Die Französin bewies in der Kölner Philharmonie, dass sie die deutsche Romantik tief durchdrungen hat. Eine Meisterleistung.
Neue WDR-ChefdirigentinMarie Jacquots gefeierter Einstand in Köln

Marie Jacquot, neue Chefdirigentin des WDR‑Sinfonieorchesters, bei ihrem Antrittskonzert in der Kölner Philharmonie
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Das „Lohengrin“-Vorspiel „erzählt“ das Herabschweben des Grals (und/oder seines Ritters) aus himmlischen Höhen auf die Erde und sein Wieder-Entschwinden. Auch ein gutes Orchester kann zumal den Einstieg prächtig versäbeln – und sei es, weil die vierfach geteilten Violinen das ätherisch-reine und extrem hohe A-Dur verfehlen. Beim gefeierten philharmonischen Einstandskonzert von Marie Jacquot, der frisch gebackenen Chefdirigentin des WDR-Sinfonieorchesters, konnte davon freilich keine Rede sein. Zielsicher fanden und trafen die Musiker unter ihrer Leitung die magisch-immaterielle Aura der Musik. Die nachfolgende allmähliche „Erdung“ durch das Hinzutreten tieferer Instrumentalschichten und die erneute Lichtung am Schluss formierten dann eine in Bann schlagende dramaturgische Meisterleistung.
Deutsche Romantik sei ihr absolutes Faible, hatte Jacquot im Interview mit dieser Zeitung betont. Nun, nach diesem „Lohengrin“-Auszug darf man sagen, dass sie diesbezüglich nicht nur ein Faible, sondern vor allem den Zugang eines tiefen Verstehens hat (mit „Tristan“-Vorspiel und „Liebestod“ hatte sie die WDR-Verantwortlichen vor vier Jahren auf ihre Spur gesetzt). Der meint keineswegs einen – die Musik der Epoche missverstehenden – fetten, bombastischen Breitwandklang, sondern eine schlanke, die Tiefen der Partitur öffnende Deutlichkeit – und einen exquisiten Sinn für spezifische atmosphärische Valeurs. Jacquots Schlag kommt dabei ganz aus dem Körper und ist so präzise wie unschematisch. Wenn es nötig ist, wird eine „Eins“ durch leicht absetzende Stauung fixiert, dann wieder fasst die fließende Bewegung ganze Taktgruppen zusammen.
Dem Dickicht der Partitur begegnete Jacquot mit größter Deutlichkeit
All das geschieht nicht mit einer Machtgeste, sondern aus einer Haltung heraus, die gestaltet, modifiziert und verstärkt, was das Orchester von sich aus anbietet. Dass die Dirigentin wie die Musiker an solcher Art von Interaktion ihren Spaß haben – die Zuhörer konnten es am Freitagabend immer wieder erleben und nachvollziehen. Die Prognose sei gewagt, dass sie daran auch in Zukunft viel Freude haben werden.
Diesmal ging es, nach dem „Lohengrin“, nicht mit deutscher, sondern mit französischer und russischer Romantik weiter. Am Schluss des konzise um „poetische Ideen“ herum gebauten Programms stand Skrjabins „Le poème de l’ekstase“, ein Werk, das zum einen das Orchester in der ganzen Breite seiner Möglichkeiten forderte, zum anderen – wie Jacquot selbst einräumt – das Publikum durch überinformierende Dichte schier zu quälen vermag. „Man kann und muss nicht alles hören“, ist ihre Devise. Nun, zu hören gab es da trotzdem vieles, dem Dickicht der Partitur begegnete Jacquot erneut mit größter Deutlichkeit und dem erfolgreich umgesetzten Vorsatz, die gigantischen Steigerungen genau durchzustrukturieren. Erst dann zerren sie so richtig an den Nerven – was sie ja auch sollen.
Eine echte Novität mit Blick auf die Agenden von Kölner Konzertprogrammen war die Sinfonische Dichtung „Androméde“ aus der Feder der französisch-irischen Spätromantikerin Agusta Holmès. Das ist ein wohllautendes, von beschwingter Kraft und Brillanz erfülltes und nur gelegentlich nach Wagner klingendes Stück, das hier mit herzhaft-dramatischem Zugriff umgesetzt wurde. Von dieser Komponistin möchte man mehr hören.
Der zweite – weibliche – Star neben Marie Jacquot war die in München lebende russische Pianistin Yulianna Avdeeva, die mit delikat-elegantem und zugleich poetisch-beseeltem Anschlag, dabei ohne jeden reißerischen Appeal, Chopins zweites Klavierkonzert spielte. Gerade Chopins wuchernde Ornamentik kam hier nicht als Ansammlung virtuoser Luftschlangen, vielmehr wurde durch Gliederung und interne Gewichtung ihre expressive Substanz eindringlich herausgestellt.
Das Konzert sei schwer zu begleiten, hatte Jacquot zu bedenken gegeben, viel hänge von der Dialogbereitschaft des Solisten ab. Nun, diesbezüglich brauchte sie sich über die Aufführung nicht zu beklagen, Avdeeva fand ohne weiteres den Weg zum geschmeidig-überzeugenden Phrasenübergang zwischen Solo und Orchester. Zum Dank für den Beifall setzte es Chopins großen As-Dur-Walzer – den mit dem raffiniert angetäuschten Vierertakt am Anfang. Der kam erwartungsgemäß hochinspiriert – und jetzt auch mit unverhohlener Wirkungsabsicht.
