Mitglieder der australischen Warlpiri haben einen künstlerischen Weg gefunden, altes Unrecht zu thematisieren. Ihre Arbeiten sind jetzt im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zu bewundern.
Kunst der First Peoples im RJMKölner Schau zeigt, wie sich Menschen ihre Kultur zurückerobern

Sabrina Napangardi Granites, Geraldine Napangardi Granites, Athena Nangala Granites and Valda Napangardi Granites haben auf diesem Satellitenbild die Landschaft mit ihrer Kunst versehen und die Ortschaft bewusst frei gelassen.
Copyright: Studio Pramudiya
Der europäische Blick auf Australien begann im 17. Jahrhundert, als Seefahrer verschiedener Nationen den Kontinent „entdeckten“. Mit der Ankunft von James Cook im Jahr 1770 setzte eine gezielte Kolonialisierung ein.
Dass schon seit mehr als 50 000 Jahren Menschen das Land ihr Eigen nennen, ignoriert man von Beginn an. Es wird nach mitteleuropäischen Standards kartografiert, besiedelt und beackert, mit den Geschichten und Gepflogenheiten der First Peoples setzen die Weißen sich gar nicht erst auseinander.
Der britische Fotograf Patrick Waterhouse hat mit Mitgliedern der Warlpiri in Zentralaustralien versucht, dieses Unrecht künstlerisch zu revidieren. Unter dem Titel „Revisions“ sind die gemeinsamen Arbeiten nun im Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen.
Weckruf in Australien
Nachdem er in der Schule nichts über Kolonialismus gelernt habe, sei sein erster Besuch in Australien ein „Weckruf“ gewesen, erzählt der 42-Jährige. Durch einen Kontakt mit dem Warlukurlangu Art Center entwickelte sich über zehn Jahre das Projekt „Revisions“.
Zunächst waren es alte Karten, später auch Satelliten-Bilder, Flaggen oder Fotos, die Waterhouse mitbrachte und die von den Mitgliedern des Centers bearbeitet wurden. Mit Acrylfarben werden Muster aus einzelnen Punkten erstellt – die wiederum individuelle, von Generation zu Generation weitergegebene Geschichten und Traditionen thematisieren. Und so werden die Bilder — sowohl optisch als auch spirituell- mit dem aufgefüllt und aufgeladen, was die Warlpiri ausmachen.
„Die Karten, die von den Kolonialisten angefertigt worden seien, hätten das, was schon dort war, nicht berücksichtigt, erzählt Sabrina Napangardi Granites. Sie ist eine der Künstlerinnen, die zur Ausstellungseröffnung nach Köln gereist sind. „Unsere Großeltern haben uns gesagt, dass wir das Land, den Boden als unser Eigentum behandeln sollen; das bewahren wir in unseren Herzen.“
Fortführen der Tradition
Schon ihre Mutter habe an dem Projekt mit Patrick gearbeitet, sie wolle diese Tradition weiterführen. „Patrick brachte uns die Karten und wir konnten unsere Kultur darauf miteinbringen.“
So wurde eine alte Landkarte Australiens komplett mit Mustern überzogen – und die Botschaft ist eindeutig: Das ist unser Land, jeder Quadratmeter ist durchdrungen von „Jukurrpa“.
Das Wort aus dem Warlpiri lässt sich nicht mit einem Wort ins Deutsche übersetzen. Vorsichtig formuliert, umfasst es, was Mensch und Natur in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausmacht, eine Art Energie oder Geist, die allem innewohnt und alles werden lässt.
Alles „Importierte“ bleibt frei
Doch die Übermalungen sind nicht immer ganzflächig: Auf Satelliten-Fotos versehen die Künstlerinnen und Künstler zwar die Landschaft mit Mustern, lassen dabei aber die Siedlungen, weil diese nicht ins ursprüngliche Bild gehören, frei.
Gleiches geschieht mit Gemälden und Fotografien von in Australien beheimateten Tieren: Während sie verziert werden, bleibt der Hintergrund unverändert. Umgekehrt geht man bei Bildern der Kolonialisten oder von ihnen eingeführten Tieren vor: Sie erhalten selbstverständlich keine Muster, sondern nur die sie umgebende Landschaft.
Heikler ist es mit Fotos von Mitgliedern der Warlpiri. Die Geschichte der ethnografischen Fotografie ist davon geprägt, dass Menschen überall im globalen Süden abgelichtet wurden, ohne gefragt zu werden, oder dafür unter Druck gesetzt wurden. Die Resultate bekamen sie praktisch nie zu sehen.

„Enough Picture“, bearbeitet von Dorothy Napurrurla Dickson.
Copyright: Rautenstrauch-Joest-Museum
Patrick Waterhouse überließ seine Porträts den Warlpiri, die diese gemäß der Familientradition mit einem Muster versahen. Auf den ausgestellten Arbeiten sind zwar nicht, wie es unsere europäischen Augen gewöhnt sind, einzelne Personen zu erkennen. Stattdessen wird die jeweilige Identität über wiederkehrende Ornamente transportiert.
Klug und undogmatisch
Und so baut diese kluge, von Mitgliedern des Warlukurlangu Art Center kuratierte Schau eine Brücke zwischen Kulturen und ermöglicht auf unaufdringliche und undogmatische Art das Verstehen der anderen.
Übrigens ist auch „Entdecker“ James Cook bearbeitet worden: In seinem Porträt wurde ein roter Punkt auf die Nase gesetzt – eine universell verständliche Aktion, auch jenseits der Kölschen Stadtgrenzen.
Bis 7. April 2024, Di bis So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr sowie erster Do im Monat: 10-22 Uhr. An diesem Wochenende sind drei der Künstlerinnen aus Australien zu Gast und führen etwa am Freitag, 16 Uhr, persönlich durch die Ausstellung. Mehr Informationen zum Rahmenprogramm unter www.rautenstrauch-joest-museum.de
