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lit.CologneWie unterbricht man die Gewaltspirale, Edgar Selge?

7 min
Edgar Selge beim Screening des Kinofilms Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes im Kino am Raschplatz. Hannover, 14.10.2025 *** Edgar Selge at the screening of the movie Leibniz Chronik eines verschollenen Bildes at Kino am Raschplatz Hanover, 14 10 2025

Edgar Selge

Der bekannte Schauspieler über sein neues Buch, „Juras letzter Winter“, und über eine Unterschrift, die er bereut hat.

Edgar Selge, in Ihrem neuen Roman, „Juras letzter Winter“, geht es um eine Begegnung über einen Graben aus Zeit und Raum hinweg. Der Erzähler liest das Tagebuch des 16-jährigen Jura Rjabinkin, der während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht langsam verhungert. Wie kamen Sie zu diesem Tagebuch?

Edgar Selge: Der ganze Roman ist der Bericht einer Lektüre-Erfahrung. Die beginnt damit, dass der Ich-Erzähler Anfang 2014 die Zeitung aufschlägt und die Rede eines 95-jährigen russischen Schriftstellers liest, den der Bundestag zum Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz und Leningrad eingeladen hat. In dieser Rede beschreibt Daniil Granin, so heißt er, die 872 Tage der Einkesselung Leningrads und die entsetzlichen Leiden seiner Bewohner. Für sein berühmtes „Blockadebuch“ hat Granin viele Augenzeugen befragt und auch Tagebücher verwendet. In seiner Rede zitiert er auch aus dem Tagebuch von Jura. Der Erzähler ist von dieser speziellen Stelle so gepackt, dass er sich einige Jahre später dieses Tagebuch besorgt, es übersetzen lässt und zu seinem Projekt macht.

Was hat Sie an Jura Rjabinkins Aufzeichnungen interessiert? Seine Beobachtungsgabe, seine literarische Neugier oder die unmöglichen Bedingungen, unter denen er schrieb?

Vieles. Granin erzählt, wie Jura losgeschickt wird, um für Nahrungsmittel anzustehen. Er steht da teilweise zehn Stunden. Mal kriegt er was, mal kriegt er nichts. Das, was ihm zusteht, isst er sofort auf. Und immer noch etwas mehr. Damit gefährdet er das Leben seiner Mutter und seiner kleinen Schwester. Das löst unglaubliche Gewissensbisse bei ihm aus. In seinem Tagebuch beklagt er sich über seinen Charakter, versucht, seine eigene Würde unter diesen entsetzlichen Bedingungen zu retten. Dieser Zusammenhang von der Gier, die der Hunger auslöst, und von seinen Skrupeln, hat mich vom ersten Moment an angezogen. Obwohl ich weiß, dass ich ein Wohlstandskind bin und diese Situation emotional überhaupt nicht ermessen kann, fühle ich mich dieser speziellen Disposition doch sehr verwandt, und sie scheint mir vertraut. Das ist das Angebot der Literatur: Man kann mit ihr auch solche unangemessenen Assoziationen beschreiben.

Sechs Wochen nach Granins Rede besetzen russische Truppen die Krim. Der Autor, schreiben Sie, wäre danach wohl nicht mehr in den Bundestag eingeladen worden.

Da hätte man einen solchen hochdekorierten russischen Schriftsteller, der auch ein Schriftsteller des offiziellen Russlands ist, nicht mehr einladen können. Das ist wichtig zu erwähnen, weil sich Russland in der Zeit, in der dieses Buch geschrieben wird, zu einem tödlichen Aggressor entwickelt hat, der die ukrainische Bevölkerung diffamiert und ihrer Würde beraubt.

Ich habe das damals, wie viele, aus einem leidenschaftlichen Pazifismus heraus unterschrieben.
Edgar Selge über den offenen Brief an Olaf Scholz

Sie schreiben auch über den offenen Brief an Olaf Scholz, den Sie 2022 mitunterzeichnet haben.

