- Mathe ist trockene Materie und lockt keinen hinterm Ofen vor? Von wegen.
- Mathelehrer Kai Schmidt aus Niedersachsen hat als fleißiger Youtuber inzwischen fast 170.000 Follower
- Während die Kultusminister der Länder seit Jahren die Digitalisierung der Schulen versprechen, macht der Dorflehrer Nägel mit Köpfen.
Uelsen – Handgeschriebene Notizen. Ein Zeigefinger rutscht ins Bild, dann ein Geodreieck zum Unterstreichen. Dazwischen ist ein Mann mittleren Alters zu sehen, der etwas erklärt. Der Mann hat keine blauen Haare, sondern schüttere. Seine Aufnahmen erinnern eher ans Schulfernsehen der 1970er-Jahre. Und es geht tatsächlich um Mathematik – in diesem Fall, genauer gesagt, ums schriftliche Dividieren. Wer allerdings glaubt, mit derart analogen Techniken und Inhalten sei anno 2019 kein Staat zu machen respektive keine Fangemeinde aufzubauen, der liegt schwer daneben. Das Video zum Teilen wurde bei Youtube schon 289 000 Mal abgerufen. 169 000 Nutzer haben den Kanal von Lehrer Schmidt sogar abonniert.
Während die Kultusminister der Länder seit Jahren die Digitalisierung der Schulen versprechen und individuelle Lernangebote ebenso einfordern wie lebenslanges Lernen, hat Dorflehrer Kai Schmidt aus der Grafschaft Bentheim längst Fakten geschaffen. „Ich habe inzwischen den gesamten Lernstoff der Klassen eins bis zehn online“, verrät der 39-Jährige in einer Unterrichtspause. 1600 Videos habe er in den vergangenen drei Jahren aufgenommen. Eine Art Sucht, wie er zugibt. Für Fernsehen bleibt ihm selbst keine Zeit mehr.
Von Berufs wegen unterrichtet Schmidt Mathematik, Physik und Politik an der Oberschule des Gemeindeverbands Uelsen. Vor einem Jahr ist er dort Schulleiter geworden. Und hat trotzdem noch Zeit, als Youtuber aufzutreten. „Ich filme gewissermaßen meine normale Unterrichtsvorbereitung“, sagt Schmidt. Auch im Duktus bleibe er sich treu. „Nur so bin ich authentisch“, sagt er. Einzig das Schneiden und Hochladen der Aufnahmen koste zusätzliche Stunden.
Vor YouTube kam der Schulserver dran
Genauso pragmatisch hat Schmidt sich 2016 mit dem neuen Medium erstmals befasst. „Meine Schüler kamen immer wieder ohne Hausaufgaben in den Unterricht, weil sie den Stoff angeblich nicht verstanden hatten“, erinnert er sich. Das wollte Schmidt auf Dauer nicht gelten lassen. Mit der Smartphonekamera in der einen Hand rechnete er mit der anderen erste Beispielaufgaben vor und stellte das Ergebnis auf den Schulserver. „Der war dann allerdings rasch voll.“
Auf der Suche nach mehr Platz kam Schmidt zu Youtube – und traf dort auf seine Schüler. Nur zwei Wochen lang blieb das Angebot eine geschlossene Gruppe. Schon bald gab es mehr Abrufe als Schüler in Schmidts Lerngruppe. So wurde aus der virtuellen Nachhilfestunde ein Angebot für die Masse. Bruchrechnung, Prozentrechnung, Rechnen mit Klammern – unter jedem Stichwort erscheint inzwischen der Uelsener mit seinem roten Poloshirt. Längst hat er gelernt, sich als Marke zu verkaufen. Sogar Shirts und Hoodies vom „Team Schmidt“ sind im Angebot.
Kaum Hater auf seiner Seite
Zwischen 500 und 1000 Kommentare bekomme er am Tag auf seinem Kanal, verrät der Pädagoge – und davon nur ein bis zwei unflätige. Auf die Likes seiner Fangemeinde legt er großen Wert. Auch seine Kollegen haben sich inzwischen an die mediale Präsenz von „Lehrer Schmidt“ gewöhnt: „Anfangs habe ich viel Hohn und Spott geerntet. Jetzt hat sich das Bild von Youtube geändert. Dort gibt es ja auch viele seriöse Inhalte. Und es ist für die Kids eben nur ein Klick von Rezo zu Bruchrechnung.“
Mit Mathematik hat sich der Pädagoge ein medial gut geeignetes Feld ausgesucht. „Es gibt dabei nur eine richtige Lösung“, freut er sich. Seine Testvideos zu deutscher Grammatik findet Schmidt selbst weniger gelungen: „Es gibt zu viele Ausnahmen. Da ist der Stoff schwer zu komprimieren.“
Ergänzung aber kein Ersatz
Den Unterricht können die Videos aus seiner Sicht nicht ersetzen. Jede Lerngruppe sei schließlich anders zusammengesetzt. Je nach Bedarf stellt er deshalb bis heute neue Videos für seine eigenen Schüler zusammen. Dabei sind seine Zuschauer längst nicht nur Minderjährige. Wie die Auswertung von Google Analytics zeigt, ist ein Drittel älter als 18 Jahre.
In der Landesschulbehörde weiß man um Schmidts Engagement, das dem Pädagogen dank vorgeschalteter Werbung inzwischen auch gewisse Einnahmen beschert. Auf seine Erfahrungen habe allerdings noch niemand zurückgegriffen, berichtet er. Dabei wären Videos eine zeitgemäße und zudem fast kostenfrei produzierte Ergänzung zu herkömmlichen Lehrbüchern und dem mündlichen Unterricht. Zumal, wenn der Lehrer den Schülern am PC konspirativ erklärt, wie Lehrer selbst sich das Kopfrechnen einfacher machen – das Video mit diesem Geheimwissen wurde inzwischen 1,1 Millionen Mal abgerufen.
