszüge über leere Quinten und Oktaven bis hin zu „herzigen“ Terzen. Und auch tonale Anmutungen, wenngleich das überkommene Kadenzgefälle „fehlt“ – der Hörer weiß halt nicht, wer oder was im nächsten Augenblick um die Ecke kommt, und auf einmal ist dann einigermaßen überraschend Schluss.

Den schweren, sich sehr schnell in sternenhohe Lagen aufschwingenden Solopart versah souverän Oramos Kompatriotin Tami Pohjola – mit anfechtungsfreier Virtuosität, glasklar-dichtem Ton und einem bemerkenswerten Sinn für die geforderten Unterschiede in den Ausdrucksvaleurs. Schade, eine Zugabe verkniff sie sich – obwohl eigentlich Zeit genug war.