Der damalige Bundeskanzler hat, nachdem die Russen in der Ukraine einmarschiert sind, die Zeitenwende ausgerufen. Sechs Wochen später gab es den ersten offenen Brief von einigen Künstlern und Intellektuellen, das sind Leute wie Julian Nida-Rümelin und Alexander Kluge, Gerhard Polt und viele andere namhafte Soziologen, Völkerrechtler, Historiker. Ich war auch dabei. Der Brief unterstützte Scholz in seiner vorsichtigen Haltung, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern. Daraufhin bekam ich Post von einer jungen Kunststudentin, die während der Kriegszeit als NGO-Mitarbeiterin in der Ukraine gearbeitet hat. Sie war entsetzt, dass ich diesen Brief unterschrieben habe.

Sie treffen sich dann in Hamburg bei Ihrem Verlag.

Ja. Diese Szene wird im Buch geschildert. Und im Verlauf dieses Treffens merkt der Erzähler langsam, dass er da etwas unterschrieben hat, was er nicht hätte tun dürfen. Weil er weder intellektuell noch emotional in der Lage war, einen solchen Brief zu unterschreiben. Als er darüber ein fiktives Gespräch mit Jura Rjabinkin führt, wird ihm klar, dass Jura das ähnlich einschätzt. Der ist froh über jeden Panzer, über jedes Flugzeug gewesen, das die Amerikaner und Engländer geliefert haben, damit die Russen sich gegen die Deutschen verteidigen können.

Aus welchen Überlegungen oder welchem Impuls heraus haben Sie damals unterzeichnet, und aus welchen Überlegungen bereuen Sie das jetzt?

Ich habe das damals, wie viele, aus einem leidenschaftlichen Pazifismus heraus unterschrieben. Und aus der Überlegung heraus, dass dieser Krieg sehr, sehr lange dauern wird und die Ukrainer ihn hoch bezahlen müssen mit Menschenleben und Gebietsverlusten. Das sind keine abwegigen Gedanken. Trotzdem ist so eine Unterschrift, finde ich heute, nur zu leisten, wenn man sich mehr damit befasst, als ich es damals getan habe. Ich hätte in die Ukraine fahren müssen. Ich hätte mit Ukrainern sprechen müssen.

Edgar Selge: „Juras letzter Winter“, Rowohlt, 256 Seiten. 25 Euro

Hinter Ihrer Unterschrift verbirgt sich aber auch die Frage, die den Roman antreibt: Wie unterbricht man diese Gewaltspirale?

Ja, wie unterbricht man die? Das ist genau die Frage des Buches. In den fiktiven Gesprächen fragt Jura den Erzähler immer wieder: Warum liest du mich, warum gibt es diese Auseinandersetzung, was verbindet uns? Da entfährt dem Erzähler dieser Satz: Uns verbindet die Gewalt. Diese Gewalttätigkeit, die euch in Leningrad eingeschlossen hat, sagt er, und auch diese kulturelle Arroganz gegenüber einem Volk, wie es damals hieß, von „Untermenschen“ und Politkommissaren – das steckt alles noch in mir drin.

Sie zitieren unter anderem die Direktive, die General Max von Schenckendorff für Soldaten im Barbarossafeldzug …

„Richtig handelt, wer unter vollkommener Hinansetzung etwaiger persönlicher Gefühlsanwandlungen rücksichtslos und unbarmherzig zupackt.“ Wenn sich ein großer Teil eines Volkes so etwas einprägt, um Krieg zu führen, dann ist das etwas, das man nicht mit Kriegsende sofort wieder ablegt. Das bleibt und überträgt sich auch auf die nächste Generation. Ich wollte dieses Buch nicht aus einer neutralen Position heraus schreiben, sondern subjektiv. Der Erzähler bekennt sich zu dieser Gewalt und tut nicht so, als sei sie etwas, das ihm fremd sei.

War Ihnen von Anfang an klar, dass das Buch diese Form haben muss?

