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Nach Tod von Ralf RichterChristian Kahrmann über Altersarmut und Krankheit

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Schauspieler Christian Kahrmann (54)

Schauspieler Christian Kahrmann (54) arbeitet heute viel als Synchronsprecher

Nach dem Tod des Kölners Ralf Richter spricht Christian Kahrmann über das Tabuthema Altersarmut bei Schauspielern.

Herr Kahrmann, nach dem Tod Ihres Kollegen Ralf Richter, mit dem Sie unter anderem in „Bang Boom Bang“ gespielt haben, hat die Familie um Spenden gebeten – und bekam im Netz einen Shitstorm. Man warf Richters Sohn Maxwell vor, den Tod seines Vaters auszubeuten, so eine Spendenaktion sei „schamlos“, Ralf Richter sei doch ein reicher Mann gewesen.

Christian Kahrmann: Das ist sehr traurig und empathielos. Es zeigt, welche falschen Klischees die Leute vom Schauspiel-Business haben. Man denkt: Der ist bekannt und hat super Gagen gekriegt, der muss Millionär sein. Stimmt aber natürlich nicht. Man muss schon über viele Jahre dauerhaft beschäftigt gewesen sein, wie etwa in Serien oder Reihen damit da später was bei rumkommt - weil man nur im Drehzeitraum auch sozial- und rentenversichert ist. Dazu kommen Veränderungen in der Branche, vielleicht ist man irgendwann auch vom Typ her nicht mehr so gefragt. Man muss neben der Kunst als freiberuflicher Schauspieler auch ein bisschen kaufmännisches Geschick haben, weil man fürs Alter, Krankheit und Eventualitäten vorbauen muss – das machen viele aber nicht. Rock ‚n‘ Roll und Bausparvertrag passen nicht so gut zueinander.

Sie wurden als Jugendlicher bekannt, spielten acht Jahre lang den Benny Beimer in der „Lindenstraße“, danach in Tatort-Krimis und vielen Kultfilmen, hatten aber auch Brüche im Leben und Durststrecken. Wie kommen Sie klar?

Ich komme ganz gut klar, kenne natürlich aber auch diese Aufs und Abs über die Jahre. Es gibt in unserer Branche viele Kollegen, die in ihrer Blütezeit auf großem Fuß gelebt haben: große Wohnung, dickes Auto, schöne Reisen – und heute holt sie das ein. Ich konnte in jungen Jahren etwas zurücklegen, hatte damals aber auch nicht so hohe Kosten – und ich habe versucht, sehr offen zu bleiben und mich immer wieder neu zu erfinden. Als die Film- und TV-Angebote weniger wurden, habe ich mir vor 2012 einen großen Lebenstraum erfüllt und in Berlin das Café „Kahrmann's Own“ eröffnet. Ich wollte mich unabhängig von den Launen der Branche machen. Der Laden hat mich nicht reich gemacht, mich aber sehr erfüllt und meine kleine Familie finanziert.

Christian Kahrmann: Schauspieler musste nach Covid-Erkrankung neu laufen und sprechen lernen

Dann kam Corona – und Sie wurden sehr schwer krank.

Ja, da habe ich vom Leben mal so richtig die Keule bekommen. Ich war drei Wochen im künstlichen Koma, habe es nur knapp geschafft, mein Vater starb in dieser Zeit auch an dem Virus. Wenig später starb meine Mutter an Krebs. Nach insgesamt drei Monaten Klinik war von mir kaum noch etwas übrig, ich hatte 30 Kilo abgenommen, musste wieder laufen lernen, hatte zwei Jahre Long Covid, der Organismus war komplett runter. Danach brauchte ich dann noch zahlreiche Behandlungen und bekam noch zwei künstliche Hüften. Wie man sieht: Das kann auch jedem passieren. Du wirst als freischaffender Künstler schwer krank und hast über Monate oder Jahre keine Einnahmen. Ich bin damals einigermaßen über die Runden gekommen, da ich 2022 – wenn auch noch etwas klapprig – wieder gedreht habe. Aber es soll auch Kolleginnen und Kollegen geben, die nicht krankenversichert sind, wie man an Heinz Hoenig gesehen hat.

