Im Rahmen des Sommerfestivals tritt „Die Weiße Rose“ in der Philharmonie den Beweis an, dass man die Geschichte der Widerstandsgruppe auch als Musical erzählen kann.
Musical „Die weiße Rose“ in Köln„Die Geschichte musste erzählt werden“

Szene aus dem Musical „Die weiße Rose“. Hans und Sophie Scholl verteilen ihre Flugblätter in der Münchener Universität.
Copyright: Jonas Melcher
Es heißt ja, aller Anfang sei schwer. Vera Bolten trieb hingegen sehr lange ein Ende um. Die Sängerin, Autorin und Regisseurin stand vor einer großen Herausforderung: Wie lässt man ein Musical über die Weiße Rose enden, ohne der Versuchung zu erliegen, das tragische Schicksal der Mitglieder der Widerstandsgruppe für ein möglichst pathetisches Finale zu missbrauchen?
„Es lebe die Freiheit“ sollen Hans Scholls letzte Worte im Jahr 1943 gewesen sein. Es ist ein berührendes Vermächtnis, doch Bolten entschied sich dagegen, es zu verwenden. Stattdessen lesen die Darsteller aus den Abschiedsbriefen der Verurteilten; kontrastiert werden diese berührenden Momente von dem hasserfüllten Geschrei des Richters Roland Freisler, der sie in dem Scheinprozess niederbrüllte.
Mit Anfang 20 sein Leben für seine Überzeugungen zu riskieren, ist das größte Wagnis, das man eingehen kann. Auch Sophie Scholl wollte leben. „So ein herrlicher sonniger Tag, und ich muss gehen“, soll sie zu einer Mitgefangenen gesagt haben. „Aber ich glaube, ihre Überzeugung war so stark, dass es für sie am Ende okay war, wenn es so enden muss. Es ist faszinierend, dass sie an den Punkt gekommen ist, zu sagen: Ich kenne mich, ich kenne meine Werte, ich kenne meine Moral. Und egal, was passiert, ihr werdet keine Macht über mich haben“, so Bolten.
Die Idee, aus der Geschichte der Gruppe junger Studierender und ihres Professors, die sich gegen die mörderische NS-Diktatur auflehnten und kritische Flugblätter verfassten und verteilten, ein Musical zu machen, beschäftigte Bolten und ihren Mann, den Sänger und Komponisten Alex Melcher, schon sehr lange. Mehr als 80 Jahre liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Und damit stellt sich auch die Frage, wie man möglichst anschaulich an die Verbrechen der NS-Diktatur erinnert, wenn bald niemand mehr lebt, der darüber berichten kann, wie es damals war. Wie kann man vor allem junge Menschen mit diesen Themen in Berührung bringen, ohne sie zu belehren?
Zu Beginn keine Gegner des Systems
Über Jahre haben sich Bolten und Melcher mit der Weißen Rose beschäftigt, sie haben sich tief eingearbeitet, haben Briefe und Tagebucheinträge gelesen und versucht, die Entwicklung der jungen Menschen nachzuvollziehen, denn zu Beginn waren Hans und Sophie keinesfalls Gegner des Systems. Hitler faszinierte sie. Sie wollten helfen, Deutschland nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs in eine bessere Zukunft zu führen. Die Zweifel, die ihre religiösen Eltern äußerten, ignorierten sie.
Doch nicht nur die Geschwister Scholl, auch die anderen Mitglieder der Weißen Rose, erhalten den Raum, ihre Geschichte zu erzählen, denn es waren eben nicht nur zwei, die sich auflehnten, sondern viele mehr: Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst, Professor Kurt Huber werden genauso in ihrer Entwicklung gezeigt. So werden sie wieder lebendig als vielschichtige, eigenständige Persönlichkeiten.
Autorin und Regisseurin Bolten war sich bewusst, dass diesem Projekt, das Ende Juli im Rahmen des Sommerfestivals in der Philharmonie zu Gast ist, viel Skepsis begegnen würde. Darf man das? Aus dem tragischen Schicksal dieser Menschen ein Musical machen? Ist das nicht pietätlos? „Bei den Deutschen ist das Bild immer mit diesen großen Musicalhäusern verbunden, die in den 80ern, 90ern aufgebaut wurden. Da ging es vor allem um Shows, um das Event“, sagt Bolten. Aber Musicals können so viel mehr sein. „Wir vergleichen das immer mit Filmen: Es gibt Blockbuster und Popcorn-Kino, es gibt die Avengers, aber es gibt eben auch Arthouse-Dramen“, ergänzt Melcher.
