- Wolfram Eilenberger liefert mit seinem jüngsten Werk lebenssatte Prosa, die zu überzeugen weiß.
- Am Donnerstag hat der Autor sein Werk „Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)“ vorgestellt.
- Hartmut Wilmes verrät, warum es sich unbedingt lohnt das Buch zu lesen.
Köln – Paris ist besetzt, Kaffee und Tabak sind Mangelware, und doch glüht Simone de Beauvoir vor Schaffenslust. Die offene Beziehung mit Jean-Paul Sartre hat eine weitere Krise überstanden: „Sie waren jeder für sich glücklich, aber gemeinsam trotzdem nicht langweilig.“ Und die Schriftstellerin skizziert auf ihrem Eckplatz im Café Flore einen Essay, der in den Abgrund zwischen der eigenen Endlichkeit und der Unendlichkeit der Welt schauen soll.
Unterdessen bietet sich Simone Weil, schon im Studium als „Rote Simone“ tituliert, in London den Streitkräften des Freien Frankreich als Fallschirmspringerin oder Frontkrankenschwester an, doch die ausgemergelte Brillenträgerin wird abgelehnt. Also denkt und schreibt sie wie besessen, bis zum Zusammenbruch.
Lebenssatte Prosa
Schon in diesen ersten Kapiteln des am Donnerstag auf der phil.cologne vorgestellten Buchs „Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)“ brilliert Wolfram Eilenberger mit lebenssatter statt gedankenblasser Prosa. Und er holt zwei weitere Denkerinnen ins Boot: Ayn Rand, als Alissa Rosenbaum aus St. Petersburg nach New York gekommen, und Hannah Arendt, ebenfalls Jüdin, die sich aus Berlin über Paris und Marseille in die US-Metropole gerettet hat.
Rand fiebert, nein bangt eher dem Erscheinen ihres großen Romans „Fountainhead“ entgegen, dessen Held Howard Roark ihre eigene Überzeugung eines triumphalen Individualismus mit aller Konsequenz lebt. Zugleich sorgt sie sich um ihre in Russland zurückgebliebene Familie.Hannah Arendt, eigentlich eine Frohnatur, spürt den Holocaust als Riss in der Welt und in ihrer Seele. Und doch stellt sie sich der Notwendigkeit, gerade jetzt „ganz und gar gegenwärtig zu sein“. Eilenberger ergänzt: „Oder mit anderen Worten: zu philosophieren.“ Das Feuer der Freiheit wird durch das Abenteuer des radikalen Denkens entfacht.
Fokus auf gleich vier Figuren
Nach der Vorstellung seiner Heldinnen blendet der Autor zurück ins Jahr 1933, um sich dann wieder zum Ausgangspunkt und ein wenig darüber hinaus vorzuarbeiten. Dramaturgisch wirkt der Fokus auf gleich vier Figuren riskant, doch die Leuchtkraft der Porträts und der Vergleich der Lebenspraxis und der Gedankengebäude hält das Interesse spielend wach.
Da gibt es einerseits große Unterschiede zwischen der von Nietzsches Übermenschenlehre befeuerten Ayn Rand und der altruistischen Simone Weil, die sich aus Empathie sogar als Fabrikarbeiterin versucht. Andererseits ähnelt ihre Philosophie der von Simone de Beauvoir, die sich stets mit dem Verhältnis des Ichs zu den Anderen befasst.
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Zuerst fragt sie sich, ob die anderen womöglich (nach Descartes) nur unter Hüten und Kleidern getarnte Automaten seien, findet schließlich aber zu einer „metaphysischen Solidarität“. Und Arendt? Ihr Vorschlag einer jüdischen Welt-Armee fällt bei den Zionisten durch, ihre scharfen Kolumnen stoßen auf wenig Gegenliebe. Eilenberger: „Denken, das diesen Namen verdient, es macht auch sozial einsam.“
Die großen Themen der Krisenjahre – Totalitarismus, Entmenschlichung oder die Frage, an was überhaupt noch zu glauben sei – schillern im Spiegel jedes Bewusstseins anders. Simone Weil erlebt eine religiöse Erleuchtung, während sich Hannah Arendt fortwährend fragt, was Menschrechte eigentlich sein mögen.
Der schon für sein voriges Werk „Zeit der Zauberer“ gerühmte Philosoph zeigt auch hier das rare Talent, komplexe Theorien verständlich zu verknappen und versunkene Lebenswelten lupenscharf zu vergegenwärtigen… Das Bohème-Dasein der beamteten Lehrer(!) Sartre und de Beauvoir, die sich eine eigene „Familie“ von Sexualpartnern zulegen, wird ebenso plastisch beschworen wie Simone Weils einsiedlerischer Idealismus und der Weltenbrand im Hintergrund.
So ist Wolfram Eilenberger ein Denk-, Lese-, Geschichts- und Geschichtenbuch gelungen, das große Lust auf Philosophie weckt. Zumal der Autor im letzten Satz über Simone Weil sagt: „Ihr Werk gilt entdeckt zu werden.“
Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933 – 1943). Klett-Cotta, 396 S., 25 Euro.


