Zum 50. Todestag des bekannten Surrealisten Max Ernst widmet sich das August Macke Haus seinen künstlerischen Anfängen in Bonn – und einer engen Künstlerfreundschaft.
Max Ernst im August Macke Haus BonnVom aufmüpfigen Studenten zum Kunstpionier

Ein früher Max Ernst: Straße in Paris, 1912, Aquarell auf Papier, aktuell zu sehen im August Macke Haus in Bonn.
Copyright: © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Etwas verloren steht der einsame Hubertushirsch innerhalb der verlassenen, leuchtend blauen und roten Gemäuer, die Max Ernst (1891-1976) 1919 auf ein kleines, achteckiges Stück Pappe malte. Lange galt der Verbleib des Hirschen als unbekannt, erst vor wenigen Jahren tauchte er im Privatbesitz wieder auf, konnte durch eine Expertise identifiziert werden, und ist jetzt in Bonn zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen. Die Verkaufsunterlagen verrieten auch, dass es sich bei der rätselhaften, ruinösen Landschaft um den Kölner Zoologischen Garten handelt, dessen Eingangstor lange von zwei Hirschfiguren bewacht wurde. Der adrett gekleidete Herr im Vordergrund des Bildes mit schwarzem Hut, der mit hochgereckten Armen tanzt – oder ist er vielleicht über den Bildrand gestolpert? – wäre folglich Ludwig Wunderlich, der vierte Kölner Zoodirektor.
Das kleine, noch stark expressionistische Zoobild stammt aus demselben Jahr, in dem Ernst gemeinsam mit Hans Arp und Theodor Baargeld als Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe in die Kunstgeschichtsbücher einging, bevor er sich später den Surrealisten in Paris anschloss und begann, die fantastischen Bildwelten zu schaffen, mit denen er heute vor allem assoziiert wird – traumhafte, seltsame Landschaften, bewohnt von bizarren Wesen. Davon gibt uns der Kölner Hirsch höchstens eine Vorahnung.
Neue Perspektiven auf die künstlerischen Anfänge Max Ernsts
Die intensiv leuchtenden Farbtöne hingegen, könnten mit einem anderen Weggefährten des Künstlers in Verbindung gebracht werden: dem vier Jahre älteren Expressionisten August Macke (1887-1914), der für den jungen Max Ernst Mentor und wichtiger Impulsgeber war, wie die Direktorin des Bonner August Macke Hauses, Friederike Voßkamp, betont. Seinen 50. Todestag am 1. April 1976 nimmt sie zum Anlass, Max Ernst und seine kurze, aber enge Verbindung zu Macke mit einer neuen Ausstellung in ihrem Hause und einem umfangreichen Begleitkatalog zu beleuchten. Rund 80 Werke von Ernst werden in dem vor wenigen Jahren eröffneten Anbau mit Macke-Arbeiten aus dem eigenen Bestand gegenübergestellt und eröffnen überraschend neue Perspektiven auf die künstlerischen Anfänge des Malers, Grafikers und Bildhauers im Kreise der Rheinischen Expressionisten.

Max Ernst: Im Zoologischen Garten in Köln (Hubertushirsch), ca. 1919, Öl auf Leinwand, auf Karton aufgezogen. Im Vordergrund Zoodirektor Wunderlich.
Copyright: © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Im Macke-Haus suchte man die künstlerische Revolution
1910 hatte der in Brühl geborene Ernst sein Studium in Philosophie, Philologie und Kunstgeschichte an der Bonner Universität begonnen; im selben Jahr war Macke mit seiner Frau Elisabeth und dem gemeinsamen Sohn vom Tegernsee nach Bonn zurückgekehrt – und in jenes Haus gezogen, das heute den Kern des Museums bildet und damals Dreh- und Angelpunkt einer aufmüpfig modernen Kunstbewegung im sonst eher gediegenen Bonn wurde. Auch Ernst war hier offenbar regelmäßig zu Gast, wie sich Elisabeth Macke erinnert: „Als junger Philosophiestudent kam er an Sonntagvormittagen des öfteren zu uns von Brühl herüber und hatte mit August im Atelier lange Gespräche über Kunst, Gott und die Welt. Er war sehr selbstbewußt, für alles interessiert und fing damals an, seine ersten Bilder zu malen, schrieb nebenbei heftige Kritiken in linksgerichteten Blättern.“
Den in den Geschichtsbüchern gerne vernachlässigten Frauen der beiden Künstler gibt die Bonner Ausstellung nicht nur buchstäblich einen Raum und macht ihre Verdienste sichtbar: Luise Straus-Ernst etwa übernahm als promovierte Kunsthistorikerin 1919 die Interimsleitung des Wallraf-Richartz-Museums und führte Max Ernst in die Kölner Kunstszene ein.
