Abo

Multiphonics FestivalWas sie aus Jimi Hendrix machen, muss man selbst hören

3 min
Zwei Männer und eine Frau lächeln in die Kamera.

Bringt mit Schlagzeuger Nasheet Waits (l.), Pianistin Sylvie Courvoisier sowie Saxofonist und Klarinettist Ned Rothenberg drei der bedeutendsten Persönlichkeiten der New Yorker Improvisationsszene zusammen: Das Projekt Short Cuts

Die 13. Ausgabe des transkulturellen Festivals eröffnet Klangräume aus aller Welt – und steht sinnbildlich für eine demokratische Utopie.

Seit 2013 präsentiert das Multiphonics Festival temperamentvolle und leidenschaftliche Musik aus den unterschiedlichsten Quellen der Welt. Dies ist auch in diesem Jahr nicht anders: Unter der künstlerischen Leitung von Annette Maye verbinden sich die Konzerte des 13. Jahrgangs zur akustischen Weltreise mit spannenden Begegnungen, getragen von der Hoffnung auf ein grenzenloses, respektvolles Miteinander.

Konzentrierte sich das Festival zunächst auf modernere Klarinetten-Musik, weitete es den Blick zunehmend auf andere Holzblasinstrumente – und geht diesmal mit dem Trio Gnawa World Blues noch einen Schritt weiter. Ob Sahara-Blues, Gnawa-Trance, Jazz-Improvisation, Delta Blues, Fernöstliches oder Rock-Ekstase: Die Musik des marokkanischen Sängers, Guembri- und Oud-Virtuosen Majid Bekkas überschreitet in der Tat räumliche und stilistische Grenzen.

Bei allem Verbindenden hat jedes Konzert seinen eigenen Charakter

Wie von Zauberhand verwebt Bekkas die Trance-Ritualmusik der Gnawa mit erdigem Blues-Sound. Mit seinem nordafrikanischen Groove wurde er zum gefragten Mitspieler von Jazz-Größen wie Archie Shepp, Pharoah Sanders, Louis Sclavis, Peter Brötzmann, Klaus Doldinger oder Joachim Kühn. Gemeinsam mit den vietnamesisch-französischen E-Gitarristen Nguyên Lê sowie dem afroamerikanischen Schlagzeuger Hamid Drake entfesselt er eine vibrierende Energielawine, die groovt, jazzt und rockt. Was sie aus „Purple Haze“ von Jimi Hendrix machen, muss man selbst hören: Anfangs nah am Original, wird der Klassiker zum Sprungbrett mitten hinein in die Gnawa-Hochburg Essaouira. Mit dem belgischen Saxofonisten Manuel Hermia kommt ein weiterer Virtuose im Grenzbereich von Jazz und World hinzu.

Bei allem Verbindenden hat jedes Multiphonics-Konzert seinen ganz eigenen Charakter. So steht im Zentrum des Sheen Trios die iranische Klarinettistin Shabnam Parvaresh. Klarinette, Bassklarinette, E-Gitarre, Schlagzeug und Effekten kreieren Klangskulpturen zwischen Jazz, Rock, Elektro-Sounds und folkloristischen Elementen, mal kantig, mal eingängig. Rhythmisch nicht minder komplex verbindet das Kölner Quartett Jin Jim klassischen Progressive Rock und Modern Jazz, stets offen für Einflüsse aus Flamenco, Weltmusik und Fusion.

Klangräume zwischen europäischer Klassik und osmanischer Tradition

Klarinettist Louis Sclavis und Pianist Benjamin Moussay spielen ihr eindringliches, kammermusikalisches Projekt „Unfolding“, mitunter mit Einflüssen von Olivier Messiaen sowie den vertrackten Jazz-Gemälden von Jimmy Giuffre. Das Projekt „Short Cuts“ wiederum bringt mit Saxofonist und Klarinettist Ned Rothenberg, Pianistin Sylvie Courvoisier und Schlagzeuger Nasheet Waits drei der bedeutendsten Persönlichkeiten der New Yorker Improvisationsszene zusammen. Ein weiteres Trio entfaltet seine eigene meditative Klangsprache: Multiinstrumentalist Khadim Seck wurde im Senegal in eine Griot-Familie geboren, Tony Clark spielt Bass, Sitar und die japanische Bambusflöte Shakuhachi, Gitarrist Max Clouth ist von indischer Musik, afrikanischen Traditionen und modernem Jazz beeinflusst.

Eröffnet wird das Festival mit einer Uraufführung: Das zwölfköpfige Beyond the Roots Large Ensemble präsentiert die poetische Klangreise „Blessings“ seines Pianisten Antonis Anissegos. Zum Abschluss spielt dann das ensemble FisFüz „Mozart im Morgenland oder Die Entführten aus dem Serail“: Klarinettistin Annette Maye, Perkussionist Murat Coşkun und Jörg Brinkmann am Violoncello setzen Motive aus Mozarts Oper in Beziehung zu höfischer Musik aus der Zeit Sultan Abdülhamid I. und erschaffen einen Klangraum zwischen europäischer Klassik und osmanischer Tradition.

Erneut bringt Multiphonics Menschen zusammen, die musizieren und einander zuhören, wobei aus allen Unterschieden Gemeinsames entsteht. Sozusagen als demokratische Utopie ist das transkulturelle Festival vielleicht bedeutsamer denn je.


13. Multiphonics Festival, 21. bis 25. Oktober, Alte Feuerwache (Eröffnungskonzert) und Altes Pfandhaus