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Neues AlbumWarum Olivia Rodrigo ihr Heil bei The Cure sucht

4 min
03.04.2025, Mexiko, Mexiko-Stadt: Die amerikanische Sängerin Olivia Rodrigo tritt während ihrer Welttournee "Guts" in Mexiko-Stadt auf.

Olivia Rodrigo hat ihr drittes Album „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ veröffentlicht.

Olivia Rodrigo erzählt auf ihrem dritten Album „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ mithilfe alter Bands von neuen Gen-Z-Gefühlen.

In der ersten Strophe des ersten Songs ihres neuen Albums „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ findet sich Olivia Rodrigo mit ihrem Angebeteten in einer Londoner Bar. Die Bar schließt um 23 Uhr, das Bier ist fast ausgetrunken, aber die Sängerin erlebt gerade einen jener „Verweile doch, du bist so schön“-Momente, die der Anfang einer Verliebtheit mit sich bringt.

Schon durchdringt Vergangenheit die süße Stille der Gegenwart: „Du kennst den gesamten Text von Just Like Heaven“, singt die 23-jährige Kalifornierin, „und ich weiß jetzt, warum er ihn geschrieben hat, da du hier vor mir stehst.“

Er, das ist Robert Smith, seit 50 Jahren Sänger und Songschreiber der britischen Band The Cure. Der hat in „Just Like Heaven“ noch einmal den ersten, hyperventilierenden Augenblick des ersten Kusses beschworen, am schwindelerregenden Abgrund des Kreidefelsens von Beachy Head, East Sussex. Smith ist bis heute mit der Frau verheiratet, die er küsste, als sie beide 14 waren.

Mit Billie Eilish ist Olivia Rodrigo der größte Star ihrer Generation

So, wie er es im Song beschreibt, fühlt sich nun also auch die 44 Jahre jüngere Rodrigo – zusammen mit Billie Eilish die erfolgreichste Sängerin ihrer Generation. Man weiß gar nicht, was daran bemerkenswerter ist: die Erkenntnis, dass selbst das unmittelbarste Gefühl noch der künstlerischen Vermittlung bedarf, weil es ohne seinen treffenden Ausdruck – der dem Gefühl ja zwingend vorangehen muss – gar nicht real wäre. Oder zumindest nicht anderen vermittelbar.

Oder die Tatsache, dass ein Popsong den Abgrund zwischen den Generationen überflügelt, als gäbe es diesen gar nicht mehr: die Geschichte, die ohne Atempause gemacht wird, und die Konflikte, die sich fast zwangsläufig aus den unterschiedlichen Erfahrungen der jeweiligen Alterskohorten ergeben.

„Just Like Heaven“ endet – ungewöhnlich für ein übersprudelndes Liebeslied, erwartbar für einen Cure-Song – mit einem Moment existenzieller Verlassenheit. Der Erzähler erwacht allein aus tiefem Schlaf und fürchtet, dass die raue See unter dem Kreidefelsen die Geliebte gestohlen hat. Als Olivia Rodrigo im vergangenen Sommer in Glastonbury Smith als Überraschungsgast auf die Bühne bat und mit ihm zusammen „Just Like Heaven“ sang, kannte sie selbst den gesamten Text, wusste um die Verlustängste am Ende des Stücks. Wusste, weil sie es als Songschreiberin bereits in jungen Jahren zur Meisterschaft gebracht hat, dass Liebeslieder ohne solche Ängste nicht besonders interessant sind.

Aber sie kann noch nicht wissen, dass sich ihre Ängste erfüllen werden, dass ihr geplantes Liebesalbum zum Dokument einer gescheiterten Beziehung werden wird. Kauft man sich die Vinylausgabe von „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“, findet man auf der A-Seite der Platte die Songs, in denen die Liebe als schwindelerregendes Gefühl beschrieben wird, als Schwärmerei, die sich bis zum Delirium steigert, zur Selbstaufgabe, und auf der B-Seite die Stücke, in denen sie sich als böser Schwindel erwiesen hat. Und ziemlich genau in der Mitte findet sich ein Song namens „The Cure“. In dem erkennt die Sängerin, dass die Liebe des Angehimmelten kein Allheilmittel für das Gift in ihrem Körper ist. Von simplem Folk-Geschrammel ausgehend baut er sich geduldig zu einem Finale von mitreißend-emotionaler Wucht auf, endet in einer wehmütigen Streicher-Coda – so verkatert, wie sich das anfühlt, wenn die Liebe nicht mehr alles auffüllt und man selbst als kläglicher Rest übrig bleibt. Es ist das Beste, was sie jemals geschrieben hat.

„Was stimmt nicht mit mir?“, fragt sie Robert Smith zwei Tracks weiter im Duett. Der antwortet nicht mit irgendwelchen hart erkämpften Weisheiten, er fällt stattdessen in ihre Klage mit ein: „Ich kann nicht essen, ich kann nicht schlafen/Ich glaube, was mit mir nicht stimmt, bist du.“

Das sagt alles darüber, welche Chance darin liegt, dass die Popmusik als Abfolge von immer Neuem, Schockierendem, längst auserzählt ist, dass sich also die verschiedenen Genres ausgehärtet haben und für nachfolgende Generationen als Lego-Baukasten bereitstehen, als ein Konsumprodukt unter vielen.

Olivia Rodrigos Baukasten hat sich über drei Alben hinweg stetig vergrößert. Von den Taylor-Swift-Bekenntnissen ihrer Teeniezeit und den Pop-Punk-Bands, die ihre Eltern als Jugendliche gehört hatten, zu The Cure und auch zu R.E.M. und Devo, zu den Bangles und den B-52s – und schließlich zu der Erkenntnis, dass Rodrigo und ihr Produzent Dan Nigro solche Referenzen weniger als Form, sondern eher als Inhaltsträger benutzen. Weshalb etwa die klaustrophobische Melodie von Garys Numans 1979er-Hit „Cars“ sehr effektiv die großen Erwartungen ans Dating-Game konterkariert, von denen Rodrigo im vorletzten Stück „Expectations“ singt.

Ihre Zielgruppe versteht das ohnehin. Ältere Semester wie Robert Smith erkennen das Zitat. Und die Traurigkeit, die von der Liebe bleibt, die kennt sowieso kein Alter.

„You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ ist bei Universal erschienen