An diesem Sonntag wäre O. M. Ungers, der große Kölner Architekt, 100 Jahre alt geworden. Wie halten sich seine Visionen?
O. M. Ungers„Nichts ist quälender, als im eigenen Haus zu leben“

Oswald Mathias Ungers, Kölner Architekt, wurde am 12. Juli 1926 geboren
Copyright: Csaba Peter Rakoczy
„Ich habe lange Zeit gelitten in meinem ersten Haus“, schrieb O. M. Ungers in seinen „Aphorismen zum Häuserbauen“. Jedes Detail habe ihn jahrelang bedroht, verfolgt und nicht in Ruhe gelassen. Immer wieder zeichnete er sein Heim in Gedanken um und grübelte, was er hätte besser machen können. Sein Resümee: „Nichts ist quälender, als im eigenen Haus leben zu müssen.“
Möglicherweise haben einige Kritiker und Museumsdirektoren dieses Bekenntnis des Kölner Architekten mit einer stillen Genugtuung gelesen. Denn auch sie litten oder leiden unter dem strengen Formregiment, das Ungers weltberühmt machte, aber auch immer wieder zu Widerspruch anstachelte. Einen Pyramidenstumpf, „wie gemacht für rituelle Schlachtungen“, schalt die „Zeit“ die Fläche vor der Hamburger Kunsthalle, und Marcus Dekiert, Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, muss niemand um seinen als Büro verkleideten Fuchsbau beneiden. So raumgreifend Ungers die Ausstellungsräume seiner Museen dachte, so wenig Platz ließ er zuweilen für die Arbeitstrakte übrig.
Ungers prägte mit seinen Bauten die Herzen deutscher Städte
An der Ausnahmestellung des am 12. Juli vor einhundert Jahren geborenen Oswald Mathias Ungers hat das selbstredend nichts geändert. Mit seinen an der Schönheit des Quadrats ausgerichteten Bauten prägte er die Herzen großer deutscher Städte (das Wallraf in Köln, das Torhaus der Messe in Frankfurt) und erwarb sich als Professor in Berlin und New York einen internationalen Ruf als gelehrter Baumeister alter Schule. Ungers’ große Entwürfe waren Bibliotheksgeburten, seine 12.000 Bände umfassende Sammlung alter und neuer Fachliteratur ist legendär.
Dieser Sammlung opferte Ungers seinen Garten im ersten Haus, mit einem würfelförmigen Anbau. Er ist heute das Zentrum des von Sophia Ungers geleiteten Ungers-Archivs, dessen Besuch sich schon deswegen lohnt, weil man ihn mit einem Spaziergang zum Ungers’schen „Haus ohne Eigenschaften“ verbinden kann. Beide Wohnhäuser trennt in Müngersdorf kaum eine Gehminute, und diese kurze Zeit erlaubt es, die gesamte Entwicklung des 2007 verstorbenen Architekten abzuschreiten. Im ersten Haus habe er alles ausprobiert, was ihm einfiel, so Ungers, im späteren hingegen alles weggelassen, was zur Architektur gehört.

O.M. Ungers' Wohnhaus in der Kölner Belvederestraße ist heute Sitz des Ungers-Archivs
Copyright: Dieter Leistner
Wie bei allen gebauten Architekturmanifesten fragt man sich beim „Haus ohne Eigenschaften“, wie man darin leben soll. „Glatt, abgeschliffen, präzise“, nannte Ungers seinen Bau, er bestehe aus nichts als Haut und Form. Mittlerweile ist er ein Schrein für die Proust-Sammlung von Reiner Speck, während der frühe Ungers-Bau in der Belvederestraße immer noch voller Leben ist. Sophia Ungers führt das Wohnhaus ihres Vaters als Archiv weiter, ohne daraus eine Wallfahrtsstätte zu machen.
Gemeinsam mit Anja Sieber-Albers hütet Sophia Ungers den Geist des Vaters – und der lebt nicht nur in überquellenden Schränken und der einzigartigen Bibliothek weiter, sondern auch in der gebauten Visitenkarte des jungen Architekten. Mit dem eigenen Heim wollte Ungers 1958 den Beweis antreten, dass gute Architektur auf einem „Restgrundstück“ am Ende einer Allerweltsstraße entstehen kann, ohne dabei der Nachbarschaft den Krieg erklären zu müssen. Im Inneren spielte das Leben jedem Rigorismus ohnehin einen Streich: Oben wurde gewohnt und unten gearbeitet, dazwischen streunten Hund, Katze und drei Kinder; die Mieter der Einliegerwohnungen halfen, die Schulden des Bauherren abzutragen. „Alles unter einem Dach“, schrieb Ungers: „Museumsstücke, wertvolle Bücher, Kinderrasseln und Futternäpfe.“

