Abo

Kunstmuseum Villa ZandersMehr Ensor war im Rheinland selten

4 min
Eine Menschenmenge empfängt den auf einem Esel reitenden Jesus Christus.

James Ensors „Der Einzug Christi in Brüssel“ (1898)

Das Kunstmuseum in Bergisch Gladbach zeigt mehr als 100 Grafiken des belgischen Malers James Ensor – eine Werkschau im Kleinen.

Als James Ensor begann, seine ersten Grafiken in Druckplatten zu ritzen, hatte er in Belgien bereits eine stürmische Karriere als verlachter Maler hinter sich. Sonderlich viel wussten die Kritiker nicht mit den Masken und Fratzen anzufangen, die Ensor großzügig über seine Bilder verteilte, oder mit Skeletten, die in nervös hingestrichelten Bürgerhäusern gemütlich vor sich hindämmerten. An diesen Torwächtern des guten Geschmacks wollte sich Ensor mit den besser verkäuflichen Grafiken vorbeischleichen und sich ganz nebenbei an seinen von ihm lustvoll karikierten Verächtern revanchieren.

Ob es nun an den Grafiken lag oder daran, dass die Zeit für Ensor arbeitete: Ab Mitte der 1890er Jahre wurde seine ins Groteske verliebte und heute weltberühmte Kunst allmählich von Publikum und Kritikern akzeptiert und von seinen Künstlerkollegen zusehends verehrt. Als er 1903 vom belgischen König zum Ritter ernannt wurde, war sein kurzes, aber heftiges Interesse an der Grafik bereits wieder abgeflaut. Zwischen 1886 und 1899 schuf Ensor (aufgeteilt in zwei Etappen) den Großteil seiner insgesamt 133 Drucke; mehr als 100 Motive davon sind jetzt im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.

Keine der berühmten Obsessionen fehlt, oft in einem Motiv vereint

Mehr Ensor gab es im Rheinland lange nicht, versichert Ina Dinter, Direktorin der Villa Zanders, die über Ensor promoviert wurde und während der Recherchen zu ihrer Doktorarbeit auf einen belgischen Sammler stieß, der sich ausschließlich nach Ensor-Grafiken verzehrte; im Laufe der vergangenen 25 Jahre konnte er offenbar sämtliche Lücken schließen und um etliche von Ensor handkolorierte Exemplare ergänzen. In Reutlingen stellte Dinter diese Sammlung Deckers bereits 2023 vor, in Bergisch Gladbach firmiert sie ohne weitere Erklärung als Sammlung Quinensor – der Inhalt ist gleichermaßen spektakulär.

Die Gladbacher Ausstellung ist eine Ensor-Werkschau im Kleinen, keine der bekannten Obsessionen fehlt: der Tod, die Masse, die Maske und die Religion, oft genug in einem grafischen Motiv vereint. Man sieht, wie der leibhaftige Sensenmann eine entsetzte Menschenmenge durch die Straßen treibt, nimmt an einem grotesken Maskenball zu Christi Einzug in Brüssel teil (mit Ensor als Erlöser) und wundert sich über die Selbstverständlichkeit, mit der Ensor den belgischen König als dummdreisten Gottvater im Himmel karikiert. „Seid ihr nicht zufrieden?“, fragt Leopold II. auf seiner Wolke, während seine Soldaten eine aufgebrachte Menschenmenge niederprügeln.

In der Grafik zeigt sich Ensor nicht allein als Meister des Unheimlichen, sondern auch als Virtuose der Sozialkritik. Auf Blättern wie „Die schlechten Ärzte“ oder „Die guten Richter“ nimmt er sich in drastischer Einfachheit tagesaktuelle Skandale vor, und sogar eine scheinbar idyllische Landschaft mit Kirche (in bester flämischer Manier gestochen) entpuppt sich als lokalpolitische Mission. Das Kirchlein sollte abgerissen werden, ein Vorhaben, gegen das Ensor in mehreren Petitionen erfolgreich Stimmung machte.

Ensor nutzte die Grafik als schnelles Medium im Kampf gegen die Obrigkeit

Anscheinend nutzte Ensor die Grafik als schnelles Medium, um die Leute gegen die Obrigkeit und seine Kritiker aufzuwiegeln und für die Schönheit seiner flämischen Heimat zu werben. Geritzte Landschaften sind beim „Maler der Masken“ keine Seltenheit, selbst rokokohafte Liebesgärten finden sich bei ihm. Mitunter erprobte er seine Motive als Grafik, bevor er sie auf die Leinwand übertrug, ebenso häufig nahm ein Bild aber auch den umgekehrten Weg. Von seinem monumentalen Schlüsselwerk „Der Einzug Christi in Brüssel“ sind in Gladbach gleich zwei grafische Varianten zu sehen (darunter eine von Hand kolorierte). In diesem Fall nutzte Ensor den Druck, um aus einem Gerücht (das Gemälde hing in seiner Wohnung) durch Vervielfältigung eine Tatsache zu machen.

Der Sammler und sein Künstler haben den Wohnort gemein: den belgischen Badeort Ostende. Hier betrieb Ensors Familie Souvenirläden, in denen Karnevalsmasken zu den Hauptattraktionen gehörten, und hier erlebte der Künstler das Gedränge zur Badesaison. Beides hinterließ Spuren in der Künstlerseele. Die Menschen an sich waren Ensor bereits unheimlich genug; traten sie als Menge auf, war es um seine Gelassenheit endgültig geschehen. Allerdings konnte er auch anders, jedenfalls hielt er sich den touristischen Auftrieb im „Strandbad in Ostende“ satirisch (und souverän) vom Leib. Gemeinsam mit anderen Einheimischen bildet er das amüsierte Publikum (Ensor sitzt mit Fernglas auf einem Umkleidewagen), während sich die bauchklatschenden Städter freiwillig zu Zutaten einer Menschensuppe degradieren.

Will man das von James Ensor sehen, wenn man gleich daneben seltsame, mit ihren Masken verschmolzene Bürger haben kann? Auch der unklassische Ensor hat unsterbliche Meisterwerke geschaffen, etwa den „Pisser“, in dessen Gestalt er sich selbst gegen eine mit Strichmännchen beschmierte Mauer pinkeln lässt, oder den „Sternenhimmel über dem Friedhof“, ein beinahe abstraktes Nachtbild, das auf eine unbrauchbare, von Ensor mit demonstrativer Unbekümmertheit umgewidmete Druckplatte zurückgeht. Das Blatt stammt aus dem Jahr 1888, als Ensors Ruf bei den Kritikern noch gründlich ruiniert war. Gänzlich ungeniert zog er daraus den Schluss, der Erlöser der zeitgenössischen Kunst zu sein.


„James Ensors fantastische Welten – Druckgraphik aus der Sammlung Quinensor“, Kunstmuseum Villa Zanders, Konrad-Adenauer-Platz 8, Bergisch Gladbach, Di., Fr. 14–18 Uhr, Mi., Sa. 10–18 Uhr, Do. 14–18 Uhr, So. 11–18 Uhr, bis 15. November 2026