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Marina AbramovićAuf dem Rummelplatz der Balkan-Mythen

4 min
Photograph by MARCO ANELLI ©
INSTAGRAM: @marco_anelli_studio

Szene aus "Balkan Erotic Epic" auf der Ruhrtriennale 2026

Die Performance-Legende Marina Abramović kommt bei der Ruhrtriennale mit der Show „Balkan Erotic Epic“ im Mainstream des Esoterik-Betriebs an.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Die deutsche Erstaufführung der vierstündigen Performance „Balkan Erotic Epic“ bei der Ruhrtriennale hatte einen langen PR-Vorlauf und ist ein clever kalkulierter Erfolg. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Marina Abramović, bald 80-jährige Königin der Performance-Kunst, ist nämlich längst auch eine Königin der Selbstvermarktung. War ihre Kunst früher nur leidensfähigen Eingeweihten verständlich und ein bestauntes und zugleich beargwöhntes Randphänomen des Kunstbetriebs, ist Abramović inzwischen breitentauglich. Große Retrospektiven in Amsterdam, Zürich und Wien belegen das, der Höhepunkt ihrer Popularität wird nun mit der Marathon-Performance erreicht, die von der gleichnamigen, dauerausgebuchten Berliner Ausstellung – eine kürzere Soft-Version der nun in Duisburg gezeigten Performance – im Frühjahr sozusagen eingeläutet wurde.

Als ihre „ambitionierteste Arbeit“ bezeichnet Abramović diese Recherche zu Erotik, Folklore, Sexualität und Tod, mit der sich die Künstlerin auf ihre serbischen Wurzeln und die archaischen Sterbe- und Fruchtbarkeitsrituale des Balkans besinnt, und wohl auch die unausrottbaren Klischees über diese Region zur Diskussion stellen wollte. Nur war das Geraune vorab fernab jeder Ironie. Es sei sexuell Explizites zu sehen, Genitalien, schmerzhafte Rituale würden Grenzen überschreiten, Trigger-Warnungen und eine Freigabe erst ab 18 Jahren steigerten die Sensationslust. Und dann auch noch die Ansage: strengstes Handy-Verbot, um die Nacktheit der Performenden zu schützen.

So werden am Eingang verschließbare Täschchen für die bösen Telefone verteilt, Heerscharen von Personal verteilen diese, erklären das Prozedere, bewachen später die mäandernden Wege durch die 13 Stationen der Show, die das wandelnde Publikum im Riesenraum der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord empfängt.

Sitzgelegenheiten gibt es kaum, die gigantische Bühneninstallation ist als immersives Theater gedacht. Immersiv heißt nach dem Einmarsch im Gefolge einer kernig einen Trauermarsch intonierenden Brassband erst einmal: Man sieht nichts. Etwa 1200 Menschen drängen sich um die Stationen, erst als nach einer Stunde erste Ermüdungserscheinungen einsetzen und sich der Catering-Bereich allmählich füllt – man darf jederzeit hinein- und hinausgehen – kann man die Performances einigermaßen komplett erfassen.

Sexualität als Urkraft

Die erste ist sogar im Gedränge gut zu erfassen, „Titos Beerdigung“ zeigt einen Altar, auf dem die Sängerin Svetlana Spajić als Hohepriesterin thront und Klagelieder singt. Auf der rückwärtigen Videoleinwand sieht man eine Schar von Kopftuchfrauen sich rhythmisch auf die Brust schlagen – ein Trauerritual des Balkans. Unter ihnen entdeckt man auch Abramović selbst, deren Eltern Tito-Partisanen waren. Dahinter eine der zentralen Stationen, die Sexualität als Urkraft feiern und sich angeblich auf historische Rituale beziehen: Fünf Performerinnen vor einer Videoleinwand in Folklore-Gewändern heben ihre bunten Röcke, strecken ihre Vulven in die Höhe, verharren mit gespreizten Beinen in präsentierenden Posen und stimmen abrupt traditionelle Gesänge an. „Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten“, heißt die Installation, das Video dahinter zeigt ähnliche Szenen.

Nur im Video zu sehen ist „Slawische Seele“, zehn Männer in Tracht mit entblößten Penissen stimmen einen tiefen Kehlgesang an – leider werden die archaischen Klänge vom Rummel nebenan übertönt, sodass das eine tonlose Fleischbeschau wird. Sehr konkret und unfreiwillig komisch dagegen die Performance „Den Boden ficken“, bei der eine Handvoll Nackter auf dem Bauch liegend einen Plastik-Rollrasenteppich rammelt, was auf ein uraltes Fruchtbarkeitsritual anspielen soll.

„Schwarze Hochzeit“ mit einem Toten

Ein weiterer nackter Mann ist aufgebahrt zu bestaunen in „Schwarze Hochzeit“, die in Ostserbien vollzogen wurde, wenn junge, noch unverheiratete Männer starben. Dragana Jovanović stimmt eine Trauerklage an, in einer Art Kirchturm thront eine Frau in roter Walle-Robe, derweil eine Performerin den nackten Mann anzieht. Es gibt auch Skulpturales, etwa fünf Riesen-Phalli, die wie urzeitliche Pilze aus dem mit schwarzem Flausch-Rasen bedeckten Hallenboden zu wachsen scheinen. Dann gibt es eine typische Balkan-Kneipe, eine „Kafana“, in der anfangs wenig los ist, nur ein paar Ladys mit schwarzer Pillbox auf dem toupierten Kopf scheinen auf eine Trauerfeier zu warten. Später füllt sich die Kneipe, es wird kraftvoll gesungen vom Countertenor Aleksandar Timotić und stampfend auf dem Dach getanzt.

Anderswo werden Bräute auf die Hochzeit vorbereitet, stundenlang mit Milch übergossen oder unter Häkeldecken liegend aufwendig geschminkt. Ganz hinten kann man einer Orgie beiwohnen, die derart minutiös choreografiert wurde, dass sie völlig aseptisch und harmlos wirkt. Da massieren nackte Frauen erst ihre Brüste, liebkosen dann Skelette, bevor das Orgien-Ballett anhebt. Davor haben die Veranstalter in weiser Voraussicht ein paar Stuhlreihen platziert. Klar, das will man doch genauer sehen!

Insgesamt liegt über dem Abend mit viel wabernder Musik aus der Konserve eine Zuckerschicht aus Ethno- und Eso-Kitsch, zudem stören sich die Performances schon akustisch gegenseitig. Zum Innehalten regt das nicht gerade an. So hat das Ganze etwas von einem Jahrmarkt, ein lautes, buntes, seltsam leerlaufendes Spektakel.