Mandy Fredrich"Wahnsinns-Arien singen immer die Frauen"

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Die Sopranistin Mandy Fredrich

Die Sopranistin Mandy Fredrich

Die Sopranistin Mandy Fredrich singt auf internationalen Bühnen. Als die Engagements in der Pandemie wegbrachen, baute sie sich ein zweites Standbein im Liedgesang auf. Jan Sting sprach mit ihr über ihr Programm „Amez-moi“, das sie am Donnerstag im Verein „Im Zentrum Lied“ aufführt

Ihr Konzertabend bei „Im Zentrum Lied“ steht unter dem Titel „Lieben Sie mich!“ Das klingt energisch und so, als ob das mit der Liebe gar nicht so einfach ist.

Das ist es oft leider nicht. In der ersten Geschichte aus Liedern von Franz Schubert wird die Frau verlassen, die Liebe hat gelogen. Das ist der Klassiker. Aber ein Lied zu finden, in dem sie mit ihm glücklich ist, erzählt aus der Ich-Perspektive, das war fast unmöglich. Ich bin dann auf Franz Schuberts „An die Nachtigall“ gestoßen: „Nachtigall, mach ihn nicht wach, meinen Geliebten“. Sie wittert schon die Gefahr, dass die Liebe nicht unendlich ist.

Sie haben Pauline Viardots „Poésies russes“ in das Programm aufgenommen. Geht es da auch um deren Beziehung zum Schriftsteller Iwan Turgenjew?

Naja, wer Kenner ist, kann es rauslesen. Im zweiten Lied sagt eine Frau: „Mein schöner Freund […] ich bin […] die Eure auf ewig“. Da kann man sich vorstellen, dass es sich um Turgenjew handelt. Aber es geht dann weiter im dritten Lied. Dort wartet der Mann auf eine Frau, vergebens. Das vierte Lied erzählt davon, dass ein Mann die verstorbene Frau heraufbeschwören will aus den Gräbern.

Das klingt sehr anrührend…

Es ist eine Liebesgeschichte, in der die Frau stirbt und der Mann verzweifelt. Eigentlich singen immer die Frauen die Wahnsinns-Arien. Hier kann man aber hören, dass wirklich der Mann verzweifelt ist. Er singt zwar keine Koloraturen, aber es ist eine Verzweiflungsarie sozusagen.

Wie sind Sie auf die Komponistin gestoßen?

Es ist schon einige Jahre her und inzwischen würde ich noch viel mehr Komponistinnen ins Programm nehmen. Ich war angeregt durch Kyra Steckeweh, einer befreundeten Pianistin, die seit Jahren Literatur von Komponistinnen ausgräbt. Ich habe dann erstmal querbeet Lieder gehört und bin auf ein Lied von Pauline Viardot gestoßen, dass mich sehr faszinierte. Eben dieses Lied: „Aimez moi“ Es ist die Vertonung eines altfranzösischen Textes, es klingt sehr sphärisch, anrührend. Es sollte der Mittelpunkt einer weiteren Geschichte sein. Ich habe also passende Lieder von ihr gesucht und gefunden. Viardots Musik ist ein toller Farbklecks in diesem Programm, weil sie in so einer Vielfalt von Stilen komponiert hat.

Sie haben auf großen Bühnen von Wien bis London gesungen. Als Einspringerin sind Sie innerhalb weniger Stunden in laufende Produktionen eingestiegen. Da würde manch anderem das Herz stehen bleiben. Nun widmen Sie sich dem Liedgut und singen hier in einer Schulaula. Was wollen Sie für eine Lanze brechen?

Es muss ja nicht immer so aufregend und in letzter Sekunde sein! Zu Beginn meiner Karriere wollte ich erstmal auf der Opernbühne singe. Ich schmeiße mich wahnsinnig gerne in eine Rolle rein und durchlebe die ganzen Facetten. Und umso reicher eine Rolle ist – lachen, weinen, verzweifeln, kämpfen – desto reichhaltiger ist so ein Abend für mich. Dann wuchs der Wunsch, auch in einem Liedprogramm so viele Emotionen zu durchleben. Meine Idee war, einzelne Liebes-Geschichten aus vier bis fünf Liedern einer Komponistin, eines Komponisten zu bilden. In jedem einzelnen Lied soll eine Person aus dem Ich heraus berichten, was sie erlebt, wie sie sich fühlt. Das Publikum kann so hoffentlich eintauchen, mitfühlen, schwelgen und weinen.

Macht das Publikum emotional mit?

Als ich das Programm in Potsdam in abgespeckter Form gesungen habe, kam jemand aus dem Publikum und sagte, ich habe noch nie so einen Liederabend gehört, und ich musste bei Fauré weinen. Jemand anders sagte, ich habe ganz lang ausgehalten, aber bei Strauss musste ich dann doch weinen (lacht). Die Musik spricht für sich, man muss sich nicht auskennen, man kann einfach kommen und sich überraschen lassen.

Ist das üblich, dass sich ein Verein wie „Im Zentrum Lied“ so für eine Sparte engagiert?

