Köln – Wenn er für sein Museum nur einen Wunsch frei hätte, kommt Schnütgen-Direktor Moritz Woelk (56) kurz ins Grübeln. „Natürlich ist es am allerwichtigsten, dass mir mein tolles Team erhalten bleibt.“ Doch dann legt er nach: „Wir würden gern noch mehr junge Menschen erreichen, als uns das heute schon gelingt.“ Tatsächlich ist die Cäcilienkirche am Tag des Interviews gut mit jugendlichen Besuchern gefüllt.
„Die Leute“, so der Direktor, „brauchen erst einmal einen Ruck, um in dieses Museum zu gehen, doch Auge in Auge mit den alten, enorm kunstvoll hergestellten Originalen springt der Funke über.“
Mittelalter scheint vielen weit entrückt
Mit Kim Mildebrath hat das Haus nun eine Kommunikationsexpertin, die auch über die deutsch-englische Website hinaus die Generation Facebook direkt anspricht. Zur aktuellen Schau über Alfred Tritschler ermutigt sie die Besucher/innen per Instagram, selbst Skulpturen zu fotografieren, „und wir haben schon 160 Beiträge erhalten“.
Dass das Mittelalter vielen weit entrückt scheint, spielt den Schnütgen-Verantwortlichen nicht eben in die Hände. Als Trumpf sieht Woelk aber die Sammlung, „denn in deren Objekten werden die auch für uns zentralen Themen von Leben, Tod und einem möglichen Weiterleben verhandelt, dazu die Fragen, was Schmerz, was Trost bedeutet.“
„Ästhetik ist für uns besonders wichtig“
Man müsse keineswegs gläubig oder gar konfessionell gebunden sein, um die mittelalterliche Erkenntnis zu teilen, „dass es etwas gibt, das über unsere alltägliche irdische Welt hinausgeht. Wir kennen es doch alle, wie man in den Strudel der Banalitäten gerät, bis man sich nur noch über den Nachbarn mit seinem Laubbläser ärgert. Dabei ist das Leben doch viel größer und reicher. Und das kann man in unserem Museum erfahren.“ Was Menschen davon womöglich abhält, hat man schon in psychologischen Befragungen ermittelt.
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Seit Moritz Woelk 2012 von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nach Köln kam, hat er auch ganz handfest an vielen Schrauben gedreht: formschöne Sockel statt hässlicher Stelen, elegante Vitrinen mit punktgenauem Licht. „Ästhetik ist für uns besonders wichtig, damit die Hauptwerke überhaupt leuchten können.“ Genau so wichtig: „Die Erläuterung, gern in persönlichen Führungen, seit 2016 aber auch mit einem Multimedia-Führer, den man an der Kasse ausleihen kann – auch weil es leider nach all den Jahren immer noch kein WLAN im Museum gibt.“
Museumsbesuch auch mal nur für die Atmosphäre
Daneben erprobt man neue Präsentationsformen wie 2018 mit der Schau „Unter der Lupe“. Da ging es um technische Finessen der Objekte. „Man sah Mikroschnitzereien mit kleinen Kolibrifedern im Hintergrund, man bestaunte, wie ein Lederkästchen geprägt oder ein Holzkern mit kleinen Perlen ummantelt wird.“ Davon, so der gebürtige Stuttgarter, „sind ein paar kleine Stationen in der ständigen Sammlung übrig geblieben, die nicht die Objekte überlagern, sondern Türen zum Verständnis öffnen sollen.“
Überhaupt stehen die Türen offen. Für Alte Musik, aber auch für Ambient-Klänge in der Museumsnacht, „da kann man eben auch chillen“. Woelk selbst war zum Gespräch aus einer stressigen Sitzung gekommen und hatte unter den mild lächelnden Madonnen bald wieder ruhig geatmet. „Man muss im Museum ja nicht immer lernen, man kann einfach mal diese besondere Atmosphäre genießen.“ Und da kommt ein dritter Wunsch auf: „Es würde uns sehr helfen, wenn der Besuch der ständigen Sammlung kostenlos wäre. Dann würden die Besucher auch mal wegen eines einzigen Werks kommen, statt das Gefühl zu haben, ihre Eintrittskarte abarbeiten zu müssen.“
Das Haus ist in Bewegung
Sonderausstellungen sollten hingegen kostenpflichtig bleiben. Die nächste heißt ab 2. April „Arnt der Bilderschneider – Meister der beseelten Skulpturen“.
Ein beinah unentdeckter Bildhauer ist dieser Meister Arnt von Kalkar und Zwolle, dessen Oeuvre nun erstmals in einem Werkkatalog gebündelt ist. „Wir freuen uns vor allem auf tolle Kunst, denn er schuf eigentlich dreidimensionale Gemälde.“
Da vor Kurzem der Ankauf einer Spiegelkapsel aus Elfenbein glückte, kann das Museum Schnütgen auch bei der Darstellung höfisch-profaner Kunst bald stärker punkten. Man sieht schon, dieses Haus ist in Bewegung. Vorwärts in ein Mittelalter, das so weit gar nicht weg ist.
Ideales Geschenk: Prachtvolles Handbuch
Als Augenöffner für die reiche Sammlung eignet sich der Bildband „Museum Schnütgen – Handbuch zur Sammlung“ (Hirmer Verlag, im Museum 49,90, im Handel 59,90 Euro) bestens. Er stellt mit 280 Katalogtafeln und -texten zwar nur einen Bruchteil der Schätze dar, verschafft aber jedem auserwählten Objekt den schönsten Auftritt. Allgemeine Erläuterungen werden durch Einblicke in die Forschung ergänzt, doch natürlich darf man die exzellent reproduzierten Altäre oder Evangeliare auch einfach nur bestaunen. (EB)



