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Kölner SommerfestivalRunter vom Flokati, Leonard Cohen!

4 min

Les Ballets Jazz de Montréal gastieren mit ihrem Leonard-Cohen-Programm „Dance Me“ in der Philharmonie.

Les Ballets Jazz de Montréal gastiert mit seinem gefeierten Programm „Dance Me“ in der Philharmonie. Ist das nun Kitsch oder große Kunst?

„Komm zum Fenster, mein kleiner Schatz“, fordert die blonde Frau im kurzen, schwarzen Kleid, „ich würde Dir gern aus der Hand lesen.“ Eigentlich sollte sie ja tanzen, schließlich gehört sie zum 14-köpfigen Ensemble des Les Ballets Jazz de Montréal, das gerade in der Kölner Philharmonie gastiert.

Aber jetzt sitzt sie am linken Bühnenrand und singt, ungekünstelt und mit klarer Stimme. Singt „So Long, Marianne“, Leonard Cohens berühmtes Abschiedslied an seine norwegische Geliebte und Muse, Marianne Ihlen. Ist in diesem Moment selbst die Muse, die der irrfahrende kanadische Dichter 1960 auf der griechischen Insel Hydra traf.

Dann unterbricht sie ihren Gesang und im Bühnenhintergrund taucht ein Mann mit Hut und dunklem Trenchcoat auf, ein anonymisierter Avatar des Dichters, und vom Band hören wir den Brief, den Cohen am Ende seines Lebens der sterbenden Marianne Ihlen schrieb: „Ich bin Dir so dicht auf den Fersen, wenn Du Deine Hand ausstreckst, kannst Du meine wohl erreichen. Jetzt möchte ich Dir einfach nur eine sehr gute Reise wünschen. Leb wohl, alte Freundin, wir sehen uns auf dem Weg.“

Das Ende einer Liebe als Generalprobe für das Lebensende

„Dance Me“ hat Kanadas populärste Modern-Dance-Kompanie seine Hommage an den 2016 gestorbenen Dichter und Romancier, Wüstling und Gottsucher, Lebemann und Mönch, den warmherzigsten aller Zyniker und berühmtesten Sohn ihrer Stadt, genannt. „Dance Me to the End of Love“ lautet der komplette Titel des anzitierten Songs.

Entstanden ist diese Reise ans Ende der Liebe noch mit dem Segen des Meisters, es sollte eine Verbeugung zu Lebzeiten werden, jetzt tourt das Programm bereits seit 2017 als sprunghaftes Vermächtnis um den Globus. Sprunghaft, denn man wundert sich, wie viel Bewegung sich aus den Balladen, Walzern und Midtempo-Songs des brummeligen Barden ziehen lässt, zu dessen sonorem Bariton man sich einst bestenfalls auf dem Flokati wälzte. Die eine offensichtliche Uptempo-Nummer – Cohens quasi-terroristisches Manifest „First We Take Manhattan“ – hat man sich denn auch für das rauschhafte Finale aufgespart.

Ein Pas de Deux aus „Dance Me“

Drei prominente Choreografen – der Grieche Adonis Foniadakis, die Belgierin Annabelle Lopez Ochoa und der Brite Ihsan Rustem – haben 15 Songs und ein Gedicht unter sich aufgeteilt. Wer genau was choreografiert hat, das erschließt sich zumindest mir als Tanzlaien nicht, aber vermutlich soll es das auch gar nicht, die Show eint jene kommerzielle Glätte, die vielleicht das Fachpublikum abschreckt, aber den breiten Erfolg erst ermöglicht. Dass hier technisch auf höchstem Niveau getanzt wird, kann freilich niemand ernsthaft bestreiten.

Viel wichtiger ist ohnehin, dass „Dance Me“ durchgehend den Eindruck vermittelt, ganz nah an Werk und Person Leonard Cohens zu bleiben. Dass viele seiner Lieder zu erotisch verzweifelten Pas de deux einladen, versteht sich von selbst, am eindrücklichsten vielleicht beim frühen Hit „Suzanne“, der Geschichte einer faszinierenden, gleichwohl misslungenen Verführung. Dementsprechend hüllt hier die Tänzerin ihren Partner geradezu ein, umschlingt ihn mit ihrem Körper, klettert auf seine Schultern, berührt dabei kein einziges Mal die Bühnenbretter.

Auch in den Kostümen zeigen sich Geschlechterrollen von vorgestern: Lange dunkle Hosen für die Männer, flatternde weiße Hemden für die hosenlosen Frauen. Immerhin: Das entspricht dem 1934 geborenen Dichter. Als Popstar war er spät berufen, er blieb zeit seines Lebens ein Charmeur alter Schule.

Allerdings mit der wunderbaren Fähigkeit, sich selbst auf die leichte Schulter zu nehmen. Diesen Humor trifft das Ballets Jazz unter anderem mit einer wunderbaren Nummer zu „Tower of Song“, in der lange Beine zu tippenden Fingern und nebeneinander aufgereihte Schreibmaschinen zu Klaviertasten werden. So bietet „Dance Me“ – bei bester Unterhaltung – eine 360-Grad-Sicht auf Leonard Cohen.

„Ich wünschte, es gäbe einen Vertrag zwischen Deiner Liebe und meiner“, erklingt nach knapp 80 pausenlosen Minuten des Meisters Stimme zum letzten Mal im späten Song „Treaty“. Ob er Gott meint oder Marianne oder eine letzte Beziehung, bleibt unklar. Aber falls Les Ballets Jazz de Montréal an dieser Stelle ihr Publikum gemeint haben, das sich zum Schlussapplaus geschlossen erhebt, kann man feststellen: Vertrag erfüllt.

„Dance Me“ ist noch bis zum 9. August in der Philharmonie zu sehen. Tickets ab 79,99 Euro