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Neue Biografie zum 100. GeburtstagWie James Krüss die Kinderliteratur veränderte

5 min
James Krüss steht vor einem Segelschiff

Der Kinderbuchautor James Krüss, 1988

James Krüss, Schöpfer von „Timm Thaler“, wäre am Sonntag 100 geworden. Die Kölner Kinderbuch-Agentin Paula Peretti erzählt sein Leben jetzt in einer neuen Biografie für Kinder und Familien.

„Auf der Insel Helgoland // bei viel Wasser, Wind und Sand // centimeterkurz (kein Held) // drang ich ein ins Licht der Welt…“

Genau 100 Jahre ist das am kommenden Sonntag her. Der Mann, der diese Zeilen reimte, heißt James Krüss und gehört zu den „größten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren“, sagt Paula Peretti. Die Kölner Agentin für Kinder- und Jugendliteratur hat gemeinsam mit der Hamburgerin Dorthe Voss eine neue Biografie über Krüss herausgebracht: „James Krüss: Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer“. Sie richtet sich – natürlich – an Kinder und Familien. Das wäre ganz im Sinne des Autors gewesen. „Für Krüss waren Kinder das anspruchsvollste Publikum“, sagt Peretti über den Autor und Dichter. Er gehöre zu den Erneuerern der Kinderliteratur im 20. Jahrhundert, nach Erich Kästner, Astrid Lindgren, neben Michael Ende oder später Christine Nöstlinger.

Erneuerer der Kinderliteratur

Krüss liebte es schon als Kind, zu reimen und sich Geschichten auszudenken. Geboren wurde er am 31. Mai 1926 – auf Helgoland, genau wie Co-Autorin Dorthe Voss. Für die detailgetreuen Beschreibungen seiner Kindheit auf der rauen Nordsee-Insel ist vor allem sie verantwortlich. Während der Recherche zum Buch sprach Voss auch mit noch heute dort lebenden Verwandten. Das Leben auf der Insel hat den Autor geprägt, das wird beim Lesen dieser wunderbar kurzweilig geschriebenen Biografie sehr deutlich. Genauso wie die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg, für den James Krüss sich als junger Mann freiwillig meldete. Dankenswerterweise klammern Peretti und Voss diese harten Themen nicht aus ihrem Kinderbuch aus, sondern ergänzen ihre Kapitel mit vielen erklärenden Informationen. Sie schreiben: „Es wurde ihm sehr wichtig, mit seinen Geschichten und Gedichten zu einer menschenfreundlicheren, gerechteren Welt beizutragen, zu einer Welt ohne Waffen.“ Krüss reimt es in seinem ABC-Lebenslauf später so:

„… musste aber mit Gewehr // noch ein Jahr ins Kriegesheer. // Ohne Pass – der Krieg war aus – // pilgerte ich dann nach Haus, querte Deutschland wochenlang, // radelnd auch und mit Gesang.“

Gesund heimgekehrt, beendete er sein Lehramtsstudium. Nur, um den Beruf nach kürzester Zeit an den Nagel zu hängen und nach München zu ziehen. „Er war überzeugt, den Kindern einen größeren Gefallen zu tun, wenn er Bücher für sie schrieb“, sagt Paula Peretti. Die Sprachwissenschaftlerin hat in ihrer Zeit als Leiterin des Kinderbuchverlags „Boje“ (bei Bastei Lübbe) etliche Werke von Krüss neu herausgebracht. „Damals habe ich eine Ahnung davon bekommen, wie abenteuerlich James’ Leben gewesen sein muss.“ In der aktuellen Recherche hat sie etwas anderes am meisten beeindruckt: „Wie zielstrebig er seinen Traum, Schriftsteller zu werden, verfolgt hat. Er hat auf seine Talente vertraut und daran geglaubt. Anfangs ohne zu wissen, ob er jemals vom Schreiben leben kann.“