O.M. Ungers' Bibliothekskubus in der Belvederestraße
Copyright: Stefan Müller
Aus diesem Mischwesen würde Sophia Ungers gerne ein „Hausmuseum“ machen, einen Ort, an dem man den Ungers’schen Geist auch noch versteht, wenn sie selbst das Archiv nicht mehr betreuen oder finanzieren kann. Versuche dazu hat sie bereits mehrere unternommen, aber bislang hat die Idee mangels geeigneter, nämlich gleichermaßen kulturaffiner wie finanzkräftiger Partner, noch keine tragfähige Form gefunden. „Dabei wäre jetzt der ideale Zeitpunkt“, sagt sie. „Das Haus ist saniert.“
Allzu viele ikonische Architektenhäuser gibt es in Köln nicht, und dieses ist bestens bestellt. Die Schatztruhe bildet darin selbstredend die Bibliothek, der Ungers eine quadratische Idealgestalt gab, um diese mit weißen Büsten und Architekturmodellen aufzulockern. Hier arbeitete Ungers an einem großen Tisch und ließ sich, erzählt Anja Sieber-Albers, vom gipsernen Kollegen Karl Friedrich Schinkel über die Schulter schauen. Der Architektenbüste, ergänzt sie, hing Ungers sein Bundesverdienstkreuz um, als Zeichen dafür, wem er am meisten zu verdanken hatte. Trotzdem erstaunlich pragmatisch für jemanden, der seine Stifte in Habachtstellung auf der Tischplatte hinterließ.
An seinem ersten Haus hat Ungers immer weitergebaut
Ungers konnte die Menschen mit seinem ungeheuren Wissen einschüchtern, ein strenger Lehrmeister und Arbeitgeber scheint er aber nicht gewesen zu sein. Im Wohn- und Arbeitshaus an der Belvederestraße ging es familiär zu, betont Sieber-Albers: „Jeder Geburtstag eines Mitarbeiters wurde gefeiert und bei jedem fertiggestellten Modell wurde ein Richtfest begangen.“ An diesem Prinzip hielt Ungers offenbar auch fest, als das Büro wuchs und sich auf mehrere Belegschaften in verschiedenen Städten verteilte. Beim Sommerfest kamen alle zusammen, so Sieber-Albers, spielten auf den Jahnwiesen ein Fußballturnier aus und krochen am Montag waidwund, aber offenbar glücklich ins Büro zurück.
An seinem ersten Haus hat Ungers immer weitergebaut und im Laufe der Jahre eine kleine Stadt daraus gemacht, „mit Plätzen, Höfen, Gassen und Kuben“, wie er schrieb. Verlaufen kann man sich darin trotzdem nicht, denn Ungers musste sich im eigenen Heim mit einem engen Grundriss bescheiden. Aber auch das gehörte zum Prinzip „Bauen wie gefunden“, mit einem vom Nachbarhaus weitergeführten Spitzdach und einer zeitbeständigen Mischung aus Klinker und Beton. Von außen ähnelt dieses moderne Baudenkmal einer zerklüfteten Familienburg, doch im Inneren ist alles licht, lebensklug und luftig.
In späteren Jahren pendelte Ungers zwischen seinen beiden Müngersdorfer Häusern, aber in Gedanken war er wohl im „Haus ohne Eigenschaften“ daheim. In diesem Hausmuseum verwirklichte er sein Ideal, soweit dies eben möglich ist, und natürlich fragt man sich, ob ihn auch diese gebaute Wirklichkeit quälte und verfolgte. Mit seinem unperfekten Erstling dürfte Ungers aber spätestens seinen Frieden gemacht haben, als er sich 1989 darin die Bibliothek als Refugium schuf. Ihn dauerhaft zu erhalten, ist mehr als eine Familienangelegenheit. Angesprochen fühlen sollte sich Köln, seine Heimatstadt, aber auch das Land, das ihm eine bis zu Ende gedachte Architektur verdankt.
