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Markus Lüpertz wird 85Die Ein-Mann-Infusion für blutleere Kunst

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Maler und Grafiker Markus Lüpertz kommt zur Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen.

Markus Lüpertz bei der Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen. 

Markus Lüpertz will kein moderner Fürst sein, kann aber malen wie einer. Bei der Fremdenlegion war er auch. Jetzt wird er 85 Jahre alt. 

„Wenn Gerhard Richter und ich in ein Restaurant gehen“, sagt Markus Lüpertz, „werde ich erkannt und nicht er.“ Um gleich hinzuzufügen: „Bei den Bildern ist es natürlich genau umgekehrt.“ Die kleine Szene aus der ARD-Reihe „Deutschland – Deine Künstler“ zeigt, dass Lüpertz seine Rolle als Hecht im Karpfenteich der deutschen Nachkriegsmalerei genau versteht, und zugleich die eigenen Grenzen akzeptiert. Ein Malerfürst, wie es ihm oft nachgesagt wird, will er schon gar nicht sein.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert kämpft Markus Lüpertz nun bereits gegen den Kleinmut der klassischen Künste und verausgabt sich dafür in aufbrausenden Interviews ebenso eindrucksvoll wie in seinen hymnischen Bildgesängen. Am Anfang war die von ihm als blutleer empfundene abstrakte Malerei sein Gegner, später nahm er Konzeptkunst und neue Medien aufs Korn. Und wenn ihm einer lautstark und dumm kam, konnte der ehemalige Bergarbeiter auch schon mal handgreiflich werden. Von der Düsseldorfer Kunstakademie flog Lüpertz als Student nach einer Prügelei, was sich aber als (halber) Glücksfall erweisen sollte. Er ging nach Berlin, wo ihn der (spätere) Kölner Galerist Michael Werner entdeckte und ihm als Provision seine damalige Ehefrau ausspannte.

Ich glaube, dass in Zukunft Malerei und Bildhauerei, so wie ich sie verstehe, nicht mehr gelehrt werden. Schuld daran ist die Erschlaffung des akademischen Gedankens, der sich der Moderne anbiedert
Markus Lüpertz

Mitte der 1960er Jahre begann Lüpertz, die Malerei mit großer Geste und ebensolchen Formaten wiederzubeleben, wobei er seine animierende Wildheit mit einem erstaunlich traditionellen Handwerksethos dämpfte. Lüpertz tüftelte so intensiv an Komposition und Farben, dass seine Motive mitunter zweitrangig erschienen. Am Anfang setzte er Holzschindeln, Dachpfannen, Telegrafenmasten oder Tunnel auf die Leinwand, wie um zu beweisen, dass selbst im banalsten Gegenstand ein deutsches Lied schläft. Später verlieh er Stahlhelm, Brustpanzer und Ähren ein Pathos zwischen Stillleben und Historienmalerei.

Mit seinen frühen neu-expressionistischen Werkgruppen, den „Dithyramben“ und „Deutschen Motiven“, wurde Lüpertz rasch berühmt und auch ein wenig berüchtigt – wenn auch nicht so hochgeschätzt, wie etwa Georg Baselitz, ein anderer „neuer Wilder“ seiner Generation. Er malte figurativ, gestisch-wild, und führte die nationale Geschichte auf archaische Motive zurück; sein selbstbewusstes, dandyhaftes Auftreten und Geschichten über eine angebliche Desertion aus der französischen Fremdenlegion taten das Übrige. Aber seine Kunst hatte stets mehr zu bieten, als es der Anschein versprach, gleich, ob er sich in einer bunt-schnatternden Donald-Duck-Serie als Disney-Grobian versuchte, seine Kräfte mit Malern und Stilen der klassischen Moderne maß oder sich klassischen Themen wie Paradies und Sterblichkeit widmete. 

Der Künstler Markus Lüpertz posiert in Köln in der Kirche St. Andreas vor nach seinen Entwürfen gestalteten Fenstern.

Markus Lüpertz posiert im Mai 2010 in Köln in der Kirche St. Andreas vor den ersten nach seinen Entwürfen gestalteten Fenstern.

