Thiel und Boerne ermitteln in einem eher wirren Fall zwischen Karnevalisten, Feministinnen und Longevity-Apologeten.
Thiel und Boerne ermittelnNeuer Münster-„Tatort“ widmet sich Mord im Karnevalistenmilieu

Mord im Münsteraner Karnevalstrubel: Kriminalhauptkommissar Frank Thiel (r., Axel Prahl) und Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) werden im „Tatort: Narrentanz“ in die glitzernde Welt des westfälischen Karnevals katapultiert.
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Tonnen von Süßigkeiten, die den Zuschauenden von den vorbeiziehenden Narren und Jecken zugeworfen werden, gehören zum Straßenkarneval ebenso dazu wie die Tanzmariechen – das ist in Münster nicht anders als in der Karnevalshochburg Köln. Besonders perfide also, dass der Trainer einer Gardetanztruppe mithilfe eben jener Bonbons vergiftet wurde.
Der „Tatort: Narrentanz“, den Das Erste am Sonntag, dem 15. November, von 20.15 bis 21.45 Uhr ausstrahlt und der Kommissar Thiels und Rechtsmediziner Boernes 49. Fall darstellt, spielt allerdings schon bald nicht mehr nur zwischen Karnevalisten, sondern auch unter Feministinnen und Longevity-Apologeten.
Närrisches Treiben als Tarnung
Letztere sitzen in Form des Ehepaars Kamphus (Victoria Trauttmansdorff und Johannes Allmayer) im Vorstand des betreffenden Karnevalsvereins. Um die Tradition des närrischen Treibens scheint es diesen beiden allerdings weniger zu gehen als vielmehr eher um ein bisschen Imagepflege für ihr Unternehmen, einen Hersteller veganer Langlebigkeitskosmetik.
Die „Feministische Front Münster“ (FFM) dagegen schickte dem Verein Drohbriefe – weil der Gardetanz sexistisch sei und Frauen „objektifiziere“. Die starrköpfige FFM-Anführerin Babs Borger (Katrin Wichmann) wird deshalb als dringend tatverdächtig festgenommen.
Doch dann wird ein weiterer Toter aufgefunden – der junge Betreiber eines Segelflugclubs. Bei dem war wiederum der ermordete Tanztrainer Martin Herrmann Mitglied. Und gar nicht glücklich damit, dass der Flugplatz verkauft werden sollte – ausgerechnet an die Firma des Ehepaar Kamphus. Über deren dubiose Geschäftspraktiken Herrmann offensichtlich gut Bescheid wusste…
Zu viele Themen und Erzählstränge
Es geht in „Narrentanz“ um viel: das Streben nach Perfektion und den Traum vom ewigen Leben, tradierte Geschlechterrollen und toxische Männlichkeit, den Karneval zwischen Tradition und Geschäftemacherei, weibliche Wechseljahre, einen unverarbeiteten Eltern-Komplex, die Kostümsuche von Kommissarskollege Mirko Schrader für die anstehende fünfte Jahreszeit – und, last but not least, die Wirkung von Echsenspucke. In Summe ist das: deutlich zu viel.

Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl, r.) und Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in einer Szene des Münster-„Tatort“.
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Drehbuchautorin Regine Bielefeldt zeichnete in den vergangenen Jahren für einige gelungene Münster-„Tatorte“ verantwortlich: „Magic Mom“, „Fiderallala“ oder „Unter Gärtnern“. Die überzeugten zwar auch nicht immer in Sachen innerer Logik oder großer Spannung, konnten dafür aber mit schön abstrusen Einfällen, schnell gesetzten Pointen und der großen Spielfreude der Beteiligten punkten.
Fahrig und unpräzise
„Narrentanz“ kann da leider nicht mithalten. Der Film ächzt nicht nur unter seinen dramaturgischen Ungereimtheiten, etwa den fehlenden oder angeklebt wirkenden Motivationen seiner Figuren, sondern auch seiner etwas fahrigen, unpräzisen Erzählweise. Regisseur Nils Willbrandt findet keinen klaren Ton.
Was sich auch optisch niederschlägt: So stören nicht nur ein paar KI-generierte Bilder (etwa die Flugszenen) den ästhetischen Gesamteindruck, sondern auch die ein oder andere undynamisch in Szene gesetzte Actionszene. Beides deutet auf Einsparungen hin – die man so allerdings nicht bestätigen will: Die Produktionskosten des Falls bewegten sich „im durchschnittlichen Rahmen einer ‚Tatort‘-Produktion“, heißt es von Seiten des WDR.
Sinnfreies Blutbad
Wie dem auch sei: Was die üble Zurichtung des zweiten Mordopfers angeht, wäre weniger mehr und nebenbei womöglich auch günstiger gewesen. Ärgerlich ist dieses dramaturgisch sinnfreie Blutbad, das man augenscheinlich allein des schnöden Effekts wegen anrichtete.
Immerhin: Die neue Staatsanwältin nach dem Abgang von Schauspiellegende Mechthild Großmann alias Wilhelmine Klemm legt einen vielversprechenden ersten Auftritt hin. Lou Strenger als Denglisch sprechende Paragrafenreiterin Nicole König bringt frischen Wind in dieses mittlerweile doch ein wenig in die Jahre gekommene Präsidium.
Bleibt zu hoffen, dass der Münsteraner Jubiläums-„Tatort“ zum 50. unter dem Arbeitstitel „Eine Frage der Zeit“, der voraussichtlich im kommenden Frühjahr ausgestrahlt wird, qualitativ hochwertiger und überzeugender daherkommt. (kna)
