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Philosoph Julian Nida-Rümelin„Wir fallen zurück in Nationalismen“

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Philosoph Julian Nida-Rümelin

  • Philosoph Julian Nida-Rümelin glaubt, dass bei einer anhaltenden globalen Depression Demokratien leiden.
  • Nida-Rümelin hat ein neues Buch veröffentlicht: „Die gefährdete Rationalität der Demokratie“. Lothar Schröder sprach mit ihm.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Die gefährdete Rationalität der Demokratie“, dass die Verbindung von Liberalismus und Nationalismus von der Globalisierung abgelöst wurde. Durch die Corona-Krise scheinen wir wieder in der anderen Richtung unterwegs zu sein.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Vernetzung der Welt kein Selbstläufer ist. Wir hatten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ein extrem hohes Maß an Globalisierung in der Wirtschaft. Mit der Kriegszeit kam die erste Welle der Re-Nationalisierung, durch Weltwirtschaftskrise 1929 und den Nationalsozialismus dann die zweite. Daraus wurden nach Kriegsende Lehren gezogen aus einer zu weit gehenden Globalisierung: Man ist den Weg einer staatlich gesteuerte Wirtschaftsentwicklung angegangen – unter anderem mit festen Wechselkursen.

Mit dem Ausbau der Sozialsysteme kam es zu einer gewissen Zähmung der marktwirtschaftlichen Dynamik, immerhin ein sehr erfolgreiches Modell bis in die 1970er Jahre hinein. Der Deckel wurde erst wieder abgenommen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Systemkonflikts. Erst darauf folgte der massive Schub der Globalisierung, der bis vor Kurzem anhielt und jetzt durch die Corona-Krise erst einmal wieder gestoppt ist.

Und wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Ich bin ein Befürworter einer eng verflochtenen Weltwirtschaft. Aber zugleich bin ich ein entschiedener Gegner einer unkontrollierten Dynamik, die keine politische Gestaltung mehr ermöglicht. Das haben wir in der Finanzkrise 2008 bis 2010 und den nachfolgenden Staatschulden-Krisen erlebt. Wir brauchen eine politisch gesteuerte, globale Verflechtung. Vielleicht lernen wir ja jetzt in der Krise, wie dringend erforderlich das ist.

Sind wir denn Ihrer Wahrnehmung nach wenigstens auf dem Weg dorthin?

Mit Prognosen ist das immer so eine Sache. Es wird davon abhängen, wie tief diese Krise sein wird. Käme es zu einer anhaltenden globalen Depression, dann fürchte ich, wäre ein Rückfall in den nationalistische Politiken weltweit kaum noch zu verhindern.

Wird die Krise möglicherweise zu einem Digitalisierungsschub führen und uns in eine Welt befördern, die sich zunächst notgedrungen etabliert und nachhaltig unser Leben verändern wird? Etwa in Schulen und Universitäten mit dem Ausbau und Einsatz von E-Learning?

Ja, das ist eine mögliche Entwicklung. Das muss man erst einmal positiv sehen, wenn sich, wie bei uns in Bayern, beispielsweise Museen und Archive digital öffnen. Eine der positiven Entwicklungen der Digitalisierung ist, dass die Zugänglichkeit erleichtert und dadurch die Neugier geweckt wird. Und wenn die Neugierde einmal da ist, möchte man auch wieder andere Sinneseindrücke sammeln können. Aber es wird Kernbestandteile der menschlichen Existenz geben, die sich nicht ändern werden: Dazu gehört der unmittelbare Austausch. Ich glaube also, dass auch widerständige Teile der Gesellschaft jetzt einen Schnellkurs in Digitalisierung durchmachen und sich mit Möglichkeiten der Technik nutzbringend vertraut machen, wie zum Beispiel Lehrkräfte.

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Wenn dadurch aber am Ende die Lehrpersonen aus dem Zentrum des schulischen Geschehens herausgenommen werden und verschwinden und sie nur noch zu einem technischen Begleiter von digitalen Lernmaterialien degradiert werden, dann wäre das eine Fehlentwicklung.

Sie haben mir vor einem Jahr gesagt, dass Deutschland durchaus das Zeug hätte, zu einem Big Player der Digitalisierung zu werden. Würden Sie das weiterhin behaupten?

Absolut. Wenn man sich die Top-Institutionen der Digitalisierung anschaut, dann liegt Europa noch vor den USA und weit vor China – man schaue sich die deutschen Potenziale von Software-Ingenieuren und die der mittelständischen, technisch orientierten Wirtschaft an. Wir liegen allerdings zurück bei der digitalen Transformation. Was die großen Player auf diesem Gebiet treiben, ist vor allem die Vermarktung von Daten. Das kann aber nicht das letzte Wort bleiben.

Länder die im Digitalisierungsprozess ganz vorne liegen, weisen zugleich ein auffällig geringes Produktivitätswachstum auf. Die Ökonomie der Plattformen, der Verschiebung von Wertschöpfung, ohne produktive Beiträge ist nicht die Zukunft, auch wenn die Unternehmen eine gute Aktienwertentwicklung haben. Die digitalen Potenziale müssen in die produktiven Prozesse integriert werden. Deutschland als hochtechnisiertes Land hat gute Perspektiven, aber nicht, um das gleiche zu machen wie Silicon Valley oder China – wir müssen uns auf die produktiven Kerne konzentrieren und Alternativen zum Silicon-Valley-Modell bringen.

Sie sprechen auch von der Notwendigkeit eines digitalen Humanismus. Ist es gerade jetzt geboten, dass wir wieder die Autoren unseren Lebens werden und nicht nur die Leser eines uns vorgesetzten Lebens sind?

Das ist die zentrale Botschaft des Humanismus. Sein Grundgedanke ist die Idee der menschlichen Autorschaft mit Gestaltungsfreiheiten. Wir sind keine Software-Systeme, wir sind Akteure, und das macht uns auch verantwortlich. Die individuelle Autonomie macht unsere menschliche Würde aus. Und diese kann an Software-Systeme nicht delegiert werden.

Julian Nida-Rümelin: Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Körber, 302 S., 22 Euro.

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