Stefan Raab blickt auf ein beeindruckendes Lebenswerk zurück. Die Sache ist nur: Er bastelt ja noch weiter daran – auch mit 60 Jahren.
TV-Star aus Köln-SülzVom Metzger-Lehrling zum Medien-Messias – Stefan Raab wird 60

Stefan Raab mit Peter Brings während des Jubiläumskonzertes zum 35‑jährigen Bestehen der Band Brings auf dem Kölner Roncalliplatz. (Archivbild)
Copyright: Benjamin Westhoff/dpa
Stefan Raab wird 60 Jahre alt – und auch wenn er selbst nicht darüber spricht, so wird doch über ihn gesprochen. Neulich beim Fernsehpreis etwa. Da erzählte Dragqueen Olivia Jones von einem Mann, der „eine neue Art von Fernsehen“ geschaffen und „abgefahrene“ Konzepte erfunden habe. Moderator Jan Köppen erinnerte an „TV total“ und an die großen Events, die ihn beim Erwachsenwerden geprägt hätten. „60 sieht man ihm jetzt nicht an“, sagte Köppen. „Auf keinen Fall!“
Raab selbst hätte sich über eine solche Würdigung früher womöglich köstlich amüsiert – allerdings auf Kosten des Geehrten. Respekt vor einem Lebenswerk war nicht unbedingt seine Paradedisziplin – und Entertainer im fortgeschrittenen Alter gerngesehene Opfer. Rudi Carrell sang er 1999 die Zeilen „Wann wirst du endlich wieder witzig, so witzig wie du früher schon nie warst? Ja, mit Lachen nur von August bis September und höchstens einem guten Gag pro Jahr!“ ins Gesicht. Carrell war damals 64 Jahre alt. Raab war 32.
Nun wird Raab am Dienstag (20. Oktober) selbst 60 Jahre alt. Das macht ihn nicht automatisch zu einer Figur wie Rudi Carrell, Karl Moik oder Dieter Thomas Heck. Aber er ist ihnen in einem Punkt doch näher gekommen: Auch Raab hat jetzt ein Frühwerk, an das sich viele in den allerbuntesten Farben erinnern – und ein Spätwerk, das noch beweisen muss, welche Farben es einmal haben wird.
Vom Metzger-Lehrling zum Medien-Messias
Raab selbst hat dafür gesorgt, dass man seine Karriere in diese zwei Phasen aufspalten kann. Die Trennlinie liegt genau im Jahr 2015. Deutschland war damals amtierender Fußball-Weltmeister, als der „Raabinator“ verkündete, seine „Fernsehschuhe an den Nagel hängen“ zu wollen – er werde sich vom Bildschirm zurückziehen. Kurz vor Weihnachten 2015 tat er es tatsächlich. Raab verabschiedete sich ein letztes Mal von seinem Publikum („Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß“) und verschwand in einer dunklen Dezembernacht nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit – über Jahre.

Stefan Raab zeigt am 01.03.1999 in Köln auf das Logo seiner Entertainment-Show „TV total“. (Archivbild)
Copyright: Horst Ossinger/dpa
Zuvor hatte er in rund 20 Jahren ein wahres TV-Königreich aufgebaut. Beim Musiksender Viva war der gelernte Metzger aus Köln-Sülz zu einem Moderator geworden, den man schlicht nicht übersehen konnte. Er war laut, frech und hemmungslos gut darin, sich selbst auf der Bühne zu produzieren. Wo Raab auftauchte, war der Zirkus in der Stadt. Er war ein wandelnder Ausnahmezustand.
Die Late Night „TV total“ hatte ihn danach dem ganz großen Publikum bekannt gemacht. Auch weil die Sendung eine Art Abschussbasis für immer neue Ideen im Raab-Orbit wurde. Manche verpufften, viele andere wurden zu Dauerbrennern des Fernsehens – etwa bombastisch inszenierte Promi-Wettkämpfe à la „TV total Turmspringen“ oder seine Talentsuche für den ESC. 2010 gewann er den Wettbewerb mit Lena Meyer-Landrut. 2013 ließ man ihn sogar das Kanzlerduell mitmoderieren.
Mit vollem Körpereinsatz
Die Liste der Verletzungen, die Raab in seiner Karriere erlitt, las sich irgendwann wie die eines Fußballstars: Gehirnerschütterung, Jochbeinbruch, Nasenbeinbruch, Kieferhöhlenbruch, Innenbandriss, Meniskusschaden, Riss des Mittelfingers und Schürfungen ohne Ende. Raab galt als Besessener, der auch seinen eigenen Körper einsetzte, vor allem bei „Schlag den Raab“ – einer Samstagabendshow, die er erfand, als schon niemand mehr so richtig an die große neue Samstagabendshow glaubte.
Warum er mit all dem 2015 plötzlich aufhörte – unklar. Feststeht, dass er rund zehn Jahre später relativ überraschend wieder da war.
Im September 2024 stieg Raab in einer Düsseldorfer Multifunktionshalle eine lange Treppe hinab, trat gegen Regina Halmich – warum auch immer – noch einmal zu einem Boxkampf an und verkündete verschwitzt, aber fröhlich: „Ich hab’ mir überlegt: Ich mach’ wieder Shows.“ Für seinen neuen Haussender RTL wurde das Event zu einem großen Erfolg. Raab hatte sich als Messias inszeniert – und das Publikum spielte mit.

Barbara Schöneberger und Stefan Raab freuen sich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Confex über die Auszeichnung in der Kategorie „Beste Unterhaltungsshow“.
Copyright: Henning Kaiser/dpa
Und dann? Es folgten neue Sendungen, neue Ankündigungen, aber auch oft Varianten bekannter Raab-Motive. Nicht alles zündete. Die wöchentliche Show „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab“ – quasi ein Mix aus „TV total“ und „Schlag den Raab“ – wurde bald wieder eingestellt, das Nachfolge-Format „Die Stefan Raab Show“ im Spätprogramm neu platziert. Ausgerechnet die Nostalgie-Quizsendung „Wer weiß wie wann was war?“, die nicht sofort an ein altes Raab-Format erinnerte, wurde aber ein Überraschungserfolg und gewann den Deutschen Fernsehpreis.
Jesuitenschule, Segelboot, 1. FC Köln
Wie Raab selbst über die großen Linien seiner Karriere denkt, das bleibt ein Geheimnis. Ein Interviewwunsch wird abgelehnt, wie so oft. Auch über sein Privatleben ist wenig bekannt. Raab war Schüler des Bonner Aloisius-Kollegs, eines Jesuitengymnasiums. Zudem soll er das Segeln lieben. Auch eine gewisse Verbundenheit zum 1. FC Köln ist anzunehmen – nicht nur, weil der „Effzeh“ wie Raab aus Köln-Sülz stammt. Zuletzt widmete er dem Fußballclub ein neues Fanlied.
Also kann man ihn auch nicht fragen, was er noch vorhat. Für ein abschließendes Urteil über Raabs Spätwerk dürfte es aber noch zu früh sein. Olivia Jones warnt beim Deutschen Fernsehpreis jedenfalls davor, ihn zu unterschätzen. „Einige sind ja unbelehrbar, aber Stefan halt nicht“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. „Der geht ja auch immer noch, Gott sei Dank, ein bisschen mit der Zeit.“ (dpa)