HANDOUT - 01.01.1985, Nordrhein-Westfalen, Köln: ARCHIV - Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und ihren Kindern (l-r) Marion (Ina Bleiweiß), Klausi (Moritz A. Sachs) und Benny (Christian Kahrmann). Seine berühmteste Rolle hatte er in der «Lindenstraße»: Christian Kahrmann. Am 19. Juni wird der Schauspieler, der als Benny Beimer in der «Lindenstraße» bekannt wurde, 50 Jahre alt. (zu dpa "Der Mann, der Benny Beimer war: Christian Kahrmann wird 50") Foto: -/WDR/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung "Der Mann, der Benny Beimer war: Christian Kahrmann wird 50" die Sendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Christian Kahrmann wurde als Kind in der Serie Lindenstraße bekannt. Er spielte den Benny Beimer, auf dem Foto von 1985 rechts unten zu sehen

Kolleginnen und Kollegen von Ihnen berichten, dass der Verzicht auf eine Krankenversicherung gar nicht so selten sei, um Geld zu sparen.

Natürlich gibt es in dem Business auch die, die nicht viel haben und zeitweise Stütze bekommen, weil sie nur ein paar Drehtage im Jahr haben, aber da nicht gerne drüber reden. Noch mal: Wir sind hier nicht in Hollywood, hier gibt es diese Gagen einfach nicht, von denen wir aus den USA immer lesen. Aber es geht auch ums Image – wenn man als Schauspieler öffentlich preisgibt: „Läuft grad nicht so, habe finanzielle Schwierigkeiten“, ist das nicht gerade sexy und ein Magnet für neue Engagements.

Schon wer als Schauspieler zum Beispiel am Theater Vollzeit arbeitet, verdient weniger als den Durchschnittslohn in Deutschland. Freiberufler bekommen im Schnitt noch viel, viel weniger. Woran liegt das?

Seit einigen Jahren herrscht in Deutschland im Film und TV Gagendumping. Das nennt sich in unseren Verträgen dann „Sondergage“. Nur „normale“ Gagen gibt es ironischerweise seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Einsparungen der vergangenen Jahre wurden vor allem an die Schauspieler weitergegeben. Im deutschen Film gibt es wegen der fehlenden Förderungen und deren ausbleibender Reform eine Krise, im TV sind es die Sparmaßnahmen der Sender. Es wird seit geraumer Zeit viel weniger gedreht in Deutschland, zudem werden lange laufende Formate eingestellt, Unter uns, Ein Fall für zwei oder Der Staatsanwalt sind nur ein paar Beispiele. Deswegen werden weniger Schauspieler gebraucht. Viele Schauspieler in den USA können schon alleine von Wiederholungshonoraren gut leben und Durststrecken meistern – auch, weil die Filme in die ganze Welt verkauft werden. Die Privatsender in Deutschland gelten normalerweise mit einem Vertrag alles ab, bei den Streamingdiensten bekommt man nur Wiederholungshonorare, wenn die Produktionen sehr erfolgreich waren.

War es in den Jahren, als Sie als Gesicht der „Lindenstraße“ bekannt wurden, besser?

In den 1990er-Jahren haben allein die Privatsender sehr, sehr viele Eigenproduktionen gemacht. Da gab es einen regelrechten Boom. Da waren die Produzenten froh, wenn sie jedes Projekt mit ordentlichen Leuten besetzen konnten, wir waren oft ausgebucht, konnten uns unsere Filme noch aussuchen. Auch im Kino hatten damals Filme teilweise noch über fünf Millionen Zuschauer. Das ist heute eine Seltenheit. Nach der Pleite der Leo-Kirch-Gruppe 2002 ging es rapide bergab. Es wurde noch mal ein bisschen besser, als die Streamer nach Deutschland kamen, aber das ist leider schon wieder abgeebbt. Die geben lieber Geld aus für „Beverly Hills Cop, Teil 27“ als für eine deutsche Produktion, die sich nur bedingt verwerten lässt. Geblieben sind ARD und ZDF, und die sparen ebenfalls ein.

