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Kölner Schauspiel Riesenbaby quengelt in der XXL-Kulisse 

Das Riesenbaby (Paul Basonga) sitzt im Depot des Kölner Schauspiels im Stück „Vor Sonnenaufgang“ in einer XXL-Kulisse.

Das Riesenbaby (Paul Basonga) sitzt im Depot des Kölner Schauspiels im Stück "Vor Sonnenaufgang" in einer  XXL-Kulisse.  

Ewald Palmetshofer hat Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang" in die Gegenwart transponiert. Dabei hat er die Patina des Klassikers entschieden wegpoliert.

Das Kind will einfach nicht ans Licht der Welt, obwohl Martha ihren monströsen Bauch schon allzu lange vor sich her trägt. Eigentlich aber ist es von Anfang an da, das männliche Riesenbaby (Paul Basonga), das Christian Becks Bühne im Depot 2 des Kölner Schauspiels bestaunt: ein himmelhoch aufragender Tisch, Stühle als steile Klettergerüste, dazu Requisiten wie enorme Cornflakes-Packungen oder ein Motorradhelm, der Astronauten passen würde.

Sozialen Stachel gezogen

Die Kulisse verzwergt zwangsläufig jene Unternehmersippe, die sich hier würdelos nach der Wohlstandsdecke streckt: Allen voran Marthas Mann Thomas (Nikolaus Benda), äußerlich schmierlappiger Alt-68er, offenbar aber Erfolgsmensch. Dazu Schwester Helene, die als fragiles Blondchen hereinhuscht, sowie der versoffene Seniorchef Egon und seine kapriziöse Frau Annemarie.

Aufgemischt werden sie alle von Alfred Loth, Thomas’ Jugendfreund und als linker Journalist nun sein erklärter Feind. Das Personaltableau kennt man aus jenem naturalistischen Sozialdrama, das Gerhart Hauptmann 1889 skandalös auf die deutsche Bühne wuchtete. „Vor Sonnenaufgang“ heißt auch die moderne Version von Ewald Palmetshofer, die hier gespielt wird.

Der Österreicher ist gewissermaßen Verjüngungsspezialist für Klassiker, deren Patina er entschlossen wegpoliert. Statt Bauern, die durch Kohlefunde reich wurden und daraufhin Bergleute ausbeuten, sieht man jetzt zeitgenössische Fabrikanten, denen der arme Gegenpol fehlt. So wird dem Stück der soziale Stachel gezogen.

Regisseur Moritz Sostmann setzt ohnehin eher auf die Knalleffekte der XXL-Kulisse. Zuerst ein Dinner samt fußballgroßer Avocado, dann eine Zimmerschlacht, in der Annemarie gigantische Gabeln als Wurfspeere nach ihrem Clochard-Gatten schmeißt. Und zwischendurch mutiert das Riesenbaby mal kurz zum Hausarzt und umgekehrt.

Slapstick-Trubel

Der bittere Kern des Stücks droht in solchem Slapstick-Trubel verloren zu gehen. Zwar hat Katharina Schmalenbergs Martha berührende Momente, der „schwarze Schleier“ auf ihrer Seele aber bleibt eher Behauptung. Dass Palmetshofer Hauptmanns Dekadenzmerkmal des Alkoholismus durch die Familienkrankheit Depression ersetzt, wird ohnehin kaum sichtbar – dafür lässt die Inszenierung zu gern Sturzbäche von Wein in kaum noch zu hebende Gläser pladdern.

Die stärkste Szene gehört wohl Anja Lais, die als Annemarie leise weinend erkennt, dass sie ihr Leben an einen Kretin verschwendet. Doch auch Daniel Nerlichs Konter sitzt: Ergriffen erzählt er, wie ihm in der Kneipe immerhin zugehört wird. Die einsame Helene (Rebecca Lindauer) entbrennt derweil kaum nachvollziehbar für den Schlaffi Alfred (Thomas Müller), der auch im Politduell mit Thomas schwächelt. Freilich vor allem deshalb, weil der Autor dem linken Ideologen eher moralisierendes Geschwurbel („wir driften auseinander“) in den Mund legt, während der rechtspopulistische Gegner mit Macher-Realismus auftrumpft.

Zudem würden psychische Abgründe tiefer aufklaffen, wenn sich der Abend je zwischen aufgeschrillter Family-Soap und bürgerlicher Höllenfahrt entscheiden könnte. Schon Palmetshofer hat Helenes Selbstmord nach Loths Flucht gnädig wegretuschiert. Sostmann aber verschenkt Marthas Totgeburt-Szene als vages Schattenspiel und gibt dem Riesenbaby das bedeutungsschwangere Schlusswort. Einhelliger Beifall.

Zwei Stunden ohne Pause. Wieder am 14.12. und 22.12., 20 Uhr. Karten-Tel.: (0221) 28400.