Abo

Museum LudwigDiese Kunst blickt zurück und springt dich an

4 min
Jana Euler steht vor ihrem Triptychon im Kölner Museum Ludwig.

Jana Euler vor ihrem Triptychon im Kölner Museum Ludwig

Jana Euler zeigt im Kölner Museum Ludwig drei für den Ort geschaffene Riesenbilder im Treppenhaus. Ein Erlebnis im Lassie-Manier.

Zunächst habe sie überlegt, sagt Jana Euler, die große Wand im Treppenhaus des Museum Ludwig in einen Himmel zu verwandeln. Dann würde man jetzt die Stufen wie einen Berg erklimmen und käme der Aussicht auf die Kölner Gipfel der modernen Kunst mit jedem Höhenmeter näher. Stattdessen stürzt einem ein Collie mit wehendem Fell und hängender Zunge entgegen, ein fröhlicher Mischling aus Himmel und Hölle, für Hundeliebhaber und Hundehasser ist jeweils etwas dabei.

Wer das Werk Jana Eulers kennt, hätte an dieser Stelle vielleicht eher einen in Öl gemalten Hai erwartet, der mit aufgerissenem Maul aus dem Wasser schießt. Mit ihren monumentalen Allesfressern aus der Serie „Great White Fear“ wurde die Künstlerin international bekannt, nachdem sie sich in Deutschland bereits mit gigantischen Bildern von Steckdosen einen Namen gemacht hatte. Wie diese hat Euler den fluffigen Hund beinahe fotorealistisch gemalt und dabei so gehörig aufgeplustert, dass er schon wieder surreal erscheint. Außerdem stürzt er sich aus Schäfchenwolken auf uns herab, während wir ihm entgegengehen.

Der große Collie gehört zu einem Triptychon, das Euler im Rahmen des Schultze-Projekts für das Ludwig geschaffen hat. Als Erinnerung an den Kölner Monumentalmaler Bernard Schultze lädt Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior alle zwei bis drei Jahre einen Künstler dazu ein, die große Stirnwand zwischen Erdgeschoss und erstem Stock mit einem oder mehreren Bildern zu bespielen. Kein leichtes Unterfangen, denn das braun geflieste Treppenhaus ist nun mal – ein Treppenhaus. Aber Euler ist der kniffligen Aufgabe nicht nur gewachsen, sie ist überqualifiziert: als Malerin großer Formate und weil sie bereits das Treppenhaus im Frankfurter Museum für Moderne Kunst mit drei für den Ort geschaffenen Bildtafeln beschickte.

Auf der linken Tafel des Kölner Triptychons sprintet der Collie, weil sie, so Euler, im Ludwig immer den linken Treppenaufgang nehme. Auf der rechten Seite räkelt sich derweil eine abstrakte Liegende in Holzoptik, die so geschickt aus Einzelteilen (tatsächlich sind es mit Acrylfarbe gesprühte Schablonen) zusammengesetzt wurde, dass man mehrmals hinsehen muss, um sie aus dem Formengewimmel herauszuschälen. Die mittlere Tafel erschließt sich erst, wenn man die Treppe erklommen hat. Sie zeigt das vermenschlichte Treppenhaus, mit Augen, Geschlechtsteilen und surreal geknautschten Leibern.

Jana Euler schickt uns ins Spiegelkabinett der ortsspezifischen Kunst

Mit diesem Dreiteiler schickt uns Euler in ein kleines Spiegelkabinett der ortsspezifischen Kunst. Die nackte Liegende trägt als Haut den Parkettboden, der die Galerien des Ludwig bedeckt, das aus vielen Augenpaaren zurückblickende Treppenhaus spricht nach zweimaligem Blinzeln für sich und mit dem Collie inszeniert sie die museale Begegnung mit der Kunst in Lassie-Manier. Der eigentliche Kniff der Präsentation liegt für Euler allerdings darin, dass sich im Treppenhaus beständig die Position verändert, aus der man die Kunst sieht – und die Kunst mit ihr.

Die Frage nach dem idealen Standpunkt des Betrachters ist keine triviale, etwa, wenn man an die gemalte perspektivische Verzerrung in barocken Deckengemälden denkt oder an das berühmte Holbein-Gemälde „Die Gesandten“ mit dem stark verzerrten und nur aus extremer Nahsicht erkennbaren Totenschädel. Von Euler wird sie mit einem „unsichtbaren“ vierten Werk in das Schultze-Projekt eingeführt, das man lediglich auf dem oberen Treppenabsatz richtig sieht – und dann leicht übersieht. Was paradox klingt, ist in Wahrheit das Grundprinzip der Malerei.

Für ihre Augentäuscherei hat Jana Euler das Shed-Dach des Ludwig scheinbar nach unten verlängert und eine Wölbung des Dachs auf die weiße Wand gemalt – komplett mit Schattenwurf und schmalem Belüftungsschacht. Die Illusion wirkt allerdings nur auf Augenhöhe, gleichsam aus königlicher Position des Museumskunden. Steht man direkt unter den Gemälden, durchschaut man den Schwindel hingegen sofort. Aber wer kommt im Museum, diesem Haus der wohligen Täuschung, schon auf den Gedanken, genauer hinzusehen?

Man tut Jana Euler wohl nicht unrecht, wenn man sie unter die Künstler einreiht, die gerne Kunst über Kunst schaffen. Sie malt Gemälde über das Malen, darüber, wie wir diese Gemälde sehen, und schließlich darüber, wie Museen diese Gemälde präsentieren. In ihrem Kölner Triptychon zitiert sie zwei Ikonen des Ludwig (Gerhard Richters „Akt auf einer Treppe“ und eine „Liegende“ von Henry Moore) und macht das Museum im Namen der Ortsspezifik selbst zum Gegenstand der Kunst. Steigt man im Treppenhaus ein Stockwerk höher, wirkt das alles wie das Vorspiel zum Euler-Selbstporträt aus der Ludwig-Sammlung. Es zeigt die Künstlerin als lebensgroßen Pinsel, der mit angsterfüllten Augen im Behandlungsstuhl einer Zahnarztpraxis liegt und von einer anderen Pinselfrau mit einem lebensgroßen weiblichen Pinsel gemalt wird.

Erstaunlicherweise will Yilmaz Dziewior das Triptychon nach Abschluss der zweijährigen Präsentation nicht kaufen. Dabei ist es buchstäblich für das Ludwig gemacht und bringt ihm mit Collie und Liegender zwei potenzielle neue Publikumslieblinge ins Haus. Aber vielleicht nimmt er es ja geschenkt.


„Schultze Projects #5. Jana Euler“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, bis Juli 2028