Der 78-jährige Philosoph war bei der phil.Cologne zu Gast, um unter anderem über den neuen Zynismus der Mächtigen zu sprechen.
Peter SloterdijkVon den neuen Mächtigen, die auch Atombomben für Werkzeuge halten

Peter Sloterdijk (r.) war bei der phil.Cologne zu Gast.
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Über 40 Jahre ist es her, seit Peter Sloterdijk seine fast 1000 Seiten fassende „Kritik der zynischen Vernunft“ veröffentlichte. „Der moderne Zyniker ist ein integrierter Asozialer, der es an unterschwelliger Illusionslosigkeit mit jedem Hippie aufnimmt“, zitierte der Schweizer Publizist René Scheu am frühen Montagabend eingangs zur phil.Cologne-Veranstaltung mit Sloterdijk aus dessen großem Werk. Der Philosoph legte Ende März seinen neuen Essay „Der Fürst und seine Erben: Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“ vor. Scheu fragte sich im WDR-Funkhaus, ob sich mit diesem Buch nun ein Kreis schließe, von der Kritik der zynischen Vernunft zum Zynismus der Macht.
Ausgangspunkt für Sloterdijks Gedanken über die Autokraten der Gegenwart ist Niccolò Machiavellis Buch „Der Fürst“. Ein Fürst, der sich behaupten wolle, stellte der italienische Philosoph fest, müsse lernen, nicht gut zu sein. Zu diesem Zeitpunkt, bemerkte Sloterdijk, habe aber schon über 2000 Jahre ein Wettbewerb über die Erziehung des Menschen stattgefunden. Dabei gebe es einen Widerspruch zwischen individueller Unabhängigkeit und dem Bürgerlichwerden, auf den bereits der antike griechische Philosoph Diogenes von Sinope („Geh mir aus der Sonne!“) hingewiesen habe. Für dieses Problem komme auch Machiavelli zu spät. Er setze „fertige Machtmenschen“ voraus und ein Volk, „über das er nichts Gutes zu sagen hat.“
Der Schatz an Traumata geht verloren
Feige, gierig, aggressiv und heimtückisch seien Prädikate, die der italienische Philosoph für den Pöbel übrig habe. „Wer politische Theorie betreiben will, muss nach Machiavelli eigentlich auch mit einem anthropologischen Pessimismus beginnen.“ Zugleich, betonte Sloterdijk, sei Machiavelli der Ansicht gewesen, dass der Wunsch des Volkes, nicht unterdrückt zu werden, vornehmer sei, als der Wille der Herrschenden zur Macht. Aristoteles habe bereits darauf hingewiesen, dass ein Gemeinwesen dann gedeihen könne, wenn es genügend Menschen gebe, „die vornehm genug sind, um sich selbst in Mitvornehmen spiegeln zu wollen“. Sobald es zur Gemeinheit des Herrschenwollens und zur Gemeinheit der vorauseilenden Unterwerfung komme, sei alles verloren.
Dass heutzutage der Zynismus bei den Herrschenden, wie etwa Donald Trump, derart frivol zutage tritt, hat laut Sloterdijk damit zu tun, dass es keine Charaktere sind, die aus ihrer Kindheit, Jugend oder ihren frühen Erwachsenenjahren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in sich tragen. „Es gab eine Generation von Menschen, die wussten instinktiv und auch aus lebensgeschichtlichen Grundlagen, was das größte Übel ist.“ Der gegenwärtige machtvolle Zyniker habe letztlich kein Bewusstsein mehr dafür, was er verlieren könne. „Sie nehmen nicht mehr teil an diesem, paradox formuliert, Schatz an Traumata, den die Generationen der nach 1945 erwachten Intelligenzen noch mitgebracht haben. Da kommen jetzt sozusagen junge Spieler heraus, die auch Atombomben für Werkzeuge halten.“
Der Schriftsteller Hermann Broch habe in seinem Buch „Massenwahntheorie“ den Gedanken entwickelt: „Solange wir Siegesjubel empfinden, zum Beispiel nach kriegerischen Ereignissen, sind wir noch nicht vollkommen humanisiert. Denn wirklich angemessen wäre Siegestrauer“. Die Urszene dafür, meinte Sloterdijk, finde sich bei Homer am Ende der „Ilias“. Der trojanische König Priamos bittet den griechischen Helden Achill weinend um die Herausgabe der Leiche seines im Zweikampf gefallenen Sohnes Hektor, woraufhin auch Achill in Tränen ausbricht und die Bitte erfüllt. Der Sieger wisse, dass ihm das, was er dem anderen angetan hat, in Kürze selbst widerfahren werde. „Das ist die Urszene der europäischen Humanität, an die man eigentlich nicht genug erinnern kann.“