1941 wurde Lüpertz in Böhmen geboren, 1948 kam er ins Rheinland. Für ein Semester besuchte er hier die Düsseldorfer Kunstakademie, die er später 20 Jahre leiten sollte; gerne erzählte er davon, dass ein Professor damals „beinahe gekotzt“ hätte, als dieser ihn Cowboys am Lagerfeuer malen sah. Als Direktor stritt Lüpertz vehement für die „avantgardistischen“ alten Künste Malerei und Skulptur, die er für zu Unrecht abgeschrieben hielt – nicht zur ungeteilten Freude seiner Professoren. Mit olympischem Wettergrollen räumte er 2009 seinen Posten: „Ich glaube, dass in Zukunft Malerei und Bildhauerei, so wie ich sie verstehe, nicht mehr gelehrt werden. Schuld daran ist die Erschlaffung des akademischen Gedankens, der sich der Moderne anbiedert.“

Was er unter dem Avantgardismus der alten Künste versteht, kann man in Köln auch in der romanischen Kirche St. Andreas besichtigen. Auf leuchtend bunten Glasfenstern erzählt Lüpertz klassische biblische Geschichten, die er im Spiegel der Moderne bricht. Man muss schon etwas Muße mitbringen, um im Marienchor von St. Andreas die deformierten Körper der Heiligen aus den üppig wuchernden Ornamenten zu schälen – gerade dieses „Zu viel von allem“ macht aber den Reiz der Lüpertz’schen Entwürfe aus.

Für Skulpturen fehlt Lüpertz das glückliche Händchen

Bei der Vorstellung der Glasfenster bekannte sich Lüpertz freimütig dazu, wie sehr ein solcher Auftrag dem Künstlerego schmeichelt. „In einem Museum kann man abgehängt werden“, sagte Lüpertz. „In St. Andreas kann mir das so schnell nicht passieren.“ Aber daraus ergebe sich auch eine besondere Verantwortung, die Lüpertz im Sinne eines Handwerksethos’ interpretiert: „Es gibt nichts Neues in der Kunst, es gibt nur neue Künstler. Und deswegen suche ich nicht die Konkurrenz des Zeitgeschmacks, sondern stelle mich einer Jahrhunderte alten Tradition.“

Anders als etwa Sigmar Polke, der sich für seine Glasfenster im Zürcher Großmünster seiner Lehrzeit als Glasmaler (und seiner vielen Sünden) erinnerte, ist Lüpertz kein Spätbekehrter; bereits sein Frühwerk ist erfüllt von christlicher Symbolik. Für die Düsseldorfer Kunstakademie war es daher ein Leichtes, ihrem scheidenden Direktor eine Ausstellung mit Totenkopfbildnissen auszurichten. Dabei erstaunte weniger die Häufigkeit des Vanitas-Motivs in seinem Werk als dessen viele Verkleidungen. Mal begegnet uns der menschliche Schädel bei Lüpertz als zupackend schlicht gezeichneter „Poet“, mal vor theatralischem Sonnenuntergang auf dem Gemälde „Tod küsst Lunge“ und dann wieder als sanfter Begleiter in ganz und gar zurückhaltender Manier.

Malen kann Lüpertz wie wenige seiner Generation, aber leider verschwendete er sein Talent auch an Bühnenbilder und Skulpturen im öffentlichen Raum. Hier fehlt ihm oft genug das glückliche Händchen, allzu oft stehen seine Frankenstein’schen Flickwerkfiguren auf monströsen Hobbit-Füßen. In der ARD-Doku konnte man sehen, wie der Maler wenig herrschaftlich mit seinem Werk ringt, wie er Leinwände mit Pinselhieben traktiert oder Beize über Skulpturen schüttet. „Manchmal verarscht mich eine Skulptur oder ein Bild mehrere Tage“, sagte er – weil die Musen nicht zu bändigen sind. Aber der Kampf geht weiter. An diesem Samstag wird Markus Lüpertz 85 Jahre alt.