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Kulturkampf in Sachsen-AnhaltWarum Rechtskonservative es ausgerechnet auf das Bauhaus abgesehen haben

6 min
Die Gründer der berühmten Kunst- und Designschule auf der Glasfassade des Schulgebäudes in Dessau

Szene aus der MDR-Doku "Der Bauhaus-Code": Die Gründer der berühmten Kunst- und Designschule auf der Glasfassade des Schulgebäudes in Dessau

Das Bauhaus eckte schon immer an. Jetzt, über 100 Jahre nach seiner Gründung, steht es wieder im Mittelpunkt eines Kulturkampfes. 

Gerade einmal 14 Jahre lang existierte das Bauhaus – gemessen an anderen Kunsthochschulen ein Wimpernschlag. Der Geist der Schule aber überdauerte die Zeiten, überwand alle Grenzen und ist noch immer groß genug, um auch mehr als 100 Jahre später zum Mittelpunkt eines haarsträubenden Kulturkampfes zu werden: Schon im vergangenen Herbst bezeichnete die AfD in Sachsen-Anhalt das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ und Zeichen „antideutscher“ Gesinnung – und kündigt jüngst in ihrem Wahlprogramm an, nach einer möglichen Regierungsübernahme in dem Bundesland die Fördermittel für den Bauhaus-Standort in Dessau zu kürzen.

Die Antwort von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und prominenten Institutionen wie dem Internationalen Museumsrat, der Deutschen Unesco‑Kommission und der Bundesarchitektenkammer kommt sogleich in Form eines Manifests. Mit einem solchen hatte der Architekt Walter Gropius die Schule 1919 in Weimar begründet, eine neue Einheit zwischen Kunst und Handwerk proklamiert. Das jetzige Bekenntnis will wiederum die „Prinzipien“ der Schule verteidigen, ein „Zeichen für Freiheit, Offenheit und Kreativität“ setzen. Wie aber passt all das zusammen? Und warum überhaupt attackieren Rechtskonservative ausgerechnet eine 100 Jahre alte Kunst- und Designschule?

Das Bauhaus gab es nie

Eine neue MDR-Doku versucht sich jetzt in knappen 45 Minuten an einer Antwort auf diese Fragen, zeichnet die Geschichte des Bauhauses zwischen 1919 und 1933, zwischen seinen beiden Standorten Weimar und Dessau, überblicksartig nach und verortet es dabei vor allem auch in der Gegenwart – Stichwort Kulturkampf. Gegründet in Weimar als Zusammenschluss von Kunstakademie und Kunstgewerbeschule, sollten hier Künstler und Handwerker zusammenarbeiten, um gemeinsam Bauwerke zu gestalten. Auch Frauen durften hier studieren, wenngleich auf sie in der Regel das Abstellgleis Textilklasse wartete. Das erste Gebäude der Schule – Gropius hatte das Bauen zum „Endziel aller bildnerischen Tätigkeit“ erklärt – entstand allerdings erst 1923, als Teil der „Bauhaus-Ausstellung“, einer ersten öffentlichen Leistungsschau. Das „Haus am Horn“, eine Melange aus Musterhaus und Ausstellungsraum, weiß gestrichen, Flachdach, Quaderform, wurde zum gebauten Bauhaus-Symbol.

Doch statt Kunst und Handwerk im engeren Sinn wurde hier, auch gegen die Überzeugungen einiger Bauhäusler, vor allem die strategische Anbandelung des Direktors mit der Industrie sichtbar: Möbel, Geschirr und sogar das Haus selbst – alles sollte industriell massenfertigbar sein. Die Bauhaus-Antwort auf das dringende Bedürfnis nach bezahlbarem Wohnraum. „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ war fortan das erklärte Ziel, das die Schule später in Dessau konsequent weiter verfolgte.

Eine durchgängig einheitliche Formsprache gab es in der gesamten Bestehenszeit ebenso wenig wie eine gemeinsame Gesinnung. „Das Bauhaus“ gab es nie. Alles war in ständiger Bewegung, lebte gewissermaßen von Widersprüchen, oder, wie es Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, in der Doku formuliert: „Das Beste am Bauhaus ist bis heute, dass es immer ein Ringen um Wege und Lösungen gab, dass man was ausprobieren, etwas wieder verwerfen und scheitern konnte – und dass man sich überhaupt nicht einig war. Das hat vermutlich die Qualität erzeugt, die wir jetzt so großartig finden.“ 

Utopische Möbel- und Lebensideen

Von Anfang an war das Bauhaus mehr als eine Kunsthochschule. Hier entstanden nicht nur utopische Möbel-, sondern auch Lebensideen. Auch das spielte eine Rolle, als die Schule in Weimar 1925 ihre Türen schließen musste: Bei den Landtagswahlen 1924 erlangten konservative und rechtsnationale Parteien die Mehrheit, die den Geist des Bauhauses als „undeutsch“ bezeichneten, da er nicht zu nationalen Traditionen passe. Genau die Rhetorik also, der sich jetzt auch die AfD bedient und mit der sich ihr kulturpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, bei diversen Reden und in der MDR‑Doku zitieren lässt.