Mit Erich Kästner in München

Doch mit viel Fleiß und Glück gelang es. Kurz nachdem er 1949 nach München gezogen war, lernte er den damals schon sehr bekannten Schriftsteller Erich Kästner kennen. Krüss durfte Kästners „Die Konferenz der Tiere“ zu einem Hörspiel umschreiben. Kästner und der Bayerische Rundfunk waren begeistert. Seither war Krüss auch fürs Radio im In- und Ausland tätig. Gedichte, Kinderbücher, auch theoretische Texte zur Kinder- und Jugendliteratur entstanden. „Er war zur rechten Zeit am richtigen Ort“, sagt Peretti. Die 16 Jahre in München gelten als die produktivsten, vieles erschien parallel in der BRD und in der DDR.

Paula Peretti vor einem Bücherregal

Die Kölner Agentin für Kinder- und Jugendliteratur Paula Peretti hat gemeinsam mit der Hamburgerin Dorthe Voss eine neue Biografie über James Krüss herausgebracht

Bis 1996 gab es seine Bücher – rund 160 an der Zahl – in insgesamt 41 Sprachen, vieles wird heute noch in aktuellen Auflagen verlegt. Darunter sind Klassiker wie „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“, „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“, „Der Sängerkrieg der Heidehasen“ oder das Bilderbuch „Henriette Bimmelbahn“. „Seine Romane sind zwar im Kontext ihrer Zeit geschrieben, aber viele Botschaften bleiben universell. Zum Beispiel geht Timm Thaler einen Pakt mit dem Teufel ein, erkennt am Ende aber, dass materieller Gewinn allein nicht glücklich macht“, sagt Paula Peretti. In vielen Kinderromanen bedient Krüss sich einer ganz besonderen Struktur, erklärt Ines Dettmann, Leiterin des Jungen Literaturhauses in Köln: „In „Mein Urgroßvater und ich“ erschuf Krüss eine Rahmenhandlung und füllte sie mit Kurzgeschichten.“

160 Bücher und noch mehr Gedichte

Vor allem aber schrieb Krüss unzählige Gedichte. Viele finden sich noch heute in Schulbüchern und sind „meisterhaft und so frisch und gut wie damals“, sagt Paula Peretti. Ines Dettmann ergänzt: „In allen Büchern finden sich Gedichte und Reime, man merkt seinen Spaß an Wortspielen und Dichterei und anders als viele Zeitgenossen nimmt er sich selbst nicht zu ernst.“ Er habe viele Autorinnen und Autoren ermutigt, nicht nur pädagogisch zu arbeiten, sondern Spaß an den kreativen Formen zu haben. „Das hat die Kinderliteratur maßgeblich geprägt. Bis heute.“

Anfang der 1960er Jahre schaffte Krüss es auch ins noch junge deutsche Fernsehen. „ABC und Phantasie“ ging 1963 auf Sendung. Vor der Kamera reimte und zeichnete Krüss mit Kindern. Weitere Sendungen folgten. „Krüss hat ganz zauberhaftes Fernsehen für Kinder gemacht“, sagt Paula Peretti.

Doch irgendwann wurde dem Insulaner die Großstadt zu eng, auch seine Homosexualität durfte in den 1950er und -60er Jahren nicht bekannt werden. 1966 zog es Krüss auf die kanarische Insel Gran Canaria. Hier lernte er seinen Partner Darío Pérez kennen, mit dem er bis an sein Lebensende zusammen war. Bis zu seinem Tod am 2. August 1997 auf Gran Canaria schrieb und dichtete Krüss weiter. Und so beenden wir diesen Text mit seinem Lebenslauf:

„Später statt als Lehrersmann, // trat ich dann als Dichter an. // Und was ich so schreib, gefällt // vielen Kindern auf der Welt. // Wie erfreulich und wie nett! // X, Ypsilon, Zett.“


„James Krüss – Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer“, Atrium Verlag, 144 Seiten, 16 Euro, ab 7 Jahren.