Abo

Museum Ludwig„Und schon klebt das Kind an der Skulptur“

5 min
Leonard Stoica steht im Treppenhaus des Museums.

Leonard Stoica, langjähriger Wachleiter des Museums Ludwig in Köln 

Leonard Stoica leitet die Sicherheitsabteilung im Kölner Museum Ludwig. Ein Gespräch über Schlangen, glückliche Besucher und Polizeieinsätze.

Als Aufsicht im Museum Ludwig sollte man bequemes Schuhwerk mitbringen, ein ruhiges Wesen und die Gabe, freundlich zu bleiben, auch wenn man streng sein muss. Schließlich findet sich immer mal wieder jemand, der einer Skulptur den Puls fühlen oder einem Gemälde näherkommen möchte, als es die Hausordnung erlaubt. Für Leonard Stoica ist die höfliche Zurechtweisung eine leichte Übung und zugleich eine, sagt er, die häufiger nötig ist, als man in einem Museum vermuten würde. Mehrfach im Monat kommt sogar die Polizei ins Haus, und das nicht, um sich die Neuerwerbungen anzuschauen.

Leonard Stoica arbeitet seit bald 27 Jahren im Ludwig und gehört damit zu den dienstältesten Mitarbeitern des Kölner Vorzeigemuseums – auch wenn er nicht bei der Stadt, sondern bei einem privaten Dienstleister, der Firma Köln Sicherheit & Service, angestellt ist. Eigentlich sollte der gelernte Starkstromelektriker nur für drei Monate bleiben, „bis der Laden läuft“, so Stoica, aber dann lief der Laden und er blieb. Bereut hat es der 56-Jährige nie. „Mittlerweile liebe ich das Museum“, sagt er, „es ist wie mein eigenes Haus. Ich kenne jeden Aufzug, jede versteckte Tür.“ Als Objektleiter für Sicherheit führt er rund 50 Aufsichten, eine Zahl, die sich während der Kusama-Ausstellung mehr als verdoppelt hat. Und doch sei er weiterhin auch „Mädchen für alles“: „Wenn wir jemanden nicht erreichen können, dann mache ich sogar kleine Reparaturen.“

Einige Besucher denken: Wenn ich das Kunstwerk kurz anfasse, passiert schon nichts
Leonard Stoica

Als Sicherheitsbeauftragter des Museums ist Stoica nicht nur für Dienstpläne und reibungslose Abläufe etwa beim Einlass zuständig, sondern auch dafür, dass die Besucher glücklich sind. Schließlich kommen die, so Stoica, „um sich an der Kunst zu bereichern und eine Art Frieden zu finden“. Das wird schwierig bei längeren Wartezeiten und gelegentlichem Gedränge, wie jetzt bei der Kusama-Schau. Manchmal müsse man das Museum erklären, denn dessen Architektur sei etwas kompliziert, sagt Stoica. Aber so komme man miteinander ins Gespräch: „Viele Besucher waren das erste Mal im Ludwig und sagen uns, so etwas Schönes hätten sie noch nie erlebt.“ Ein Urteil, das Stoica auf das gesamte Haus ausdehnt: „Unser Museum hat die drittgrößte Picasso-Sammlung der Welt und die größte Pop-Art außerhalb Amerikas.“

Allerdings bringen einige Besucher auch den Unfrieden mit hinein in dieses schöne Haus. Seit der Corona-Pandemie sei die Stimmung aggressiver geworden, sagt Stoica, es fehle vielfach der Respekt gegenüber dem, was die Aufsichten tun – nämlich die Kunstwerke zu schützen. „Einige Besucher denken: Wenn ich es kurz anfasse, passiert schon nichts. Andere lassen ihre kleinen Kinder laufen, und während man die Eltern darauf anspricht, klebt das Kind schon direkt an einer Skulptur.“ Auch dann versucht Stoica, höflich zu bleiben, denn die pampige Art, die er bei den Aufsichten im Louvre beobachtete, habe ihn selbst gestört. „Wie man mit den Besuchern redet, kommt es auch zurück. Und wenn nicht, darf man es nicht persönlich nehmen.“

