Frau Millowitsch, warum sind Sie eigentlich nicht hauptberufliche Tierärztin geworden?
Ja, warum. Irgendwie waren die Gene stärker. Ich hatte das Studium schon fast zu Ende gebracht, hatte nur noch eine einzige Prüfung vor mir. Dann rief eines Tages Kay Lorentz vom Düsseldorfer Kabaretttheater Köm(m)ödchen an, um mir mitzuteilen, dass er gerade dabei ist, ein neues Ensemble zusammenzustellen. Er hatte einfach mal die Angel ausgeworfen.
Und Sie haben sofort angebissen?
Ich habe mich ein paar Tage verkrochen, der Bauch hat dann die Entscheidung getroffen: Yes!
Hatten Sie diesen Konflikt "Kunst oder Wissenschaft" schon früher gespürt?
Als Kind nicht. Da habe ich mit irgendwelchen Lappen auf dem Kopf vor dem Spiegel gestanden und immer gesagt: Ich werde Schauspielerin - und Tierärztin.
Lappen auf dem Kopf?
Ja, Lappen. Oder andere Sachen. Ich war schon immer ein Clown.
Ihre Doktorarbeit haben Sie später doch noch geschrieben. Thema: "Experimentelle und klinische Untersuchungen zur perkutanen, partiellen Diskektomie (PPD) beim Hund". Was hat man sich darunter vorzustellen?
Dass man keine offene Operation vornehmen muss, wenn man an der Bandscheibe operieren will. Das lässt sich auch mit einem kleinen Eingriff von außen erledigen, etwa mittels einer Art Spritze. Das gilt übrigens auch für Menschen. Wir hatten ganz erfolgreich ein paar Hunde auf diese Weise operiert. In der Praxis eines Tierarztes ist diese Methode allerdings weniger sinnvoll, er verfügt in der Regel nicht über die nötigen Apparate , etwa um den Sitz der Nadel zu kontrollieren. Es ist eine Methode für die Klinik.
Haben Sie mit ihren Experimenten die Medizin revolutioniert?
Eher nicht. Ich gehe davon aus, dass die Kliniken diese Methode nicht mehr anwenden und mittlerweile wieder zum offenen Eingriff neigen, weil man Sichtkontakt zur Bandscheibe hat.
Was wäre in der Veterinärmedizin Ihre Präferenz gewesen? Klinik oder eigene Praxis?
Die eigene Praxis - wenn ich dabei geblieben wäre.
Hunde sind der Hit im Fernsehen. Martin Rütter macht das im großen Stil. Wäre die Moderation einer eigenen Hundeshow eine Option für Sie?
Ganz sicher nicht. Solche Angebote liegen in meinem Fall nah, und es gab sie auch. Aber das ist nicht mein Ding.
Ihr Ding sind Kriminalfälle. In der aktuellen Folge von "Marie Brand" geht es um einen tödlichen Sturz. Auch ein Pfarrer wird tot aufgefunden - im Bordell. Was darf man sonst noch verraten?
Die Folge zeigt, wie weit Menschen aus Liebe, vor allem aus enttäuschter Liebe gehen.
Die Konkurrenz bei Krimis ist nicht gerade klein. Hat "Marie Brand" ein Alleinstellungsmerkmal?
Ein Alleinstellungsmerkmal ist schwierig - bei dieser großen Zahl an Krimiserien. Was uns auszeichnet, ist der Humor, dieser flapsige Ton. Das geht nicht bei allen Folgen. Wir haben gerade die elfte Folge abgedreht, da funktioniert Humor überhaupt nicht, weil das Thema zu ernst ist.
Was ist das Thema?
Marie Brand kommt in einen emotionalen Konflikt, weil der Mörder ihres Vaters entlassen wird. Aber im jetzigen zehnten Fall war Platz für Humor. Das Publikum mag das, was man nicht zuletzt am "Tatort" feststellen kann. Die flapsigen Folgen aus Münster sind wohl die beliebtesten.
Kommt der Humor bei "Marie Brand" von den Drehbuchautoren oder von den beiden Hauptdarstellern?
Von den Autoren und natürlich auch von meinem Partner Hinnerk Schönemann, er hat den komischen Part. Ich bin seine Spielwand, bleibe ganz ruhig und trocken. Die beiden Protagonisten müssen unterschiedlich ticken, sonst wird die Sache langweilig.
Welche Rolle spielt Köln als Schauplatz der Serie?
Keine große. Es gibt kaum Figuren, die Kölsch sprechen. Ich mag es auch nicht leiden, wenn man meint, in die Niederungen der Gesellschaft gehen zu müssen und dann die Figuren Kölsch sprechen lässt. Für mich ist Köln als Drehort super bequem, weil: Ich kann abends zu Hause schlafen.
