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Interview

Mithu Sanyal
„Amerika hat uns nicht beschützt. Wir hatten nur Glück“

7 min
Eine Frau lächelt in die Kamera.

Hat mit „Nein: Gegen die Militarisierung der Gegenwart“ ein Buch gegen die Kriegstüchtigkeit vorgelegt: Mithu Sanyal

Mithu Sanyal hat ein Buch gegen die Militarisierung der Gegenwart geschrieben. Im Interview fordert sie ein Umdenken bei der Verteidigungsstrategie und, das Völkerrecht zu stärken.

Frau Sanyal, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Nein. Gegen die Militarisierung der Gegenwart“, dass Sie Ihr Land nicht wiedererkennen. Woran haben Sie gemerkt, dass sich etwas verändert?

Ich bin in einem Deutschland aufgewachsen, in dem der Mainstream jederzeit unterschrieben hätte: „Nie wieder“ heißt nie wieder Auschwitz und nie wieder Krieg. Der große Bruch war 1999, als Joschka Fischer sagte, um ein neues Auschwitz zu verhindern, müssten wir doch wieder Krieg führen. Dass die deutsche Armee sich jenseits der deutschen Grenzen mit der Waffe in der Hand betätigt, war für meine Generation lange unvorstellbar. Danach hieß es sehr lange, das seien ja nur Blauhelme, die mit ihren Waffen Brunnen graben. Wirklich verändert hat sich das Klima mit dem Ukrainekrieg – und damit, dass auch sehr viele Linke sagten: Jetzt müssen wir uns verteidigen.

Teilen Sie das Entsetzen über den russischen Angriff nicht?

Doch. Das ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Was mich aber gleichzeitig entsetzt: Wir sprechen ausschließlich über militärische Verteidigung. Es heißt dann, über anderes werde hinter verschlossenen Türen verhandelt. Aber in einer Demokratie müssen diese Türen geöffnet sein. Von uns wird verlangt, dass wir selbst oder unsere Kinder in einen Krieg ziehen, der als immer wahrscheinlicher präsentiert wird – und gleichzeitig sollen wir blind vertrauen. Das finde ich unlauter.

Sanyal: Deutschland misst geopolitisch mit zweierlei Maß

Sie vertrauen dem eigenen Staat in dieser Frage nicht?

Ich vertraue meinem Land nicht, dass die Kriege, in die es uns führen wird, ethisch vertretbar sind. Beim Angriff auf den Iran heißt es aus Berlin, das sei völkerrechtlich schwierig zu bewerten. Das ist nicht kompliziert, das ist eindeutig ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Wenn wir das nicht einmal benennen können, haben wir ein Problem. Oder schauen wir uns den Gaza-Krieg an. Wir sind der zweitgrößte Waffenlieferant Israels. Und egal, wie man das bewertet, ob man es Genozid nennt oder ethnische Säuberung, was Israel dort macht, liegt weit jenseits von Selbstverteidigung.

Wird also mit zweierlei Maß gemessen?

Ja, ganz offensichtlich. Das wird ja Deutschland auch international vorgeworfen. Doch es ist nicht nur unsere Regierung. Ich bin Schriftstellerin, aber auch Journalistin, und ich sehe es als unsere Aufgabe, die Rolle als vierte Gewalt im Staat ernst zu nehmen. Da machen wir gerade keinen guten Job. Wir sind nicht die Lügenpresse, wie die Rechten behaupten. Aber es gibt viele Studien dazu, dass Medien in Kriegen, an denen die eigene Regierung beteiligt ist, dazu neigen, die Regierungsmeinung zu übernehmen. Unsere Aufgabe ist nicht, den Leuten zu sagen, was sie zu Kriegen denken sollen, aber ihnen die notwendigen Informationen und auch Hintergrundinformationen zu geben, um eigene Schlüsse zu ziehen, das durchaus. In Bezug auf den Iran-Krieg halten mir Kollegen oft entgegen: Die Mullahs sind doch böse. Ja, aber das ändert doch nichts am Völkerrecht. Das ist nicht nur für gute Menschen gemacht, es ist für alle gemacht.

