Das Kölner Künstlerduo Angie Hiesl und Roland Kaiser platziert sein neues Werk für den öffentlichen Raum zu Füßen des Deutzer Bahnhofs.
Performance am Deutzer BahnhofGrenzüberschreitungen unter Gittern

„No Go“, eine Performance von Angie Hiesl und Roland Kaiser am Deutzer Bahnhof
Copyright: Roland Kaiser
Vier Personen hinter Gittern. Sie haben diese übermannshohen Zaunteile herbeigetragen, sie in Reihe hingestellt und sich dahinter postiert. Die Hände, in Handschuhen, am Metall, die Gesichter Richtung Bahnhof, zum Publikum. Frontal! Wollen sie dahin, wo wir sind, und sind ausgesperrt? Oder eingesperrt und wollen raus? Oder versperren sie der Seite, wo wir sind, Zugänge?
Der Beginn der Performance „No Go“ als vieldeutiges Bild macht einen starken Eindruck, wie so ein Gitter an Haut. Das Kölner Künstlerduo Angie Hiesl und Roland Kaiser hat sein neues Werk für den öffentlichen Raum zu Füßen des Deutzer Bahnhofs platziert. Sein Titel widerspricht dem Zweck eines Bahnhofs (außer man vermutet Ironie über Bahnprobleme). Es geht um Absperren, Verbarrikadieren, Trennen, Innen, Außen, je nach Perspektive. Geografie und Regeln von Zugängen.
Eingekastelte Menschen
Dann wenden die vier Personen sich um, samt Zaun, schauen nun Richtung Straße: Autostau, Busse namens „Schienenersatzverkehr“, dahinter eine Baustelle. Der Rohbau hat solche Zäune um sich. Aber das Gittermuster findet sich auch verhundertfacht und in 3D in der Architektur des werdenden Bürogebäudes wieder. Kästen für Menschen. Ist das einladend?
„Haben Sie eine Arbeit?“, schnarrt es später durchs Megafon eines Performers. Das klingt nach Büro, aber im Sinne von Ausländerbehörde. „Haben Sie einen Ausweis?“ Kontrolle. Vorher hieß es dutzendfach „Machen Sie bitte Ihren Koffer auf“ und „Stellt Euch in einer Reihe auf, dann sage ich, wer darf“ und „Soll ich mein Fremdsein wegrasieren?“. Die Befehle und Fragen wiederholen sich, überlagern sich, übertragen sich auf den Nachbarn, werden Stimmengewirr, dann Unisono-Chor. Oder die Megafone werden auf Loop geschaltet, hingelegt und blöken als Maschinen, bis die Sätze ihre Bedeutung verlieren. Sie werden Rhythmus, werden Gebrüll, das an Nerven zerrt. Es bedrängt.
Soll es, darf es. Aber mit „Sein ist Widerstand“ und mehrmals wechselnden Satz-Besetzungen, einer Geschichte und Wortspielen dräut „No Go“ in eine zu kunstgewollte Sphäre. Das passt nicht. Der Autor Lothar Kittstein erstellte den Text gemeinsam mit den Performern, und baute deren Erfahrungen mit Ausgrenzungen ein: Cilai Herrmann, Mojtaba Izadizad, Bibiana Jiménez, Matthias Weiland.

Zuschauerinnen bei der Performance
Copyright: Roland Kaiser
Sie tragen unterschiedliche Alter, Herkünfte, und Deutsch-Akzente mit sich. In den eineinhalb Stunden der Performance arrangieren sie sich mehrmals um. Langsam. Sie stellen den Zaun auf die Treppen, von wo das Publikum vorhin noch zu ihnen herabschaute. Sie fallen oder fließen in Zeitlupe die Stufen herab, vereinzelt, von den Gittern bedeckt. Die Hände ragen hinauf, als ertränkten sie. Oder sie stützen im Stehen ihre Zaunteile, ohne Hände, es werden Balanceakte. Lösen sie den Kontakt, fällt das Ding. Sie ducken sich unter den Fall, und plötzlich sieht es aus, als würden sie erschlagen. Immer wieder. Oder zu Boden gedrückt, wörtlich: erniedrigt. Das spricht von Gewalt im Großen und im Kleinen.
Der Bahnhof grüßt mit „Tach“ per Plakat. Der Platz davor, der Ottoplatz, ist eigentlich ein guter Platz, mit seiner hellen Freifläche, steinernen Erhebungen in Sitzhöhe und aufseiten des Bahnhofs den breiten Treppen. Die bieten Aussicht wie auf eine Theaterbühne: aufs Kommen und Gehen und Vorbeieilen oder -schlurfen und Jungs, die auf Minirollern Sprünge üben, einer filmt. Manchmal purzelt einer hin. „No Go“ nimmt sich mit dem Brüll-Sound viel Raum, bietet wartenden Taxifahrern Abwechslung, Passanten eine Kunstpause, Radlerinnen Anlass für ein abfälliges „so’n Scheiß“, Bettlern keine Spenden, einer jungen blauhaarigen Frau Anlass für einen Lachanfall: Sie meinte, im Muster der in Winkeln zusammengestellten Zaunteile ein Hakenkreuz zu erkennen. Stimmt so halb.
Hiesls und Kaisers installative Performances im öffentlichen Raum handelten immer schon mit Grenzen, über Grenzen. Waren an Grenzen postiert. Begann Hiesl in den 1980er Jahren als Tänzerin und Performerin doch im besetzten Stollwerck und an dessen Außenwänden. Sie schritt in den Rhein. Sie setzte Zwillinge in Szene. Von Gestorbenen zurückgelassene Möbelstücke, verwoben mit erfundenen Geschichten. Alte Menschen – auf Stühlen, die an Häuserwände montiert waren, den Blicken fast enthoben. Transfrauen und ihre wahren Geschichten, auf Gärtnerei-Erde. Haare, die von Köpfen kamen. Viel Wasser an Stellen, wo es bislang nicht hingehörte. Oder Gabeln. Oder Klamotten. Im Kern aber: immer Menschen.
Die Kunstszene salbadert inflationär, wie die Selbstoptimierer, vom „Grenzenüberschreiten“. Deshalb muss sich eine kluge Performance in Acht nehmen mit dem Begriff. „No Go“ nimmt sich die Barriere als solche vor, politisch, sozial, auch psychisch: „Du bist mir zu nah! Geh weg!“ Den Künstlern wünscht man: Go on!
Die nächsten Termine auf dem Ottoplatz: vom 6. bis 8. August jeweils um 18 Uhr