Wenn Ihr Name fällt, denken die meisten Fernsehzuschauer an Nikola, die mutige Krankenschwester aus der Rheintalklinik. War "Nikola" Ihr großer Durchbruch, oder geschah das bereits mit "Girl friends"?
Mit "Girl friends" hatte ich schon mehr erreicht, als ich zuvor ahnen konnte. Und "Nikola", das war ein Geschenk. Ich konnte eine ganz andere Seite zeigen. Ich war vom Glück gesegnet - zwei erfolgreiche Serien, das ist schon toll.
Eine Serie spielte im Krankenhaus, die andere im Hotel. Vergleichbare Branchen?
Man hat in beiden Fällen immer mit vielen Menschen zu tun. Die beste Basis, um viele unterschiedliche Geschichten zu erzählen.
Für beide Serien haben Sie zahlreichen Preise abgeräumt. Langweilige Reporterfrage: Welche Auszeichnung hat Sie am meisten überrascht oder gerührt?
Der Grimme-Preis. Aus einem ganz bestimmten Grund: Adolf Grimme, nach dem dieser Preis später benannt worden ist, war Anfang der fünfziger Jahre Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks NWDR; und nachdem 1953 "Der Etappenhase", die erste Fernsehsendung meines Vaters, ausgestrahlt worden war, hat sich Adolf Grimme negativ geäußert. Er wolle so etwas Furchtbares nie wieder auf seinem Sender sehen. Er war wohl gegen Komödien, gegen Schwänke.
Eine späte Genugtuung für die Familie Millowitsch also?
Schon. Ich stand bei der Preisverleihung auf der Bühne und dachte: Ich nehme die Auszeichnung jetzt entgegen für die ganze Bande meiner Ahnen, die alle Gaukler waren.
Weil auch Komödie Kunst ist?
Ja, die Gesetze der Komödie unterscheiden sich nicht von den Gesetzen anderer Gattungen. Das Timing muss stimmen. Wenn die Pointe nicht passt, lacht kein Mensch. Es ist eine hohe Kunst, die Leute zu unterhalten.
Wie war es, als Mitglied einer Kölner Theaterfamilie aufzuwachsen?
Normal. Ich kannte nichts anderes.
War es nicht auch aufregend?
Ja, schon. Man merkte, wie die Leute auf den Nachnamen reagieren, das hatte ich als Kind schnell raus.
Welche Erinnerungen haben Sie an ihren ersten Einsatz auf der Bühne?
Es war cool. "Drei Kölsche Jungs" hieß das Stück. Ich war neun Jahre alt und unbekümmert, nicht zu bremsen. Ich fand mich toll, war so stolz. Das Fernsehen hat das Stück aufgezeichnet, zu den Proben wurde ich im WDR-Auto von der Schule abgeholt.
Welche Rolle spielten Sie?
Den kleinen Karlemann, einen Jungen. Im dritten Akt hat man mich dann als Mädchen auftreten lassen, was zu einer Irritation bei meinem Vater führte. Der Regisseur des Stücks war mein Onkel Hermann Feldhoff, er hatte mir noch zusätzlichen Text gegeben, den mein Vater nicht kannte. Auch in der Aufzeichnung gibt es ein paar Momente, wo mein Vater sehr sparsam guckt. Es hat mir Riesenspaß gemacht, meinen Vater reinzulegen.
Waren Sie damals der Star in ihrer Clique?
Es gab eine Phase, in der ich furchtbar damit angegeben habe, dass ich aus der Familie komme, die diesem Namen trägt. Damit habe ich mich nicht beliebt gemacht. Den Zahn hat man mir allerdings relativ schnell gezogen. Mit der Zeit wird man schlauer, heute hat sich das völlig gedreht.
In welche Richtung denn?
Ich laufe heute lieber klein und geduckt durch die Gegend, damit auch bloß keiner auf die Idee kommt, ich würde angeben. Ich habe meine Lektion gelernt im Leben.
Wie sehr sind Sie geprägt worden von dieser großen Vaterfigur Willy Millowitsch?
Ich habe ihm im Theater immer auf die Finger geschaut, wollte wissen, was er macht. Ich habe nie eine Schauspielschule von innen gesehen. Was ich gelernt habe, habe ich dem Willy abgeguckt.
Und privat?
Mein Vater war zu Hause nicht gerade der Entertainer. Eher ein bisschen wie in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Wenn er schlechte Laune hatte, dann gute Nacht. Und er hatte nicht selten schlechte Laune.
Wie ist heute der Kontakt zur Familie?
Bestens. Seit die Eltern nicht mehr da sind, sind wir Geschwister noch enger zusammengerückt.