Sanyal: „Das Völkerrecht kann dich immer noch einholen“

Kann das Völkerrecht gegen imperiale Mächte überhaupt etwas ausrichten? Die UN hat keine Armee.

Das stimmt. Trotzdem erleben wir neben den Angriffen auf den Internationalen Gerichtshof durch Autokraten wie Trump gleichzeitig eine Renaissance des Völkerrechts. Vor ein paar Jahren wusste kaum jemand, was es genau bedeutet, heute reden alle darüber, und im globalen Süden wird es offensiv eingefordert. Es gibt Erfolge, die kaum jemand mitbekommt: Gegen den letzten überlebenden Täter im Mordfall Patrice Lumumba (der erste demokratisch gewählte Premierminister nach der Kolonialherrschaft im Kongo; er wurde von Belgien mithilfe der USA ermordet, Anm. d. Red.) wurde ein Verfahren angestrebt. Der Angeklagte ist inzwischen gestorben, jetzt verklagen die Erben den belgischen Staat. Das Völkerrecht kann dich immer noch einholen, egal wie lange es dauert.

Ich vertraue meinem Land nicht, dass die Kriege, in die es uns führen wird, ethisch vertretbar sind.
Mithu Sanyal, Schriftstellerin

Die Mächtigen bleiben trotzdem meist unbehelligt.

Deshalb müssen wir das Völkerrecht stärken. Und auch reformieren, etwa das Veto-Recht im Sicherheitsrat. Die ständigen Mitglieder sind im Wesentlichen die ehemaligen Kolonialmächte plus die USA als Siedlerkolonialmacht und China. Die blockieren alles, was sie selbst betrifft. Aber zu sagen, das Völkerrecht sei zu schwach, deshalb werfen wir es aus ganz dem Fenster, ist keine Lösung. Die UN-Charta war die Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Das darf nie wieder geschehen! Und anstelle von mehr militärischer Macht haben die unterzeichnenden Nationen auf Frieden gesetzt. Wir reden ständig von Staatsräson – die Lehre aus unserer Geschichte müsste sein, dass wir das Völkerrecht stärken. Denn in einer Welt, in der sich nur der Stärkste durchsetzt, werden wir nicht die Stärksten sein. Egal, wie sehr wir aufrüsten.

Das Dilemma mit der Aufrüstung

Ist es nicht viel mehr so, dass die Aufrüstung hierzulande deshalb forciert wird, weil sich die Amerikaner als Schutzmacht zurückziehen?

Mit dieser Erzählung bin ich groß geworden. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto stärker hat sich das relativiert. Das Ziel Amerikas war es nie, uns zu beschützen, sondern die eigenen Interessen durchzusetzen. Für die USA und die Sowjetunion war immer klar: Im Ernstfall wird nicht auf dem eigenen Territorium gekämpft, sondern in Europa. Die NATO hat regelmäßig Planspiele durchgeführt – Deutschland war am Ende immer zerstört. Amerika hat uns nicht beschützt. Wir hatten nur Glück.

Wenn irgendwann die AfD regiert, braucht es keine kriegerische Übernahme mehr.
Mithu Sanyal, Schriftstellerin

Das heißt, mehr Waffen bringen nicht mehr Sicherheit?

Der wissenschaftliche Begriff dafür lautet: Sicherheitsdilemma. Das bedeutet, je mehr wir aufrüsten, um unsere Sicherheit zu erhöhen, desto mehr werden die anderen ebenfalls aufrüsten, und damit steigt paradoxerweise die Eskalationswahrscheinlichkeit. Mindestens parallel müssten diplomatische und Handelsbeziehungen ausgebaut werden. Stattdessen setzen wir zurzeit nahezu ausschließlich auf das Militär. Und um unsere Freiheiten zu schützen, geben wir sehr viele davon auf. Es heißt inzwischen, wegen der Aufrüstung könne man sich Menschen mit Behinderung nicht mehr leisten, alte Menschen nicht, Kranke nicht, Kinder nicht. Wenn wir uns in unseren Feind verwandelt haben, ist es irgendwann egal, wer uns unterdrückt. So weit sind wir nicht, ich lebe immer noch lieber in Deutschland. Aber jeder Euro in Infrastruktur wirkt nachweislich extremismusdämpfend – und wir kürzen überall. Wenn irgendwann die AfD regiert, braucht es keine kriegerische Übernahme mehr.

