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Premiere im Kölner Schauspiel„Fräulein Else“ glänzt durch Spielfreude im Depot

4 min
Julia Riedler als Fräulein Else

Julia Riedler als Fräulein Else 

Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" feiert mit Darstellerin Julia Riedler eine gelungene Premiere

Hat es schon angefangen? Viele Besucher im Depot des Kölner Schauspiels blicken sich um, warum beginnt die Vorstellung nicht? Julia Riedler sitzt im Publikum, sie soll doch Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ spielen, stattdessen unterhält sie sich mit den Besuchern, stellt Fragen zu Schönheit, Medikamenten und Geld, durchaus grenzüberschreitend. Dafür entschuldigt sie sich, aber eher lässig, nicht wirklich betroffen. Eine Inszenierung aus dem Publikum heraus zu beginnen, ist nicht neu, wie oft hat man das im Fernsehen beobachtet, aber hier gehört dieses Stilmittel unbedingt dazu.

Faden reißt nie ab

In den folgenden 90 Minuten wird Julia Riedler den Faden zum Publikum nie abreißen lassen. Im Gegenteil, sie wird das Stück mit dem Publikum verhandeln. Dabei zählt Schnitzlers Text doch zu den ikonischen Beispielen des Inneren Monologs. Vor 100 Jahren veröffentlichte er die Novelle über das Schicksal der jungen Else, die sich in einem scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen ihrer Loyalität als Tochter und ihrem Emanzipationsdrang als Frau eingemauert fühlt. Dem Vater droht Gefängnis, wenn nicht in zwei Tagen seine Schulden von 30.000 Gulden beglichen sind. Die Eltern bitten sie, Herrn Dorsday, einen vermögenden Kunsthändler, anzupumpen.

Der würde die Summe tatsächlich überweisen, wenn sich Else ihm eine Viertelstunde nackt zeigt. Das Sujet zur Zeit, Frauenkörper werden an ältere Männer verkauft. Steckt unsere Gegenwart doch gerade knietief in den Skandalen um die Epstein-Akten und den Fall Pélicot. Trotzdem gibt es Unterschiede. Schnitzlers Else ist tief verletzt vom Ansinnen ihrer Eltern. Zudem spielt die Scham eine große Rolle im bürgerlichen Wien jener Jahre, wenn Schnitzler sie auch subtil hinterfragt. Julia Riedler, die für diese Produktion des Volkstheater Wien eben dort den Nestroy Preis erhielt und nach der Vorstellung in Köln noch auf der Bühne als Beste Schauspielerin von der Zeitschrift Theater heute ausgezeichnet wurde, ist kein verletztes Rehlein.

Offensives Selbstbewusstsein

Anderthalb Stunden spricht sie ohne Unterlass mit einem offensiven Wiener Selbstbewusstsein, das keine Dünnhäutigkeit kennt. Die Situation stets im Griff, agiert sie als souveräne Entertainerin vor dem Theatervorhang, der sich erst im Schlussbild öffnet (Bühnen und Kostüm: Belle Santos). Einziges Requisit ist ein großer Kronleuchter, ein Symbol mondäner Bürgerlichkeit, auf dem sie fröhlich herumturnt. Diese Person scheint nicht verletzbar, daher stellt sich die Frage, ob es hier überhaupt noch einen Konflikt geben kann? Regisseurin Leonie Böhm und Julia Riedler, die Schnitzlers Novelle mit viel Freiheit bearbeitet haben, benutzen den Text als eine Art fruchtbares Exposé.

Sie interessieren sich weniger für Psychologie als für die Verbindung von Macht, Geld und Sex. „Ich bin schön, wenn ich nackt bin“, sagt Else unumwunden, und was ist heute schon dabei, ein paar Minuten nackt zu sein? Sex ist aber nicht das Thema, sondern Macht. Dass Dorsday sie wie ein Vögelchen in der Hand halten kann, stellt für ihn den Kick der Situation dar. „Wie kann ich ihm den Spaß verderben?“ überlegt Else. Die Zwickmühle, entweder den Vater seinem Schicksal zu überlassen oder ihre Würde als Frau zu verlieren, kann es nicht sein. Auch Schnitzler hat das gesehen, seine Else nimmt Rache an Dorsday, indem sie sich vor der ganzen Abendgesellschaft entblößt. Nur bezahlt sie dafür mit ihrem Leben. Der berühmte Satz von Gisèle Pélicot, „die Scham muss die Seiten wechseln“, bildet – ohne dass er erwähnt würde – den Kern der Inszenierung.

Leichthin entledigt sich Julia Riedler ihres Mantels, unter dem sie nichts als eine grüne Unterhose trägt und tanzt und feixt so im letzten Teil der Inszenierung über die Bühne. Dabei holt sie sich das Publikum ins Boot, versichert sich der Solidarität der Anwesenden, die ihr lauthals bestätigen, dass sie sie zum Haus von Herrn Dorsday nach Rodenkirchen begleiten würden. So lässt sich der Bann der Scham knacken. Böhm und Riedler fügen der Geschichte noch einen spaßigen wenn auch verzichtbaren Appendix zu, in dem der alte Herr Dorsday reumütig politisch korrekte Besserung gelobt. Ein Scherz, weil wir alle wissen, dass es die nicht geben wird. Mit einer Bewegung erhoben sich alle zum begeisterten Schlussapplaus, denn hier konnte es nur noch eine Meinung geben.

90 Minuten,wieder: 29. 3., 6. 4. jeweils 18 Uhr, 28. 4. 19.30 Uhr.