Als weißer Cis-Mann mit 54 ist es heute natürlich nicht einfacher geworden. Früher bedeutete das vor allem für Frauen ab 45 oft, dass sie weniger Rollen bekommen. Heute ist das bei uns Männern auch spürbar
Christian Kahrmann, Schauspieler

Sie sind Jahrgang 1972. Ein Alter, in dem es auch für einen Mann schwerer wird im Filmgeschäft?

Als weißer Cis-Mann mit 54 ist es heute natürlich nicht einfacher geworden. Die Diversität ist größer geworden, das ist auch gut  so – aber älter zu werden, ist inzwischen auch für Männer ein Nachteil geworden. Früher bedeutete das vor allem für Frauen ab 45 oft, dass sie weniger Rollen bekommen. Heute ist das bei uns Männern auch spürbar.

Wie ist es bei Ihnen im Moment?

Ich habe mich nach der schweren Covid-Erkrankung viel breiter aufgestellt. Die Espresso-Bar hätte ich nicht mehr machen können, ich habe einfach zu lange für meine Genesung gebraucht. Ich arbeite inzwischen auch viel als Synchronsprecher, da werde ich ganz gut gebucht. Kürzlich habe ich in einer internationalen Amazon-Produktion mitgespielt. Man muss sich heutzutage auch in Deutschland breit aufstellen – die fetten Jahre sind vorbei.

Weil Film und Fernsehen sonst nicht genug abwerfen und Sie auf Altersarmut zusteuern würden?

Wenn man schnell reich werden möchte, ist Schauspielerei – oder Kunst generell – nicht die richtige Wahl. Das ist immer noch eine Sache, die man aus Passion macht. Natürlich kann man Glück haben und über einen Zeitraum gut verdienen – aber ewig hält das bei den meisten nicht. Darauf muss man vorbereitet sein. Für die junge Generation ist es aber schon ganz selbstverständlich, sehr vieles zu machen: Tournee-Theater, Werbespots, Synchro, Independent-Filme und Soaps, zwischendurch im Café arbeiten. Auch viele sehr etablierte Kollegen machen das inzwischen so, man braucht ein breites Repertoire: Theater, Synchron, Buch schreiben, Touren, Singen etc. Einige sind ja jetzt auch schon Influencer und machen Kochvideos, Comedy oder Werbung für Produkte auf Instagram. Oder machen in diesen Trash-Reality-Shows mit.

Wie wird Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt in der Filmbranche verändern?

Fast alle haben große Sorgen, es herrscht eine große Unruhe in der Branche. Viele Synchronsprecher haben seit Januar gegen Netflix demonstriert, weil der Streamingdienst unsere Stimmen kostenlos für sein KI-Training nutzen will. Es herrscht die Sorge, dass unsere Stimmen und unser Spiel sonst bald KI-generiert in allen Sprachen verwendet werden, sprich unsere Arbeit komplett überflüssig wird. Und das alles ohne gesonderte Entlohnung! Synchronsprechen ist eine Kunstform, genauso wie Schauspielerei. Wir können es nicht zulassen, dass wir gegen Maschinen ausgetauscht werden, zumal sich das (noch!) einfach furchtbar anhört. Aber auch als Schauspieler muss man bereits heute in den Verträgen Rechte an seiner Stimme und am Bildmaterial für zukünftige KI-Verarbeitung abgeben. Jetzt werden ja sogar schon einige Shows wie „Richter Ulrich Wetzel“ mit neuen KI-Schauspielern produziert. Das ist unsäglich! Am Ende werden die Zuschauer entscheiden, ob sie KI in großem Stil akzeptieren.