„Wir haben lange darüber nachgedacht: Sollen wir es nicht einfach Musiktheater nennen?“, sagt Bolten. „Dann hätten wir dieses Problem nicht, dann würde nicht dastehen: Musical, darf man das? Man würde einfach sagen: Ein Musiktheaterstück, wunderbar. Oper akzeptiert ja auch jeder.“ Aber die Entscheidung sei dann ganz bewusst gefallen, betont Melcher: „Wenn wir als Musicaldarsteller, die für das Genre einstehen, es aus Furcht, dass das nicht akzeptiert wird, anders nennen, ist es ein Verrat an unserem Genre. Umso mehr ist es auch ein Versuch, dagegen anzuarbeiten und einen Teil dazu beizutragen, dass dieses Vorurteil irgendwann abgebaut wird.“
Ihren Zielen sind sie tatsächlich treu geblieben. Ihr Musical durfte ein Musical bleiben. Sie haben die Geschichte nicht verraten, nicht durch billige Effekthascherei verkauft. Im Gegenteil: In jeder einzelnen Szene, in jeder Entscheidung, ob sie nun das zurückgenommene Bühnenbild, die Projektionen, die an Sophies Zeichnungen angelehnt sind, die Kostüme oder die Choreografien betrifft, wird deutlich, mit wie viel Respekt und Bedacht sie sich ihren Figuren nähern.

Musical „Die weiße Rose“
Copyright: Jonas Melcher
Und die Musik, die Melcher komponiert hat, ergänzt all diese Überlegungen. Es gibt Balladen ebenso wie rockige Nummern, aber obwohl die Musik in einem Musical natürlich eine zentrale Rolle einnimmt, drängt sie sich nie in den Vordergrund, stellt sich in den Dienst der Sache. „Die Geschichte musste erzählt werden. Wenn wir gefühlt hätten, das könnten wir besser ohne Musik erzählen, wäre es ohne Musik erzählt worden“, sagt Melcher. Aber in Kombination mit den Texten, die weitgehend aus Originalzitaten bestehen, gelingt es, die Gefühlswelten der Protagonisten ohne Kitsch auszudrücken.
Bolten und Melcher, die sich einst in Köln als Hauptdarsteller des Queen-Musicals „We will rock you“ kennenlernten, wissen, dass gerade die Musik sich bei einer solchen Geschichte auf einem schmalen Grat bewegt. Sie soll Emotionen wecken, aber nicht manipulieren. „Es ist nichts Schlimmes daran, wenn man Musik komponiert, die einfacher zugänglich ist als eine moderne Oper“, sagt Melcher. Er habe sich aber immer wieder hinterfragt, ob er nun in Kitsch abgedriftet sei. Man müsse ehrlich bleiben. „Für uns war die Musik der Mehrwert in diesen inneren Monologen, Briefen, Tagebüchern. Alles, was im Innenleben passiert, diese Gefühlswelt, dieses Emotionale, wird mit Musik ausgedrückt, und ich finde, dass das wunderbar funktioniert. Aber es darf nicht effekthascherisch sein“, sagt Bolten.
Auch Sophie-Scholl-Darstellerin Friederike Zeidler spürte eine große Verantwortung bei der Vorbereitung auf die Rolle: „Gerade weil es reale Personen waren, bei denen es Gott sei Dank so viele dokumentierte Briefe und Tagebucheinträge gibt, ist es unsere Aufgabe als Schauspieler, so viel wie möglich von diesen Dingen zu lesen und aufzunehmen. Und dann für sich herauszufiltern: Was sind die Charaktereigenschaften, was sind die Handlungsmotive, die ich in den Vordergrund stellen möchte?“ Auch für sie und ihren Kollegen Jonathan Guth, der Hans Scholl spielt, stellt das Ende des Musicals die größte Herausforderung dar. „Das sind nicht meine Worte, und ich habe hier eine Verantwortung. Es sind die letzten Worte eines Menschen, der wirklich gelebt hat. Sich dieser Verantwortung bewusst zu sein, hilft, den schmalen Grat genau zu treffen. Weil man dann den Text nicht aufsagt, sondern zitiert. Und eben nicht in die Emotionalität einsteigt.“
Das ist das eigentliche Erstaunliche dieses mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Musicals: Durch die Reduktion, durch das Weglassen und die Konzentration auf die Worte, macht „Die Weiße Rose“ einen Raum auf, der es dem Publikum erlaubt und es dazu zwingt, sich mit dem, was auf der Bühne geschieht, auseinanderzusetzen. Dieses Musical ist ein Angebot zur Reflexion und zum Austausch. Es lohnt, sich darauf einzulassen.
Zum Auftakt des Sommerfestivals in der Philharmonie ist vom 28. Juli bis 2. August das Musical „Die Weiße Rose“ zu sehen, jeweils 20 Uhr, am 1. August auch 15 Uhr, am 2. August nur 14 Uhr. Tickets gibt es ab 39,99 Euro. 50 Prozent Ermäßigung für Kinder und Jugendliche bis einschließlich 14 Jahren.