Nein, das war mir nicht klar. Im zweiten Kapitel beschreibe ich auf fast konventionelle Weise den Anfang des Tagebuchs. Irgendwann habe ich gemerkt, dass sich auf diese Weise keine Nähe herstellt zwischen Tagebuchschreiber und Erzähler. Dann sagt Jura dem Erzähler: Klapp das Buch zu und sprich mit mir. So wird dieser Junge ein Teil seines Lebens. Das ist, glaube ich, eine Leseerfahrung, die einige teilen können: Das, was man liest, verselbstständigt sich und begleitet einen im Alltag auf einer Reise, die man nicht vorausgesehen hat.

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Sie haben erst spät als Schriftsteller debütiert. Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass bestimmte Erfahrungen nicht mehr nur gespielt, sondern aufgeschrieben werden wollen?

Nein, ich habe dieses erste Buch über meine Familie immer schreiben wollen. Weil ich immer schon gespürt habe, dass das eine typisch deutsche Familie ist, in der die Nachkriegszeit sehr lebendig ist, in der auch der Antisemitismus noch weiterlebt. Der wird zwar irgendwann von den Eltern überwunden, die fahren nach Auschwitz und nach Israel. Der Junge, ihr Kind, kann beobachten, wie lange es braucht, um die Prägung der Nazizeit in den Menschen abzubauen. Diese Geschichte wollte ich immer erzählen, weil sie anders ist als viele andere Erzählungen über diese Zeit, in der die Eltern entweder Widerstandskämpfer sind oder Mitläufer. Mit 69 Jahren habe ich mir gesagt: Wenn du es jetzt nicht machst, wirst du es nie machen. Schreiben ist ein Handwerk, das muss man lernen. Fünf Jahre habe ich an diesem ersten Buch geschrieben, und beim zweiten war es wieder so. Also: Es war höchste Eisenbahn.

Hat das Schreiben über Ihre Kindheit und jetzt über Ihre Jugend etwas an der Beziehung zu Ihren Eltern verändert? Oder an der Wirkung, die diese Erinnerungen auf Sie haben?

Das glaube ich schon. Ich denke manchmal, ich würde das anders schreiben, wenn meine Eltern noch lebten. Oder ich würde andere Gespräche mit ihnen führen. Trotzdem ist es eine Art von Liebeserklärung an meine Eltern, weil ich mich einfach sehr genau mit ihnen auseinandersetze. Die Ursprungsfamilie ist etwas, das einen lebenslang nicht verlässt.

Ihr Vater, schreiben Sie an einer Stelle, wäre jetzt 122 Jahre alt. Trotzdem hört diese Auseinandersetzung nicht auf.

Nein, sie hört nicht auf. Die Toten begleiten einen. Ich nehme diesen Kontakt gerne an, weil er eine Verbindung herstellt, die mir unglaublich wichtig erscheint. Es geht nicht nur darum, für sich selbst und für den Augenblick zu leben, sondern zu wissen, woher man kommt, wohin man geht und was man hinterlässt.

Was haben Sie von der Begegnung mit diesem 16-jährigen tragischen Tagebuchschreiber gelernt?

Ich glaube, das Wichtigste ist sein Kampf um die eigene Menschlichkeit in der Situation seines sich lang hinziehenden Sterbens. Er begreift, dass er sein eigenes Leben nie wird leben können, und hält trotzdem an den Werten fest, die er für wichtig hält. Das ist eine ungeheure Leistung. Jura zeigt eine Reife, eine Ernsthaftigkeit und ein Verantwortungsgefühl gegenüber seinem eigenen Leben und Sterben, die für mich vorbildhaft sind. Das sind Dinge, die uns heute fehlen, wo wir so vieles in die sozialen Medien auslagern. Am meisten geht uns dabei das Gefühl für Nähe und für menschlichen Kontakt verloren, auch für uns als Gemeinschaft. Man geht einer Partei wie der AfD auf den Leim, weil sie ein solches Gemeinschaftsgefühl beschwört, wenn auch mit ganz fürchterlichen Klischees. Ich denke im Moment viel darüber nach, wie wir ein Gegenbild für uns erzeugen könnten, das emotional im positiven Sinne genauso stark ist, dessen Werte aber im demokratischen Handeln und Denken und im offenen und freien Diskurs bestehen.