„Alles ist Gold“, der neue Roman der Kölner Autorin Lisa Roy, ist ein Roadtrip mit Überraschungen.
Neuer Roman von Lisa RoyEine Bestandsaufnahme des Lebens

Lisa Roy
Copyright: Heike Steinweg
„Das ist kein Buch, das vom Plot lebt.“ Wenn eine Autorin so etwas über ihren gerade erschienenen Roman sagt, könnte das zunächst etwas verwunderlich klingen. Doch wenn man Lisa Roys neues Buch „Alles ist Gold“ gelesen hat, erklärt sich auch ihre Aussage. Vordergründig ist es ein Roadtrip, der so manche Überraschung bereithält. Doch getragen wird die Handlung von der inneren Heldenreise der Protagonistin Jana.
Kurz vor ihrem 30. Geburtstag muss diese sich eingestehen, dass in ihrem Leben gerade so gar nichts wirklich rund läuft. Zwar hat sie es nach sechs Jahren endlich geschafft, eine Beziehung zu beenden, in der sie nie wirklich glücklich war. Doch die Konsequenz ist, dass sie vorübergehend wieder bei ihren Eltern einziehen musste. Ihre berufliche Situation sieht auch nicht besser aus: Die Promotion dümpelt vor sich hin (ungeachtet der Tatsache, dass Jana mit Nachnamen Doktor heißt), so dass sie sich mit wechselnden Nebenjobs durchschlagen muss. Zu allem Überfluss ist sie kürzlich bei einem Klassentreffen ihrem früheren Schwarm nähergekommen, als sie eigentlich wollte. Ein einmaliger Ausrutscher, der allerdings nicht ohne Folgen blieb.
In dieser Situation macht Jana in einem Café eine Zufallsbekanntschaft: Miral hat auf den ersten Blick all die Eigenschaften, die ihr selbst fehlen. Als erfolgreiche Self-Made-Unternehmerin wuppt sie neben der Firma auch die Erziehung ihrer vierjährigen Tochter, von deren Vater sie sich getrennt hat, und kann sich eine repräsentative Bleibe im Kölner Rheinauhafen leisten. Obwohl die beiden Frauen zumindest vordergründig nichts verbindet, entsteht sofort eine Vertrautheit zwischen ihnen und sie brechen zu einem spontanen Trip nach Italien auf. Diese Reise birgt für Jana nicht nur reale Erfahrungen (wie den Verlust ihres ungeborenen Kindes), sondern auch eine Reihe spiritueller Erlebnisse (Spoiler: Mit Kirchen und Weihwasser wird in diesem Roman nicht gespart). Es wäre übertrieben zu sagen, dass sich Janas Probleme am Ende in Luft aufgelöst haben. Doch man legt das Buch mit dem befriedigenden Gefühl aus der Hand, dass sie sich zumindest auf einem guten Weg befindet.
„Alles ist Gold“ ist Lisa Roys zweiter Roman nach ihrem 2023 erschienenen Erstling „Keine gute Geschichte“. Da drängt sich förmlich die Frage nach der in Autorenkreisen kursierenden Binsenweisheit „Das zweite Buch ist immer am schwersten“ auf. „Da habe ich mir während des Schreibens gar keine Gedanken drüber gemacht“, gibt sie zu. Im Gegenteil: Die Gewissheit, dass sie den „Schreibmarathon“, den die Entstehung eines Romans immer bedeute, schon einmal bewältigt habe, habe ihr diesmal sehr beim Durchhalten geholfen. „Erst jetzt, wo das Buch auf dem Markt ist, verstehe ich, was der Spruch bedeutet.“ Als Debütautorin, so Roy mit einem Augenzwinkern, sei man auf dem Buchmarkt „Frischfleisch“ und werde entsprechend gefördert, etwa durch Lesungen oder das Ausloben diverser Debütantenpreise. All das sei ab dem zweiten Buch halt nicht mehr da.
Schreiben ohne den Debüt-Bonus
In Roys Fall gab es sogar noch einen zweiten Grund, warum das zweite Buch herausfordernder war als das erste: „Keine gute Geschichte“ entstand größtenteils noch vor der Geburt ihres Sohnes. Bei „Alles ist Gold“ teilte sie das Schicksal vieler berufstätiger Mütter, die auf Kinderbetreuung angewiesen sind: Man muss jederzeit damit rechnen, dass die Kita wegen Personalmangel geschlossen bleibt oder aber zumindest nicht alle Kinder betreuen kann. „Da musste ich mich häufiger selber bremsen“, erzählt Roy. „Ich bin von Natur aus ein gutmütiger Mensch und neige im ersten Augenblick immer dazu, zu sagen: Naja, dann bleibt er halt heute hier, ich arbeite ja ohnehin von zuhause aus. Dann muss ich mir wieder bewusst machen: Die anderen Eltern sind doch auch nicht alle Herzchirurgen, bei denen sofort alles zusammenbricht, wenn sie mal ein paar Stunden nicht am Arbeitsplatz sind.“
Insgesamt habe das Muttersein sie beim Schreiben aber diszipliniert, sagt sie. „Wenn mein Sohn in der Kita war, habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und geschrieben. Da konnte ich mich nicht erst stundenlang mit anderen Dingen beschäftigen, bis ich in der richtigen Schreibstimmung war.“
À propos gutmütig: So könnte man etwas beschönigend auch die unentschlossene Jana beschreiben. Sieht die Autorin da Parallelen zwischen ihrem realen und lyrischen Ich? „Ich glaube, wir sind schon sehr unterschiedlich.“, antwortet Roy. „Es ist richtig, dass Jana eine eher konfliktscheue Person ist. Dennoch nehme ich sie überhaupt nicht als ‚weich‘ wahr, sondern als jemanden, der sehr stark um sich selbst kreist. Außerdem bin ich viel glücklicher als Jana“, ergänzt sie lachend.