Künstlerische Verbindungslinien
In Bonn war es vielleicht die Freundschaft zu Macke, die Ernst überhaupt erst ermutigte, sich als autodidaktischer Maler zu versuchen. Äußerungen des Künstlers legen jedenfalls nahe, dass Ernst von Mackes Schaffen stark beeindruckt war – so lobt er etwa die „fast beunruhigende Ruhe“, die „wahre Eleganz“ und die „außergewöhnlichen visuellen Reize“ seiner Gemälde. Verbindungslinien zieht die Ausstellung auch in ähnlichen Motivwahlen aus dem gesellschaftlichen Leben und dem Blick auf vergangene Epochen ebenso wie nach Frankreich. Eines der wenigen religiösen Motive Mackes, „Die Flucht nach Ägypten“ von 1910, bezieht sich etwa auf einen Stich Albrecht Dürers. Und die in Bonn daneben gehängte frühe Kreuzigungsdarstellung Ernsts aus dem Jahr 1913 – noch ganz anders als später das berühmte Bild „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind“ – zeigt einen manieristischen Jesuskörper, wie er bei El Greco zu finden ist.
Auf der Suche nach sich selbst
Abseits dieser künstlerischen und stilistischen Einflüsse verhalf Macke seinem Freund, so legt es die Ausstellung nahe, auch zu größerer Bekanntheit und vernetzte ihn innerhalb der rheinischen Kunstszene. Bei der von ihm organisierten „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ im Jahr 1913 in Bonn war Ernst mit rund einem Dutzend Werken prominent vertreten und trat damit eines der ersten Male überhaupt als Künstler an die Öffentlichkeit. Zwei der damals nachweislich gezeigten Gemälde aus dem Jahr 1912 sind nun in Bonn wieder gemeinsam ausgestellt.
„Der Sturm“ (eine Leihgabe aus dem Museum Ludwig) und „Die Straße in Paris“: ein futuristisches Werk, das die Dynamik der pulsierenden Metropole – die er selbst auf einer kunsthistorischen Exkursion erlebt hatte – mit sich überlagernden Schlaglichtern und schemenhaft vorbeiziehenden Passanten einfängt. Ein anderes Bild aus dem Jahr 1914, das Aquarell „Von der Liebe in den Dingen“, erinnert mit seinem Liniengerüst, zwischen dem sich die Farbflächen entfalten, stark an Robert Delaunay (1885-1941), den Ernst ebenfalls in Mackes Haus kennenlernte. Ernst war hier offenbar auf der Suche nach sich selbst, probierte sich in unterschiedlichen Medien und Stilen. Ganz abgeschlossen war diese Suche wohl nie: Immer wieder erfand er sich als Künstler neu, experimentierte mit verschiedensten wegweisenden Techniken, ob Collagen, Frottagen und Grattagen oder dem Drip Painting.
Mit Humor gegen die Verhältnisse
Die zahlreichen frühen Papierarbeiten aus seiner Bonner Studienzeit, die Voßkamp in einer Art Grafikkabinett versammelt, zeigen – etwa in Anatomiestudien – sein zeichnerisches Talent, aber auch seinen ausgeprägten Sinn für Humor, den er auch nach den Schrecken zweier Weltkriege nie verloren hatte. So karikierte er nicht nur Kommilitonen wie Franz Balke, sondern schreckte auch nicht davor zurück, die markanten Gesichtszüge seines Literaturprofessors auf wenig charmante Weise zu abstrahieren oder den Kunsthistoriker Paul Clemen, auf besagter Paris-Exkursion bei einem Nickerchen am Bahnhof zu zeichnen. Auch hier gibt es eine überraschende Parallele zu Macke, der ebenfalls gerne karikierend das Bürgerliche seiner Zeit auf die Schippe nahm. Das Firmenjubiläum seiner Schwiegerfamilie dokumentierte er etwa 1912 mit einer „Moritat“, einer großen, mehrszenigen Bildtafel: Hier eilt noch jemand mit dem feurigen Elias zur Anreise, dort werden Blümchen überreicht, ein Mann mit verbundenen Backen klagt offenbar über Zahnschmerzen. Auch hier zeige sich die positive Auffassung Mackes, die sonst vor allem in den kraftvollen Farben seiner Gemälde sichtbar werde, so Direktorin Voßkamp.
Der Erste Weltkrieg mit dem frühen Tod Mackes bereitete der engen Freundschaft der beiden Künstler ein jähes Ende – und auch die Kunst des traumatisierten Max Ernst wird fortan eine andere sein, wie im letzten Raum der Ausstellung mit den deutlich späteren Illustrationen Ernsts eines Antikriegsgedichts von Georges Ribemont-Dessaignes anklingt. Mackes Auffassung von Farbe, seine Idee des Sehens aber bleiben. Die Bonner Ausstellung zeigt: Ein Blick auf die Anfänge lohnt sich allemal.
„Visionen der Moderne – August Macke und Max Ernst“, Museum August Macke Haus, Hochstadenring 36, 53119 Bonn, bis 23. August 2026, Mi 11 – 17 Uhr, Do. 11 – 19 Uhr, Fr bis So und Feiertage 11 – 17 Uhr. Der zweisprachige Ausstellungskatalog (184 Seiten) ist im Museumsshop erhältlich.