"Wie ein seltsames Tier haben sich mich betrachtet. Der Rotwein wurde in Eiskübeln gekühlt. Wer weiß, was sie mit dem Champagner machen, wahrscheinlich kochen sie ihn." Madame Nielsen zeigt sich amüsiert von ihren Gastgebern in Houston, Texas.
Nach einer Lesereise durch die USA traf die in New York lebende dänische Performancekünstlerin gerade rechtzeitig in Köln ein, um ihren Roman "Der endlose Sommer" im Brunosaal vorzustellen. Wo Madame Nielsen auftaucht – die männliche und weibliche Attribute in ihrer Erscheinung vereinigt – sind Grenzüberschreitungen ein zentrales Thema.
Gefühle, die die Gesellschaft sprengen
Ihr Roman erzählt von einer Familie, in der die Gefühle die Fugen der aristokratischen Gesellschaft sprengen. Eine Gruppe junger Leute verbringt den Mittsommer auf einem Landgut. Wie im Rausch vergeht die Zeit, bis dann einer der Teenager in eine Affäre mit der Gutsbesitzerin und Mutter des Clans hineingezogen wird.
Madame Nielsens Prosa ist angefüllt mit sinnlichen Beschwörungen, die exaltiert und über die Maßen sentimental aufgeladen sind. Eine schwierige Ästhetik, die Moderator Tobi Müller an diesem Abend – in dessen Verlauf viel Fingerspitzengefühl von seiner Gesprächsführung gefordert war – sehr gut zu thematisieren vermochte.
Sabin Tambrea sorgt für eindrucksvollsten Moment
Die eindrucksvollsten Momente lieferte jedoch Sabin Tambrea, der noch vor wenigen Wochen in Claus Peymanns Inszenierung des "Prinz von Homburg" die Titelrolle spielte. Tambrea verlieh dem Text eine suggestive Dimension, indem er mit einer bohrenden Eindringlichkeit las, die hinter den ornamentalen Passagen eine Ahnung von Tiefe in Nielsens Roman aufkeimen ließ.
Die Liebe ist der zentrale Beweggrund in dieser Sommer-Tragödie, wobei Madame Nielsen mitunter schwärmerisch von der "Strahlkraft" der Liebe spricht, die alltägliche Situationen durch Beschwörung in "sakrale" Momente verwandelt. "Bei einem Glas Gerolsteiner Sprudel" sah sie sich jedoch überfordert, die Geheimnisse der Transzendenz zu erörtern.
"Die Liebe ist wie ein Obst"
Plötzlich steht die 55-Jährige dann aber doch wieder mit beiden Füßen auf der Erde und beschreibt ihrem Publikum, wie sich Verliebtheit in Liebe verwandelt und erst die Erfahrung eines gereiften Lebens der Liebe das nötige Gewicht verleiht. "Die Liebe ist wie ein Obst", erklärt Madame Nielsen, "das lange in der Sonne gelegen haben sollte."
Madame Nielsen, Der endlose Sommer, deutsch von Hannes Langendörfer. KiWi, 192 S., 18 Euro
