Mini-Budget, Riesenerfolg: Mit den Horrorfilmen „Obsession“ und „Backrooms“ gelingen zwei jungen US-Regisseuren die beiden größten Überraschungen des Kinojahres.
„Obsession“, „Backrooms“Diese Filme geben die Generation Z verloren – prompt strömt sie ins Kino

Inde Navarrette als Nikki in einer Szene des Films „Obsession“.
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In dieser Woche sind mit „Obsession“ und „Backrooms“ zwei Filme in den deutschen Kinos gestartet, die gegen etablierte Hollywoodregeln zu verstoßen scheinen, die der ewigen Wiederkehr des Immergleichen frische Ideen und neue Sensibilitäten entgegensetzen.
Beide Filme wurden mit einem Mini- beziehungsweise Mikrobudget gedreht, „Backrooms“ für 10 Millionen, „Obsession“ für nur 750.000 Dollar. Beide haben in den USA an den Kinokassen teure Franchise-Produktionen wie „The Mandalorian and Grogu“ oder „Masters of the Universe“ deklassiert und bis dato jeweils knapp 300 Millionen Dollar eingespielt und sind die erfolgreichsten Filme in der Geschichte ihrer Studios, A24 („Backrooms“) und Focus Features („Obsession“). Beide sind dem Horrorgenre zuzurechnen, obwohl dessen Konventionen – Jumpscares, maskierte Messermörder, Vampire, Zombies oder andere Monster – hier nur untergeordnete Rollen spielen. Und beide beruhen auf Ideen, die ihre jungen Regisseure zuerst auf Youtube entwickelt hatten, wo sie sich über einige Jahre hinweg treue Fangemeinden aufgebaut haben.
Kane Parsons hat mit 16 die erste Folge von „Backrooms“ gedreht
Kane Parsons hat dort Anfang 2022 im Alter von 16 Jahren die erste Folge seiner „Backrooms“-Serie hochgeladen, inzwischen wurde sie 86 Millionen Mal angesehen. Die 24 Youtube-Episoden wie auch der Kinofilm, den er mit 20 realisiert hat, spinnen die Internet-Grusellegende von sich endlos fortsetzenden, fahlgelben, fensterlosen Zimmern fort, in die Unglückliche aus unserer Realität „glitchen“, um sich prompt in dieser verlassenen Bürolandschaft zu verirren.
Curry Barker betreibt zusammen mit seinem Filmschulkameraden Cooper Tomlinson den ebenfalls sehr beliebten Youtube-Sketchkanal „that's a bad idea“, dessen grimmigen Humor man auch in „Obsession“ wiederfindet, einer Variation von W. W. Jacobs klassischer Kurzgeschichte „Die Affenpfote“, in der die Wünsche, die ein Talisman erfüllt, furchtbare Konsequenzen zeitigen.
Wenn der weinerliche Bear Bailey einen magischen Weidenzweig aus einem Kuriositätengeschäft zerbricht, und sich wünscht, dass Nikki – die Mitarbeiterin in einer Musikalienhandlung, für die er schon ewig schwärmt – ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt, weiß man also längst, dass das nicht gut ausgehen kann. Doch Barker nutzt die märchenhafte Story als Mikroskop, um in grotesker Vergrößerung zu zeigen, wie genau die Liebe für die Generation Z in Zeiten schwindender Zukunftsaussichten von allen Seiten vergiftet wird. Dazu gleich mehr. Zuvor folgen – Achtung! – ein paar kleinere Spoiler.
Der Romantiker Bear entpuppt sich als toxischer Missbrauchstäter, auch seine besorgten Freunde verfolgen lediglich eigene Interessen. Die verwunschene Angebetete, das mordende „Monster“ des Films (Inde Navarrette in einer Rolle, die sie zum Star machen wird), ist dagegen das eigentliche Opfer. Barker hatte im Vorfeld das millionenschwere Angebot abgelehnt, den verliebten Bear zum traditionellen Helden umzuschreiben.