Dadurch, dass ich bislang mehr auf der Opernbühne stand, betrete ich auch Neuland. Ich hatte noch nicht so viele Kontakte zu Liedzentren. Es ist nicht so einfach, passende Orte für Liederabende zu finden, wo man die Leute erreichen kann. Manch einen schreckt ein großes Konzerthaus vielleicht ab und kommt lieber an einen Ort, der intimer ist, wo man in kleinerem Rahmen ein ganz anderes Konzerterlebnis haben kann…weniger förmlich. Schön, dass Eric Schneider so einen Farbtupfer in Köln setzt.

Sie sind freie Sängerin, Corona setzte einen herben Schnitt. Hat sich die Lage stabilisiert?

Ich war nur mal drei Jahre fest in Stuttgart, war vorher frei und bin nun wieder frei. Ja es war ein sehr großer Einschnitt. Ich habe sechs Produktionen verloren und die Unterstützung aus Deutschland war für freie Sänger quasi nicht vorhanden. Wir sind durchs Raster gefallen, und es war finanziell ein sehr großer Schaden, aber auch für die Zukunft gesehen sehr problematisch. Man verliert in einer solchen Pandemie auch die Möglichkeit, neue Jobs zu ersingen. Wenn ich zweieinhalb Jahre zu Hause sitze, kommt ja keiner von sich auf die Idee, mich zu engagieren. Dann heißt es „du bist ja schon so lange weg vom Fenster“. Lächerlich. Aber es stabilisiert sich wieder.

Sind auf den Bühnen wieder Zustände wie vor der Pandemie denkbar?

Ich weiß nicht, wie es in Zukunft weitergeht. Ich glaube, dass viele Häuser mit Budgetkürzungen rechnen müssen. Was das für Auswirkungen hat, weiß man noch nicht. Es gibt noch viele Häuser, die Probleme mit dem Publikum haben. Also, es ist noch nicht so voll wie vorher, es ist noch nicht ausgestanden. Die Liederabende sind für mich also ein zweites Standbein, und ich bin froh, dass ich jetzt eine so schöne Mischung zwischen Konzert, Oper und Lied habe.

Wann haben Sie gemerkt, dass es der Gesang sein muss?

(Lacht) Ich war einfach als Kind schon musikalisch, hatte Klavierunterricht. Ich war auch an der Orgel unterwegs und spiele heute noch im Weihnachtsgottesdienst meines Heimatdorfes. Ich hatte zwar Berührung zur klassischen Musik, aber bin dann einfach über die Geschichte meiner Familie in einer Band gelandet und habe mich erst einmal da musikalisch versucht. Es war aber nicht meins. Und dann kam eine Gesanglehrerin an die Musikschule und ich dachte, okay ich probiere es mal aus. Aber da war ich schon ein Teenager am Ende meiner Schulzeit, kurz vor dem Abitur. Es war zu kurzfristig, als dass ich mir vorstellen konnte, in einen Beruf in diese Richtung zu gehen. Ich hatte zu wenig Erfahrung. Ich hatte keine Oper gehört, hatte keine Chorerfahrung, wo ich mit dieser Musik großartig in Verbindung hätte kommen können.

Sie haben zuerst als Toningenieurin gearbeitet.

Ich bin Medien Gestalterin Bild und Ton und habe zehn Jahre lang bei  zwei Fernsehsendern gearbeitet. Es hat mir mehr Spaß gemacht, Features zu vertonen, wo es mehr um die Balance aus Sprache, Musik und Geräuschen ging als um den rein technischen Stand des Berufs. Parallel habe ich immer weiter Gesangsunterricht genommen, bin da immer mehr reingerutscht. Es hat mich gefangen, als ich endlich eine Oper gesehen habe. Im Wettbewerb Jugend musiziert hat mich dann eine Jurorin gefragt, warum ich nicht Gesang studieren würde. Dann war der Wunsch plötzlich sehr groß, es zu versuchen. Aber dann war es schwierig, einen Studienplatz zu bekommen, weil ich schon ein paar Jahre älter war. Es hieß, „Sie sind zu alt, das schaffen Sie nicht mehr“. Da war ich erst recht angefixt und habe dann den Weg genommen über die Gesangspädagogik, die man in Berlin separat studieren konnte. Gleichzeitig habe ich möglichst alle Fächer belegt, die ich im Opernfach auch gebraucht hätte: zum Beispiel Italienisch und Schauspiel. Mit 27 habe ich doch noch einen Studienplatz für Oper bekommen (lacht) und mit 29 meine erste Produktion gesungen. Dann hab ich bei beiden Fernsehsendern gekündigt.

Würden Sie junge Leute heute ermuntern, Liedgesang zu studieren?

Für mich gehören Oper und Lied zusammen. Es gibt einzelne Ausrichtungen an Universitäten, da kann man sich nur auf Lied- und Konzertrepertoire konzentrieren. Ich würde mich eher breit aufstellen, weil sich alles gegenseitig befruchtet.

Lieder von Franz Schubert, Pauline Viardot, Erik Satie, Gabriel Fauré, Richard Strauss singt Mandy Fredrich, begleitet von Eric Schneider am Klavier, am Donnerstag, 19. Oktober 18:30 Uhr. Das Konzert unter dem Titel „Aimez-moi“ findet im Kammermusiksaal im Humboldt-Gymnasium, Kartäuserwall 40 statt.

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