Mit dem beliebten Klischee vom einsamen Museum, in dem die Aufsichten selig vor sich hindämmern, hat der Arbeitsalltag im Ludwig wenig zu tun. Das sei nicht für jeden Mitarbeiter das Richtige, zumal, wenn, wie jetzt, täglich 4000 Menschen durch die Kusama-Ausstellung strömen. „Wir hatten teilweise drei Rettungseinsätze täglich, meistens wegen akuter Kreislaufschwäche.“ Solchen Stress sei er gewohnt, sagt Stoica, „ich war schon bei Edward Hopper mit 360.000 Besuchern dabei, und da hatten wir noch keine Online-Tickets, da gab es Schlangen bis zum Dom“. Damals habe er die Kasse gestoppt, wenn die Ausstellung voll war, und wieder geöffnet, wenn es leerer wurde.

Im Louvre schaut Stoica nach Kameras und Notausgängen

Auch Prominente konnten Stoica und sein Team im Ludwig empfangen: den Schauspieler Dennis Hopper, den Komiker John Cleese, Angela Merkel, Gerhard Schröder oder die Klitschko-Brüder. Der Hollywood-Star Christian Slater sei als normaler Tourist zur Kasse gekommen und habe nur US-Dollar dabei gehabt. „Die haben wir im Bahnhof für ihn gewechselt, und Slater hat zum Dank Fotos mit unseren Aufseherinnen gemacht.“ Weniger angenehm war der Besuch einer Taube, die kurz vor Toresschluss ins Foyer geflogen kam und nicht wieder gehen wollte. „Wir konnten die Alarmanlage für Stunden nicht scharfstellen. Die Feuerwehr fühlte sich nicht zuständig und der Tierschutzverein auch nicht. Schließlich haben wir die Taube mit unseren Jacken gefangen und gesund nach draußen gebracht.“

Andere Eindringlinge musste Stoica bislang nicht jagen, jedenfalls hat es in seiner langen Dienstzeit noch keinen Diebstahl gegeben. „Wir sind gut organisiert“, betont er, und dass die Bilder im Ludwig teilweise sehr groß seien. Man bräuchte zwei, drei Leute, um sie zur Tür hinauszutragen. Auf ein bestimmtes großes Bild achtet Stoica besonders gern: Salvador Dalis „Bahnhof von Perpignan“ ist sein Lieblingswerk der Sammlung. Es gebe im Museum regelmäßig Führungen für die Aufsichten, sagt er, einige würden sich in der Kunstgeschichte exzellent auskennen. Stoica geht im Urlaub mittlerweile gerne in große Museen, obwohl seine Freunde behaupten, er würde sich dort vor allem für Notausgänge und Überwachungskameras interessieren.

An seiner Arbeit am Museum Ludwig schätzt Stoica unter anderem, dass die Museumsleitung auf Vorschläge der Sicherheitsabteilung eingeht; das sei nicht überall so, höre er von Kollegen. Weniger gern mag er das Gepiepe der Abstandsmelder, wenn wieder einmal ein Besucher einem Werk zu nahegekommen ist. Andererseits sei dieser Warnton für die Gäste lehrreich. „Das ist nicht schön, aber wir brauchen das.“

Für die meisten Besucher ist nicht der Direktor das Gesicht des Museums, sondern die vielen Aufsichten. Leonard Stoica scheint diesen „Nebenjob“ sehr ernst zu nehmen, jedenfalls ist es ihm ein wenig peinlich, ohne Krawatte fotografiert zu werden. Aber an einem heißen Tag mit Temperaturen bis zu 36 Grad sei das wohl vertretbar, beschwichtigt er seine Zweifel. Zumal der Krawattenzwang bereits unter dem früheren Ludwig-Direktor Kasper König gefallen sei. Das weiße Hemd zur schwarzen Anzughose ist allerdings weiterhin Pflicht. Und natürlich bequemes Schuhwerk.