Curry Barker glaubt, dass seine Generation den ewigen Slop satt hat
Menschen unter 30 stellen mittlerweile die Mehrheit des Kinopublikums, bleiben den großen Leinwänden aber in einem Maß fern, das die Studios um die Zukunft des Mediums an sich fürchten lässt. Auch deswegen schaut derzeit die gesamte Industrie gebannt auf den großen Erfolg der beiden kleinen Filme – und das Fachmagazin „Hollywood Reporter“ stellt dem Wunsch-Experten Curry Barker deshalb die alles entscheidende Frage: Was wünsche er sich, sollten die Filmstudios endlich über das Publikum seiner Generation verstehen? „Ich wünschte“, antwortet Barker, „sie würden verstehen, dass wir den ewigen Slop satthaben. Wir wollen wieder gute Filme sehen. Die Leute sehnen sich nach wie vor nach originellen Filmen ohne große Marken, solange nur die Geschichte gut ist.“
Slop: So schimpft die Post-Star-Wars-, Post-Marvel-Generation jene minderwertigen oder auch nur generischen Inhalte, die ihr nahezu ausschließlich in den Multiplexen vorgesetzt werden. Filme, in denen sattsam bekannte Plots an noch bekanntere Marken gehängt werden, um dann mit computeranimierten oder – noch schlimmer – mit KI-generierten Bildwelten vollgemüllt zu werden. Das ist der Grund, warum der Analogfanatiker Christopher Nolan, der ausschließlich auf echtem Filmmaterial dreht und seine Bauten und Tricks so weit wie möglich live am Set realisiert, gerade bei jungen Kinogängern so beliebt ist.

Regisseur Kane Parsons hat mit 20 Jahren seinen Debütfilm „Backrooms“ gedreht und fast 300 Millionen Dollar an der Kinokasse eingespielt.
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Auch Kane Parsons, der die Youtube-Versionen seiner Backrooms noch am Heimcomputer im Kinderzimmer gebastelt hatte, nutzte das Budget, das ihm A24 zur Verfügung stellte, dazu, die unheimlichen Räume als 2800 Quadratmeter großes, labyrinthisches Set zu bauen, in dem die Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve denn auch regelmäßig verloren gingen. Diese albtraumhaften Bauten sind es denn auch, die den Film weit über das Horrormittelmaß hinausheben. Erneut: Es folgen Spoiler.
Ejiofor spielt in der Filmversion einen gescheiterten Architekten, der ein schäbiges Möbelzentrum im Industriegebiet betreibt – der Film spielt Anfang der 1990er –, Reinsve die Psychologin, bei der er sich über das Leben ausheult, das ihm doch eigentlich zustünde – seine Frau hat ihn vor die Tür gesetzt, er schläft im eigenen Geschäft. In dessen Untergeschoss fällt er in die Backrooms, als würde er ins eigene Unterbewusstsein abtauchen. Nach einem Schreckmoment, gefallen ihm die Hinterzimmer gar nicht mal so schlecht. Endlich hat er ein Reich für sich, reichlich Raum, sich zu entfalten.
Es ist auch das Drama einer Generation, die sich keine eigenen vier Wände mehr leisten, ja kaum die Miete aufbringen kann. Die bittere Ironie liegt darin, dass diese unendlichen Wohnwelten weder dem prallen Leben noch einer überbordenden Fantasie Raum bieten. Die Backrooms bieten bloß eine verschwommene Schrumpfversion der Wirklichkeit, ein blasses Abbild, „als würde man jemandem, der noch nie einen Hund gesehen hat, einen Hund beschreiben und ihn dann bitten, einen zu zeichnen“, heißt es im Film.
So wie Curry Barker in „Obsession“ letztlich nur eine altbekannte Story variiert, sind auch die Backrooms kein ganz neues Phänomen, von der Faszination mit verlassenen „liminal spaces“, Übergangsräumen zwischen privater und öffentlicher Nutzung, zehrte etwa schon Stanley Kubricks „The Shining“ mit seinen Steadicam-Fahrten durch leere Hotelflure. Zudem verengt Kane Parsons seine Geschichte zum Ende hin zum ganz gewöhnlichen Gruselkino – selbstredend verbirgt sich auch im Inneren dieses Labyrinths eine Art von Minotaurus.
Interessanter ist, was dieses Monster verkörpert: nämlich die gescheiterten Träume (und die begrabenen Traumata) seiner Hauptfiguren. So klaustrophobisch wie die Lebenswelt der jungen Schulabgänger in „Obsession“ erscheint – der Sackgassen-Job im kundenlosen Musikgeschäft, das Dating-Game als ein Spiel mit hundert Fallstricken –, so perspektivlos wirkt der Alltag der „Backrooms“-Protagonisten: Auch ein Uni-Abschluss, sei es in Architektur oder in Psychologie, führt letztlich nur zum ziellosen Herumkrebsen in schäbigen Büros, deren Vorzimmer nicht besser aussehen als die Hinterzimmer. Die Welt als „lost place“ aus stiller Verzweiflung und kleinkarierten Obsessionen.
Hollywood wird nach dem Kassenerfolg dieser Gen-Z-Filme Youtube manisch nach neuen Talenten mit bereits vorhandenen Fangemeinden durchforsten. Dabei macht die Wahl der Plattform kaum einen Unterschied, der Grund für den Erfolg dürfte in beiden Fällen die Flüsterpropaganda des Zielpublikums sein: Hier werden wir nicht belogen, hier erzählen Regisseure in unserem Alter die ungeschönte Wahrheit über unser Leben.