1932 machten die Nazis das Bauhaus in Dessau – wo es seine kurze Blütezeit erlebte – endgültig dicht. Auch der Versuch Mies van der Rohes, die Schule als privates Institut in Berlin weiterzuführen, scheiterte 1933. Die Geschichte des Bauhauses als Kind der schicksalhaften Weimarer Republik ist, so gesehen, eine Steilvorlage, um die unheilvolle Prophezeiung einer sich wiederholenden Geschichte einmal mehr hervorzubeschwören: den Sieg der Rechten über die „rote Kaderschmiede“. Dabei war die Schule, wie erwähnt, auch ideologisch nie auf einem gemeinsamen Kurs. Offiziell war es am Bauhaus untersagt, eine offene politische Gesinnung zu äußern. Lediglich der zweite Bauhausdirektor, Hannes Meyer, war ein bekennender Marxist – unter seiner Leitung entstanden in Dessau Gebäudekomplexe, die wir heute als sozialen Wohnungsbau bezeichnen würden. Doch schon dem letzten Direktor, Mies van der Rohe, wurde später Opportunismus gegenüber dem Regime vorgeworfen. Und auch unter den Schülern schlossen sich einige der NSDAP an.

„Das Bauhaus ist ein Ausschnitt der Gesellschaft, es ist nicht besser und nicht schlechter“, bringt es die Kuratorin der Klassik Stiftung Weimar, Ute Ackermann, auf den Punkt. Die Vertreibung vieler – auch jüdischer – Bauhausschüler war es im Übrigen, die nach dem Ende der Schule maßgeblich zur weltweiten Verbreitung ihrer Gestaltungs- und Lebensideen beigetragen hat. Vor allem aber: Sein frühes Ende machte das Bauhaus endgültig zum Mythos – und damit bis heute zur perfekten Projektionsfläche von Idealen, Wünschen und Ängsten.

Der Mythos Bauhaus als Projektionsfläche

Die einen verklären den „Bauhausstil“, den es ohnehin nie gab, zum ästhetischen Allheilmittel; in der Immobilienbranche reicht das Etikett, für jeden noch so beliebigen Neubau, der ein Flachdach, weißen Putz und eine einigermaßen kubische Form aufweist. Auf der anderen Seite war die sachliche, auf Funktion, Material und Gebrauch ausgerichtete Formensprache der Bauhausarchitektur Rechten schon vor 100 Jahren ein Dorn im Auge und stand für Verlust an Traditionen und Moral. Ein Vorwurf, den die AfD jetzt augenscheinlich wieder aufleben lässt. Um welche Traditionen es gehen mag, bleibt allerdings offen. Allein: Um eine ernsthafte kunsthistorische Auseinandersetzung geht es hier ohnehin nicht, auch wenn die MDR-Doku das ein Stück weit nahelegt.

Dabei ist die Anti-Bauhaus-Kampagne der AfD alles andere als harmlos. Sie ist Teil des in dieser Zeitung bereits ausführlich besprochenen, großangelegten kulturpolitischen Programms der Partei, für das Sachsen-Anhalt als „Musterland“ dienen soll. In dessen Mittelpunkt steht die Wiedergewinnung jener „stabilen Nationalidentität“, die angeblich durch kollektive Schuldkomplexe und „Nationalmasochismus“ verloren gegangen sei. Auch im Hinblick auf das Bauhaus geht es also um nichts anderes, als sehr explizite historische Verbindungen zu knüpfen, ein sichtbares Feindbild zu schaffen im Kampf gegen eine pluralistische Erinnerungskultur und eine kritische Auseinandersetzung mit der NS‑Vergangenheit.

Die Ideen des Bauhauses haben ihre Standhaftigkeit lange bewiesen, Verfolgung, Exil und wechselnde politische Vereinnahmungen überdauert. Nun müssen sie erneut ihre Resilienz untermauern.


„Der Bauhaus-Code – Revolution des Alltags“, 45 Minuten, zu sehen am Dienstag, 25. August, um 22.15 Uhr im MDR-Fernsehen und jederzeit in der ARD-Mediathek.