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Interview

Bodo Kirchhoff und sein neuer Roman
„Jedes Schreiben ist Anmaßung“

3 min
Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff erholt sich von einem Unfall im letzten Jahr. 

Mit seinem aktuellen Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ kam Bodo Kirchhoff zur lit.Cologne. Vor seiner Lesung sprach der 77-Jährige Frankfurter über das anspruchsvolle Werk

Wie hat dieses Buch in Ihrem Kopf angefangen – war da eine Stimmung, eine Idee oder ein Bild?

Da war schon die Idee, von einer Frau zu erzählen und insbesondere von ihrem geistig–intellektuellen Werdegang.

Das ist Terese, die aus einem Schwarzwalddorf nach Frankfurt kommt, promoviert und als Psychotherapeutin für autistische Jugendliche arbeitet.

Ich wollte das weder in der Ich-Form schreiben noch als auktorialer Erzähler, also so, wie Flaubert über Madame Bovary geschrieben hat. Die bestmögliche Form hat mich interessiert. Wer könnte besser von dieser Frau erzählen als der Mann, der sein Leben mit ihr verbracht hat? Die nächste Frage: Warum wird das erzählt, was ist der Grund, der Druck?

In diesem Fall ist der Mann, Vigo, verlassen worden…

…und er imaginiert ihre Anwesenheit, indem er die letzten gemeinsamen Monate und im Grunde die Ehegeschichte aufzeichnet. Auf diese Konstruktion bin ich allerdings erst nach einem dreiviertel Jahr Arbeit gekommen, weil ich zunächst andere Ansätze probiert und verworfen habe.

Sie haben sich ja der korrigierenden Hilfe Ihrer Frau Ulrike Bauer versichert.

All das, was in diesem Buch intim weiblich ist, habe ich sie lesen lassen. Wobei immer klar ist: Ich bin es, der da schreibt, und diese Differenz bleibt auch. Wobei man sich ja auch als Mann einigermaßen in eine Frau einfühlen kann, denn als Schriftsteller versetzt man sich ja immer in fremde Personen hinein.

Im Vorwort der Buchhändler-Ausgabe schildern Sie die Mitwirkung Ihrer Frau als durchaus konfliktfreudig.

Ja, wir haben uns manchmal schon heftig gestritten.

Worüber genau?

Da ist einmal der Punkt der Anmaßung, die jedes Schreiben bedeutet. Und dann insbesondere die Liebesszenen oder Momente, in denen Terese ganz für sich ist – da ist immer ein Dissens gewesen, denn natürlich empfindet meine Frau anders als ich. Letztlich steht im Hintergrund das Bedauern, dass es im gegenseitigen Verständnis immer diese Lücke gibt.

Nun hätten Sie die Unschärfen in der Wahrnehmung weiblichen Empfindens ja auch Ihrem Erzähler Vigo anlasten können.

Das passiert auch manchmal, aber letztlich war mir wichtig, dass man zeitweise völlig vergisst, wer erzählt, dass die Geschichte wie ein Roman funktioniert.

Darin reist Terese zweimal nach Mumbai, verliebt sich dort in Rana Walter Panjabi. Erst nach der Mitte des Buchs kommt sie in London wieder mit Vigo zusammen, der ihr im Hotel Intimität aufzwingt.

Das war neben dem Eingeständnis ihrer Abtreibung schon eine sehr schwierige Szene. Ich wollte sie nämlich nicht aus einer Gutmenschenhaltung schildern, sondern relativ klar beschreiben, was da passiert ist.

Man spürt genau, was für eine Tortur dies für die Frau ist, die alles dennoch über sich ergehen lässt.

Ich wollte sie ja auch nicht zur Heldin machen und glaube außerdem, dass es so ungefähr oft abläuft.

Neben beiden Protagonisten gibt es eine weitere Hauptdarstellerin: die indische Metropole Mumbai.

Da komme ich gerade her und war schon häufig dort. Eine Stadt, die unglaublich ist – bigger than life, größer als man selbst und eine enorme Energiequelle. Man kann sich dort wahnsinnig billig bewegen, fährt zwei Stunden Taxi, sammelt eine Fülle von Eindrücken und zahlt dann umgerechnet fünf Euro.

All das beflügelt Terese, während einem der verlassene Vigo ein wenig leid tun kann.

Ja, er ist ein Geschlagener, aber er hat den Kopf über Wasser, weil er der Erzähler ist.

Letztlich erfüllt er damit ihre Bedingung für eine Versöhnung: „Von dir absehen. Einmal im Leben.“

Wenn er darin ganz radikal gewesen wäre, hätte er sich ins Schweigen zurückgezogen. Aber stimmt schon, er blickt als Erzähler nur selten auf sich.

Aber sie verlässt ihn doch.

Na gut, wenn sie das Buch irgendwann in Händen hält, kann man sich auch ein anderes Ende vorstellen.

Und man darf ja als Leser über den letzten Satz hinausdenken…

Ja, das soll man auch. Meine Frau sagt: Nein, die kommt nicht zurück, andere, meist Männer, sehen das anders. Ich glaube jedoch nicht, dass ich Teil zwei schreibe.

Was kommt stattdessen?

Ich arbeite seit einem Jahr an einer Novelle, habe schon 200 Seiten weggeschmissen, die mir nicht gefallen haben, aber jetzt weiß ich, worum es geht.

Hintergrund ist, dass mich vor einem Jahr ein Auto umgefahren und mir den Ellbogen zertrümmert hat. Lange Zeit im Krankenhaus, OP, viel Metall im Arm. Im Buch bin nicht ich es, der angefahren wird – aber ich habe aus der Sache viel gelernt.

Bodo Kirchhoff, Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt. Roman, dtv, 572 S., 28 Euro.