Sanyal: Die Mehrheit ist gegen massive Aufrüstung oder Wehrpflicht

Sie schreiben, dass Sie etwas gegen alle Armeen haben. Ist es nicht widersprüchlich, einerseits das staatliche Gewaltmonopol infrage zu stellen und andererseits auf staatlich geschaffene Institutionen wie die UN zu bauen?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Institutionen. Ich glaube an Kooperation, an Absprachen und an Demokratie – ich fände es nur schön, wenn unsere Demokratie demokratischer wäre. Fragt man die Leute, ist die Mehrheit gar nicht für massive Aufrüstung oder Wehrpflicht – gerade die jungen Menschen nicht, die es betrifft. Wir entscheiden hier gegen den Bevölkerungswillen, während wir bei der Migration immer sagen, das Volk wolle es so. Den Staat als Solidargemeinschaft finde ich großartig. Ich habe jahrzehntelang gern Steuern gezahlt, weil davon Kindergärten, Schulen und Straßen finanziert wurden.

Wie sähe eine Alternative konkret aus?

Der Philosoph Olaf Müller, den ich in meinem Buch zitiere, schlägt vor: Wenn schon Dienstpflicht, dann müssten junge Menschen wählen können zwischen Bundeswehr und einer Ausbildung in aktivem gewaltfreien Widerstand. Das bedeutet, wie kann ich im Falle von Stromausfällen mir und meinen Nachbarn helfen? Es ist eher unwahrscheinlich, dass russische Panzer morgen am Kölner Dom stehen. Falls ein Krieg kommen sollte, sieht er wahrscheinlich so aus, dass die Mobilfunknetze nicht mehr funktionieren und aus dem Wasserhahn kein Wasser mehr kommt, und darauf ist Deutschland überhaupt nicht vorbereitet, wie man im Januar in Berlin gesehen hat. Die Ukraine bekommt ihren Strom viel schneller wieder ans Laufen als wir. Wie sorgen wir dafür, dass der Müll abgeholt wird, dass wir aufeinander aufpassen? Das ist weniger heroisch, wirkt aber direkter auf unsere Sicherheit, als wenn irgendein Kind an der Waffe ausgebildet wird.

Warum fällt es so schwer, das überhaupt zu diskutieren?

Weil wir alle Kriege durch die Brille vergangener Kriege betrachten, in Deutschland durch die des Zweiten Weltkriegs. In der Rückschau waren immer alle Hitler: Saddam Hussein, Milošević, jetzt Putin. Wir bräuchten eine Aufarbeitung, bei der man jedes Mal prüft, ob es Alternativen gegeben hätte. In Afghanistan haben wir 20 Jahre Krieg geführt, um die Taliban durch die Taliban zu ersetzen – nur sind die jetzt noch fundamentalistischer. Heute muss man sich rechtfertigen, wenn man nicht sofort zur Waffe greifen will. Friedensdemonstrationen werden pauschal als Putin-Demos abgetan. Dabei steht die Friedensverpflichtung nicht nur in der UN‑Charta, sondern auch im Grundgesetz.


Mithu Sanyal ist Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin. 2021 erschien ihr erster Roman „Identitti“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war und unter anderem mit dem Ernst-Bloch-Preis ausgezeichnet wurde. 2026 erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik. Sie lebt in Düsseldorf.

Nein: Gegen die Militarisierung der Gegenwart, Hanser, 224 Seiten, 20 Euro.