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„Poetica“ in KölnInteressante Lesung und kontroverse Debatte

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Bewegender Vortrag von Pia Tafdrup, im Hintergrund: Adam Zagajewski und Jürgen Becker. (Foto: Meisenberg)

Köln – „Ich staune immer wieder: Wenn ein Buch vergriffen ist, Klaus Bittner hat es noch in seinem Keller. Er hamstert – das ist für die Lyrik die Zukunft.“ Jürgen Becker weiß um den Stellenwert seiner Zunft auf dem Büchermarkt und so war ihm bei seiner Lesung – zusammen mit der Dänin Pia Tafdrup und dem Polen Adam Zagajewski – in der Stadtbibliothek am Neumarkt dieses Dankeschön an den Kölner Buchhändler wichtig.

„Dichtung und Wirklichkeit“ lautete das Thema des Abends, den Michael Krüger und Heinrich Detering humorvoll und klug moderierten. Becker legte einen Schwerpunkt auf Gedichte aus dem – vergriffenen! – Band „Dorfrand mit Tankstelle“. Da heißt es in „Zeitzeugen“: „ein paar Möbel im Regen und nachts die Züge hinter den Wäldern“.

Wenn Becker im Gespräch mit Krüger sagt: „Innerhalb eines Satzes kann ich eine ganze Epoche abbilden“, ist dieses Zitat eindeutiger Beleg dafür. Ein wenig von sich weist der 82-Jährige die Bezeichnung „Chronist“: „Ich habe mir diese Zeit nicht als Thema ausgesucht, sie ist zu mir gekommen. Ich merkte, sie braucht eine Stimme“, sagt in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg.

Die Dänin Pia Tafdrup hat mit ihrem Zyklus „Tarkovkys Pferde“ die Demenz des Vaters verarbeitet. Kurz nach seinem Tod zog sie nach Berlin. „Eigentlich wollte ich dort etwas anderes schreiben, aber ich dachte nur an ihn und an das, was mit ihm geschehen war.“ So entstanden Zeilen wie „ein Heim, ein Abgrund, eine Verschwörung“, die mit wenigen Worten das Gefühl des Vaters beschreiben, der nicht verstehen kann, warum er nicht mehr zu Hause wohnt – und warum seine Ehefrau nicht bei ihm übernachten kann.

Wenn Gedichte skandalös werden

Zufall oder nicht? Auch der Pole Adam Zagajewski hat sich mit einem Gedicht von seinem Vater verabschiedet. In „Die grüne Windjacke“ erzählt er, wie er ihn in diesem maßgeschneiderten Kleidungsstück durch Paris flanieren sieht. Später denkt er, dass diese Jacke Unglück gebracht habe, um zu erkennen, dass das Unglück in all seinen Kleidungsstücken eingenäht war. Zagajewski ist auch am nächsten Tag mit von der Partie, wenn es im Alten Senatssaal um „Poesie und Politik“ geht. Und zwar anhand eines Skandalgedichts, das Exilrusse Joseph Brodsky (1940-1996) in Amerika „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ schrieb.

Wie konnte der Nobelpreisträger und Kreml-Kritiker 1991 die Ukrainer als Hinterwäldlervolk von „Kürbismelonen“ verspotten? Zwar blieb der Text unpubliziert, reüssiert jedoch in heutigen Kriegszeiten an russischen Stammtischen. Für Köln ausgesucht hat ihn der russische Philosoph Michail Ryklin, der Putins Autokratie mit dem Tod seiner Frau bezahlte: Die Künstlerin Anna Altschuk nahm sich nach einem nie verkrafteten Schauprozess das Leben, ein Drama, das der Witwer im Buch „Über Anna“ festhielt. In Brodskys Gedicht sieht er die Jekyll/Hyde-Verwandlung vom elitären Einzelgänger zum „Sprachrohr einer tödlich beleidigten imperialen Autorität“.

Zagajewski liest den anrüchigen Text eher „als Rollengedicht, in dem sich Brodsky als russischer Ganove inszenierte“. Spiel statt Beleidigung? Michael Krüger hört hier Brodskys „Bauchstimme“ heraus und bedauert, dass der Dichter jetzt für diesen bewusst unveröffentlichten Missgriff „als russischer Superpatriot in Anspruch genommen wird“.

Hintersinnig meint Lars Gustafsson, der Fall lehre zweierlei: „Wir haben keine Kontrolle über die Zukunft unserer Texte. Und jeder Mensch enthält seine eigene Negation.“ Marcel Beyer indessen springt zornig dem toten Kollegen bei und findet „diese ganze Tribunalsituation fürchterlich. Denn jeder darf jeden Scheiß schreiben, den er will“.

Auch dies bleibt nicht ohne Widerspruch, wobei sich der souveräne Moderator Günter Blamberger über solche Kontroversen freut. „Wir wollen ja mit der ,Poetica’ kein Literaturtrubel oder eine Messe sein, sondern ein Debattenforum.“

Und gestern erinnerte man sich tatsächlich jener Zeiten, da ein Gedicht noch Manifeste und Gegenmanifeste auslöste.