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Netflix-Doku über Lukas  PodolskiNur nicht zu viel nachdenken

5 min
Szene aus der Doku „Poldi“ bei Netflix

Szene aus der Doku „Poldi“ bei Netflix

Netflix hat eine Doku über Lukas Podolski gedreht, die dem Fußballstar sehr nahekommt und dennoch viele Fragen offenlässt.

Der Weg von der Aachener Straße zum Rhein-Energie-Stadion gleicht am Mittwochabend einer Pilgerwanderung. Links und rechts säumen rot-schwarze Banner den Weg, darauf Fotos von Lukas Podolski, die Rückennummer 10 und eine Auswahl seiner Sprüche wie „Wer schläft, verliert“. Die Fußball-Kathedrale empfängt die Gläubigen dann mit einem riesigen roten N vor dem Nordeingang. Netflix hat – kurz nach dem er sein Karriereende bekannt gegeben hatte und kurz vor seinem 41. Geburtstag – eingeladen, um seine Dokumentation „Poldi“ am vermutlich einzig möglichen Ort vorzustellen, dem viel zitierten Wohnzimmer des früheren FC-Stars.

Die Kölner bildundtonfabrik (btf) und Signature Studios haben den Kölner im Auftrag des Streamers in seiner – vermeintlich – letzten Saison beim polnischen Erstligisten Górnik Zabrze, dessen Mehrheitsanteile er jüngst übernahm, in der Saison 2024/2025 begleitet. Ein Jahr hing er dann aber doch noch dran. Schlecht für die Idee des Films, gut für die Umsetzung. Denn den nach dem richtigen Zeitpunkt für sein Karriereende suchenden Podolski beim Ringen zuzuschauen, gehört zu den Stärken des Films.

Dessen Macher standen ohnehin vor einer großen Herausforderung: Wie dreht man einen guten Dokumentarfilm, wenn der Protagonist zwar berauschend Fußball spielen kann, in Interviews aber nicht gerade dadurch aufgefallen ist, zu offenbaren, was ihn im Innersten zusammenhält?

Lukas Podolski hat immer so gesprochen, wie er gespielt hat: schnörkellos und zielorientiert. „Ich denke nicht vor dem Tor. Das mache ich nie“, hat er bei der WM 2006 gesagt. Und das scheint auch sein Lebensmotto zu sein. Er muss in Bewegung bleiben, neue Sachen ausprobieren, als Geschäftsmann neue Felder erschließen. Rastlos, getrieben, wenig Zeit, zu reflektieren. Seine Spielintelligenz hat ihn zum Star gemacht, und seine Instinkte verlassen ihn auch bei seinen Aktivitäten außerhalb des Platzes nicht. Seinem mittlerweile 18 Jahre alten Sohn Louis gibt er im Film, als er ihn beim Fußballspielen beobachtet, den Ratschlag, nur nicht zu viel nachzudenken.

COLOGNE, GERMANY - MAY 27: A general view at the premiere of Netflix's "Poldi" at RheinEnergieStadion on May 27, 2026 in Cologne, Germany. (Photo by Andreas Rentz/Getty Images for Netflix)

Der Weg zum Stadion bei der Premiere der „Poldi“-Doku

Sich jemandem anzunähern, der nur mit den Schultern zuckt, wenn man ihn nach seinen Gefühlen fragt, ist schwierig. Doch durch die Konzentration auf seine Familie, sein Aufwachsen, seine Jugend und die Zeit beim FC in Köln und seine Rückkehr nach Polen schlägt der Film den Bogen zwischen den beiden wichtigsten Konstanten in Podolskis Leben: seiner Herkunft in Polen und seiner zweiten Heimat in Köln.

Die anderen Stationen seiner Karriere werden im Eiltempo abgearbeitet, der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wird zur Randnotiz im Abspann. Die gewöhnliche Fußballerdoku zeige 80 Prozent Sport, 20 Prozent vom restlichen Leben. Er wolle es genau andersherum, sagt er im Film. Ein kluger Schachzug. Es solle nicht die üblichen Interviews mit ehemaligen Trainern und Mitspielern geben, in denen die dann sagten: „Geiler Typ, positiv, linker Fuß. Und am Ende heulen alle und sagen: Boah, Poldi, geil.“ Das Publikum bei der Filmpremiere lacht. Er hat einfach ein Gespür dafür, dass die Fans etwas anderes von ihm sehen wollen. Da ist sie wieder, die Spielintelligenz.

Wenn er erzählt, dass er, der als Kleinkind aus Polen nach Deutschland kam, nicht in den Kindergarten wollte, weil er die fremde Sprache nicht verstand, und den ganzen Vormittag auf dem Bordstein vor dem Kindergarten auf die Rückkehr der Oma wartete, ahnt er wahrscheinlich selbst nicht mal, wie sehr ihn diese Erfahrungen geprägt haben. Der Bolzplatz war der vielleicht einzige Ort, an dem er sich zugehörig fühlte. Fußball war in seiner Welt immer viel mehr als nur Sport. Deshalb fällt ihm wohl auch das Loslassen so schwer.

Seine Mutter, sein Vater, seine Schwester, seine wunderbar unterhaltsamen Tanten, seine inzwischen verstorbene Großmutter, Freunde – sie alle kommen zu Wort. Sie erzählen, wie es war, als er als Jugendspieler Freikarten für FC-Spiele auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Geschäftstüchtig war er nämlich schon immer. Er und sein Vater Waldemar erzählen abwechselnd von dem Moment, als der Sohn ihm von seinem ersten Geld als Profi einen Audi A4 schenkte. Aber auch bei der Erinnerung an diesen besonderen Moment lassen sie die Gefühle nicht so recht zu.

Zum ersten Mal gibt Podolskis Ehefrau Monika ein langes Interview. Sie und ihr Mann erinnern sich ans erste Date auf dem Schulhof, aber auch an Streitigkeiten und eine kurzzeitige Trennung nach der Rückkehr zum 1. FC Köln nach der Zeit bei Bayern München. Irgendwann sagt sie einen entscheidenden Satz: Es brauche Jahre, bis er sich öffne.

Jahre, die diese Doku nicht hat. Beim Kurzinterview vor der Filmvorführung, zu der auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Weltmeister Christoph Kramer, die frühere FC-Spielerin Tuğba Tekkal und Entertainer Oliver Pocher gekommen waren, hatte Podolski seine Herangehensweise an das Filmprojekt auf seine Art in Worte gefasst: „Wenn man die Hosen runterlässt, muss man sie auch unten lassen.“

Wortbruch kann man ihm nicht vorwerfen. Er nimmt die Kamera mit in die Sauna und zum Familienausflug. Aber wer dieser Lukas Podolski wirklich ist, bleibt auch nach den knapp anderthalb Stunden ein Geheimnis. Vielleicht sogar für ihn selbst. 

Der Dokumentarfilm „Poldi“ wird am 4. Juni, seinem 41. Geburtstag, bei Netflix veröffentlicht.