Unter Belletristikautoren gibt es sogenannte Kopf- und Bauchschreiber. Erstere planen einen Plot zuächst bis ins Detail und gehen dann an die Ausarbeitung. Zweitere beginnen mit einer groben Idee und lassen sich beim Schreiben selbst davon überraschen, welche Wendungen die Geschichte nimmt. Lisa Roy ist eindeutig eine Bauchschreiberin. „Das klingt irgendwie so ein bisschen pathetisch, aber ich habe das Gefühl, dass die Sachen eher zu mir kommen.“ In diesem Fall sei es Jana gewesen, die plötzlich als Figur vor ihrem geistigen Auge entstand, sowie die Idee einer spirituell-religiösen Sinnsuche. Was die Handlung betraf, hatte sie anfangs nur „so eine Idee, wie es enden soll“. Alles weitere entstand während des Schreibprozesses.
Als sie mit „Keine gute Geschichte“ begann, legte Roy die Protagonistin Arielle bewusst ein paar Jahre älter an als sie selbst damals war. Ein Grund war, dass sie sich von ihrem lyrischen Ich unterscheiden wollte. Da der Entstehungsprozess des Buches aber länger dauerte als gedacht, waren Autorin und Heldin bei Erscheinen beide Anfang Dreißig. Hat sie deshalb Jana von vorne herein ein paar Jahre jünger angelegt als sich selbst? Nein, sagt sie, das sei nicht der Grund. „Es ging mir vielmehr darum, dass viele Menschen kurz vor einem runden Geburtstag eine Bestandsaufnahme machen und ihr bisheriges Leben hinterfragen. Da erschien es mir passend, dass Jana zum Zeitpunkt der Handlung kurz vor ihrem 30. Geburtstag steht.“
Arielle und Jana haben wenig gemeinsam – bis auf eine Tatsache: Nach einem Bruch in ihrem Leben finden sie sich – wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen – in ihren alten Kinderzimmern wieder. War das Absicht? Nein, gesteht Roy. Das sei ihr tatsächlich auch erst im Nachhinein klar geworden. „Ich sehe es mit Sorge“, antwortet sie lachend, „und würde mich freuen, wenn im nächsten Buch auch mal ein bisschen gearbeitet würde.“ Das, fügt sie hinzu, sei jedoch eine ganz eigene Herausforderung. Wie erzählt man etwa vom Alltag einer Frau, die täglich acht Stunden in einer Agentur arbeitet, ohne dass es langweilig wird?
À propos nächstes Buch: Ist da schon etwas Spruchreifes in Arbeit? „Es gibt eine Idee und auch schon circa 30 Seiten eines ersten Entwurfs“, berichtet Roy. Doch es sei noch viel zu früh, darüber schon näheres zu erzählen. „Außerdem brauche ich jetzt erst mal den Sommer. Mit meinem Kind auf Spielplätzen herumhängen, Lesungen besuchen und Romane lesen. Während des Schreibprozesses lese ich fast nur Sachbücher.“ Davon, wie es dann später im Jahr mit dem neuen Buchprojekt weitergeht, lässt sie sich, wie gewohnt, wieder selbst überraschen. Auch was das Genre betrifft, ist sie nicht festgelegt. „Ich würde zum Beispiel auch gerne mal einen Krimi schreiben.“
Zur Person und zur Lesung in Köln
Geboren 1990 in Leipzig, wuchs Lisa Roy in Essen-Katernberg auf, wo auch ihr Romandebüt „Keine gute Geschichte“ spielt. Sie studierte in Dortmund und Köln Literaturwissenschaften und Theologie. Nach einigen Kurzgeschichten, die in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden, erschien 2023 ihr erster Roman „Keine gute Geschichte“. Dieser wurde mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln sowie mit dem „Förderpreis für Literatur der Gesellschaft zur Förderung der westfälischen Kulturarbeit“ ausgezeichnet und war nominiert für für den Debütpreis der lit.Cologne, den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals sowie für den Literaturpreis Ruhr. Roy ist Mutter eines Sohnes und lebt in Köln-Sülz, wo sie auch am 10. September im Buchladen Sülzburgstraße ihren Roman vorstellt. (dab)
Lisa Roy: Alles ist Gold, Roman, Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro

Lisa Roy: „Alles ist Gold“
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