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Literarische AnerkennungHeike Geißler erhält den Heinrich-Böll-Preis für ihr Werk

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Heike Geißler Böll-Preisträgerin 2026

Heike Geißler ist die Böll-Preisträgerin 2026.

Die Schriftstellerin Heike Geißler wird in köln mit dem Heinrich-Böll-Preis geehrt.

Wer in einer Buchhandlung nach dem Regal mit den „Reportage-Romanessays“ sucht, wird vermutlich nicht fündig. Doch genau diese Bezeichnung taucht immer wieder auf, wenn es darum geht, Heike Geißlers 2014 erschienenes Werk „Saisonarbeit“ zu umschreiben, nachdem sich sämtliche gängigen Genres als ungeeignet für eine Einsortierung erwiesen.

In dem Buch schildert die heute 48-Jährige ihre Erfahrungen als Saisonkraft im Logistikzentrum von Amazon in Leipzig. Obwohl die Handlung biografisch ist, schafft Geißler eine Distanz zwischen Erzählstimme und Romanfigur, indem sie das Geschehen in der zweiten Person Plural schildert, die Protagonistin also siezt.

Seit sie 2002 mit ihrem literarischen Debüt „Rosa“ erstmals von sich Reden machte, ist Geißler ihrem beherrschenden Thema treu geblieben: Sie schreibt über Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. Das brachte der schon vielfach Ausgezeichneten nun auch den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln ein, den vor ihr schon literarische Größen wie Elfriede Jelinek, Dieter Wellershoff, Herta Müller und der just zwei Tage vor der Preisverleihung 94-jährig verstorbene Alexander Kluge entgegennehmen durften.

Erstkontakt mit Böll

in der SchuleAm Vorabend des Festaktes im Rathaus fand im Interim der Stadtbibliothek die traditionelle Lesung mit der Preisträgerin statt. Als Moderator mit dabei: Geißlers langjähriger Weggefährte und Freund Matthias Zeiske. Heute verantwortlich für das Literaturprogramm am Haus der Kulturen der Welt, lernte er Geißler 2014 beim Spector Verlag kennen, wo er als Lektor tätig war, als dort ihr bis dato größter Erfolg „Saisonarbeit“ erschien.

Der Heinrich-Böll-Preis sei ein Preis für „Autoren mit Haltung“, hob Zeiske hervor und wollte von Geißler wissen, was sie mit dem Namensgeber des Preises verbinde. So richtig, gestand diese, könne sie das noch gar nicht ermessen. Ihr Erstkontakt mit Böll und seinem Werk habe, wie wohl bei den meisten Menschen, in Form von Schullektüre stattgefunden.

Aktualität von „Katharina Blum“

Als sie aber kürzlich noch einmal „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gelesen habe, sei sie erstaunt gewesen, wie zeitlos und aktuell das Buch auch nach einem halben Jahrhundert noch sei. Auf jeden Fall, gestand sie augenzwinkernd, mache Böll zu lesen mehr Spaß als Klopstock. Hintergrund: Zeitgleich mit dem Böll-Preis war ihr 2025 auch der Klopstock-Preis des Landes Sachsen-Anhalt zugesprochen worden. Da könne man ja fast von einer posthumen Kränkung sprechen, kommentierte Zeiske lachend.

Dass indes offensichtliche Parallelen zwischen Geißler und Böll bestehen, kam auch in der Rede zur Sprache, die Bürgermeisterin Derya Karadag am Abend der Preisverleihung stellvertretend für Oberbürgermeister Torsten Burmester hielt. Böll, hieß es da, bleibe als Schriftsteller in Erinnerung, „der Literatur nie als Rückzug aus der Welt begriffen hat, sondern als Einmischung.“

Autorin aus „Notwehr“

In diesem Sinn begreife auch Geißler ihr literarisches Tun: „Saisonarbeit“ habe „eine echte Debatte ausgelöst. Nicht weil es laut war, sondern weil es präzise war.“ Auch in ihrem übrigen Œuvre erkunde sie „die Zumutungen unserer Gegenwart. Ohne Herablassung, ohne einfache Urteile.“

Anders als man denken könnte, war das Schreiben nicht schon von Kindesbeinen an Geißlers Traumberuf. Vielmehr habe es sich „aus der Not heraus“ entwickelt. Vielleicht aber auch aus einer „romantischen Vorstellung vom Schriftstellerleben.“

Prosecco für den Chef

Und, ganz pragmatisch: Sie hatte damals tagsüber viel Zeit. Als Sekretärin arbeitete sie für einen Chef, der erst am Nachmittag produktiv wurde, so dass sie den Vormittag zur freien Gestaltung hatte. Ihr 2002 erschienener Debütroman „Rosa“ ist reine Fiktion und doch von Geißlers persönlichen Erfahrungen inspiriert: Bei der Protagonistin handelt es sich ebenfalls um eine junge Frau, die nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen will.

Dazu schilderte Geißler eine Anekdote: Ihr damaliger Chef habe pro Arbeitstag rund vier Flaschen Prosecco vernichtet (zu ihren Aufgaben als Sekretärin gehörte der Kauf derselben). Dies habe sie in „Rosa“ übernommen. In der englischsprachigen Ausgabe habe statt „Flaschen“ aber „Piccolos“ gestanden. Die Übersetzerin habe schlichtweg nicht glauben können, dass ein einzelner Mensch solche Mengen Prosecco vernichten könne.

Im Mai erscheint Geißlers neues Buch. Der Titel „Michaela Kohlhaas“ lässt keinen Zweifel daran, dass sie auch diesmal ihrem Lebensthema treu bleibt. Wie ließ der Oberbürgermeister noch gleich über seine Stellvertreterin ausrichten? „Ich bin gespannt, was Sie noch schreiben werden. Ich glaube, dass wir Ihre Fähigkeiten brauchen werden.“