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Kölner Schlagzeuger Leif BergerDer Meister am Beckenrand

4 min
Leif Berger schaut in die Kamera.

Leif Berger denkt in komplexen Rhythmen.

Leif Berger ist ein überragender Schlagzeuger und ein ebenso faszinierender Klangästhet. Ein Porträt des Kölner Jazzmusikers.

Manche Rockbands bekommen einfach nicht genug vom Schlagzeug. Von den Allman Brothers bis zur Tedeschi Trucks Band setzen sie es gleich doppelt oder dreifach ein, um Sound und Rhythmen wuchtiger wirken zu lassen. Auch im Jazz war und ist dies immer mal der Fall: Einst steigerte John Coltrane dank Elvin Jones und Rashied Ali sein Energielevel, Ornette Coleman setzte im Double-Quartett auf Billy Higgins und Ed Blackwell, zeitgenössische Ensembles wie Snarky Puppy und Sons of Kemet erhöhen ebenfalls ihr Schlagwerk.

Auch Leif Berger konnte man schon „verdoppelt“ erleben: Zum Abschluss der Cologne Jazzweek 2025 trugen er und die italienische Schlagzeugerin Francesca Remigi maßgeblich zum brodelnden „Bitches Brew“-Feeling in Fabian Dudeks Ensemble Night by Night bei. Doch um ehrlich zu sein: Im Regelfall ist Leif Berger allein bereits mehr als raum- und klangfüllend. Was der Ausnahmemusiker an technischen Finessen aus dem Ärmel schüttelt, wie er kunstvoll polyrhythmische Strukturen aufbaut, mit frappanter Taktsicherheit Patterns und ostinate Muster trommelt und sie wie nebenbei mit den herrlichsten Arabesken versieht – das ist immer wieder ein Erlebnis.

Mühelos changiert er zwischen energetischer Dynamik und feiner Filigranarbeit. Auf ein Rhythmusgewitter kann unvermutet ein Wechsel im Timing folgen, mal dramaturgisch geplant, mal spontan improvisiert. Bei allem ist Berger ein hellwacher Zuhörer, der seinen Mitspielenden im richtigen Moment die notwendigen Entwicklungsräume öffnet. Auf „Recent“, dem fulminanten, neuen Album von Saxofonist Fabian Dudek, prägt er federführend Themen und Motive. Pianist Felix Hauptmann erhöht mit wenigen, präzisen Tönen und Akkorden die Klangdichte, steigert sie gemeinsam mit Ruth Goller am E-Bass, bis Dudek förmlich auf den Wellen surft. Dass er im Eröffnungsstück „Against“ nur kurz am Ende zu hören ist, macht Sinn: Das Album folgt einem dramaturgisch weiten Bogen, sein innerer Motor ist stets Leif Berger.

Von seinen Mitspielenden wünscht sich Leif Berger, überfordert zu werden

Berger (geb. 1995 in Münster) kam 2013 nach Köln, um an der Hochschule für Musik und Tanz Jazz-Schlagzeug bei Jonas Burgwinkel zu studieren. Schon zuvor hatte er sich für Jazz interessiert: „Der Funke sprang über, als ich ein Video mit Diana Krall sah, bei dem Peter Erskine Schlagzeug spielte. Da gab es Elemente, die ich nicht verstand, eine Art Geheimnis, über das ich mehr wissen wollte.“ Inzwischen ist ihm keine stilistische Tradition fremd, von seinen Mitspielenden wünscht er sich, stets überfordert zu werden: „Erst dann entstehen existenzielle Situationen, die ich sonst nicht herstellen kann.“ Mal sieht er sich im Gruppenspiel als empathischer Diplomat, mal steht er vor rigorosen Herausforderungen wie im Kollektiv Neon Dilemma mit Bassist Robert Landfermann und Pianist Elias Stemeseder: „Das Projekt ist das gemeinsame Chaos. Elias zwingt einen, sich ständig neu zu verhalten, Robert ordnet sich dieser Dynamik entweder unter oder übernimmt die Führung, je nachdem, was gebraucht wird. Wir machen Fehler und finden doch immer wieder hinein. Ein spannendes, prozessuales Spiel.“

Instrumentale Musik, so Berger, sei eine abstrakte Kunstform, sein Schlagzeug ein Werkzeug, das ihn daran erinnere, dass man eigentlich selbst das Instrument sei. „Mein Arbeitsprozess ist untrennbar vom Alltag. Künstler zu sein, heißt, in der Welt zu sein, und sich ihr gegenüber zu verhalten. Ich denke ununterbrochen über Musik nach, kann mir hier und jetzt im Kopf ein Schlagzeugsolo vorstellen.“ Ihm beim Spielen zuzuhören, ist ein wenig so, als würde man ihn beim Denken belauschen. Man erahnt, wie sehr er in komplexen Rhythmen und Klangbildern denkt, fortwährend formuliert, fabuliert und experimentiert.

Seine Gedanken- und Arbeitsprozesse legt Berger freimütig auch in jenen Werken offen, in denen er vorrangig als Komponist und Klangästhet unterwegs ist. Da erschafft er poetische Stimmungsgemälde, intime Momentaufnahmen, mitunter Vorstudien zu seinen Alben mit hintergründigen Titeln wie „Hinweis auf die Sonne“ oder „S̶e̶c̶r̶e̶t̶, Normalization“. Seine Vision ist es, „eine elektroakustische Musik zu schaffen, die Elemente aus Modern Jazz, Avantgarde, freier Improvisation, Spätromantik und Indie verbindet“. Rhythmisch operiert er mit Klangverschichtungen, Microtime und Subdivisions, was im Ergebnis zu sinnlichen Klängen mit Groove und lyrisch-romantischen Harmonien führt.

Zu den vielen Facetten des Leif Berger gehören neben seiner Arbeit als Bandleader und Sideman auch seine schillernden Pop-HipHop-Populärmusik-Abenteuer mit der großartigen Band Salomea sowie Felix Hauptmanns Trio Percussion, zu dem noch Bassist Roger Kintopf gehört. „Das alles parallel zu fahren, ist ein spannendes ‚Dilemma‘, bei dem ich herauszufinden versuche, wie ich alles ineinander verweben kann, damit das eine vom anderen profitiert.“ Daraus resultieren Meisterwerke wie aktuell Hauptmanns Album „Percussion III“, ein phänomenales Klanglabyrinth, eindringlich, mit Momenten purer Schönheit. Die Ballade „Warmth“ ist gerade mal zwei Minuten lang und doch eine zarte Symphonie – wie gewebt, dank Leif Bergers gleißender Becken.


Aktuelle Alben mit Leif Berger: Fabian Dudek: Recent (Furusato Records); Felix Hauptmann: Percussion III (Unit Records); Leif Berger: Secret, Normalization (Klaeng Records)