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Autobiografische LesungAndrea Sawatzki gewährt Einblick in ihre Kindheitstraumata

4 min
Andrea Sawatzki bei der Lesung in der Volksbühne am Rudolfplatz

Andrea Sawatzki bei der Lesung in der Volksbühne am Rudolfplatz

Andrea Sawatzki liest aus ihrem Buch „Biarritz“ vor und gewährt intime Einblicke in ihre traumatische Kindheit.

Sie macht weit auf. Ganz weit auf. Lässt ihre Zuhörerinnen und Zuhörerinnen ganz tief in ihr Inneres blicken. Wenn Andrea Sawatzki (62) im ausverkauften Volkstheater am Rudolfplatz ihr Buch „Biarritz“ vorstellt, sagt sie solche Sätze wie „Ich hasste sie dafür, dass ich sie trotzdem unendlich liebe.“ Sie, das ist ihre Mutter, die vor fünf Jahren gestorben ist, zuvor drei Jahre in einem Pflegeheim verbrachte und davor drei Jahre in einem Seniorenheim.

Die ihrer Tochter, als die ein Kind war, versprochen hatte „Ich werde auf dich aufpassen, dass dir niemand etwas tut“. Und die sie trotzdem allein ließ, mit der Pflege des an Demenz erkrankten Vaters, der die Tochter zum Schluss angriff und körperlich bedrohte. Der im Flur alles voll pinkelte, worauf die Mutter nur fragte: „Du hast hoffentlich gleich aufgewischt?“ Weil das sonst in den Teppich zieht. Wie verpackt man so was? Wie verzeiht man das?

Beide Eltern werden dement

Und all das andere? Wie die Verweigerung, sich dazu zu äußern, als die Tochter, inzwischen erwachsen, mit ihr darüber reden will. Aber das Schlimmste niemals ausgesprochen hat. Wie sie als Zwölfjährige vor „dem Giftschrank“ hockte, der all die vielen Medikamente, Beruhigungsmittel und Psychopharmaka des Vaters enthielt, und sich überlegte, wie viel von was sie zusammenmischen müsse, um ihn zu töten.

Und die später, als auch die Mutter der Krankheit anheim fällt, die das Leben unbarmherzig, Stück für Stück, wegbröckeln lässt, mit ihr nicht mehr darüber reden kann. Und beginnt, sie dafür zu hassen.

Antworten darauf wird Sawatzki im Laufe von 90 Minuten geben. Vor einem Publikum, das, aufgrund des Durchschnittsalters durchaus denkbar, zum Teil bereits eigene Erfahrungen vorweisen kann, was Elternpflege betrifft. Das ihr konzentriert lauscht und dabei so manchen Kloß im Hals wegdrücken muss. Dass es ganz großartig findet, wie sie liest: mal die zärtliche, mal die harsche, mal die wütende Mutter. Mal die verzweifelte, mal die geliebte, mal die wütende Tochter – und immens dankbar dafür ist, wenn es dazwischen Momente gibt, in denen man von Herzen lachen darf.

Etwa, wenn Sawatzki davon erzählt, dass Pudel Püppi in Kindertagen dankbarer Abnehmer für kolossal überdimensionierte Grießbrei-Portionen war, wie sie ihre erste „putenfleischfarbene“ Sehhilfe bekam („Lieber blind durchs Leben als mit dieser Brille“) oder schlagfertig auf das Klingeln eines nicht lautlos gestellten Handys im Saal reagiert: „Beim Dreh ist das ja eigentlich eine Kiste Champagner, aber hier sind ja viel mehr – ich weiß nicht, ob da ein Lieferwagen reicht.“

Das lockert auf, aber es lenkt nicht ab, von ihrem eigentlichen Vorhaben. „Ich hatte das Bedürfnis, meine Mutter in Schutz zu nehmen, zu relativieren – und eine Art Liebeserklärung zu schreiben.“

Die Fortsetzung ihres autofiktionalen Romans „Brunnenstraße“, in dem sie 2022 erstmals über ihre Kindheit und die Demenzerkrankung ihres Vaters schrieb, sei ihr sehr, sehr schwer gefallen: „Nach Jahren und elf Versuchen ist mir das beim zwölften Versuch endlich gelungen, und ich bin sehr froh, dass ich das endlich geschafft habe.“

Wobei bei „Biarritz“ ein bisschen mehr Distanz vonnöten war: „Ich hab’ das zwar auch autofiktional genant, aber mir war das zu eng. Zu nah dran an meinem Leben, ich hab’ mir gedacht, vielleicht eher so drum herum, obwohl das eigentlich nicht geht.“

Der Kompromiss: Die Ich-Erzählerin, die in „Brunnenstraße“ ihren wirklichen Vornamen trug, heißt in „Biarritz“ anders: „Noch mal Andrea hätte ich nicht überlebt. Nun heiße ich halt Hanna – und bin Andrea.“ Dass Sawatzki, das, was ihr als Kind widerfuhr, traumatisiert hat. war ihr lange Zeit nicht klar: „Ich bin mit 16 von Zuhause ausgezogen, habe von Gelegenheitsjobs gelebt und hatte keinen Schulabschluss. Ich habe mich immer gewundert, warum es so dunkel um mich herum war und dass ich nur etwas empfunden habe, wenn ich viel getrunken hatte.“

Das, was sie „das Kästchen in mir, das ich gut verschlossen hatte“ nennt, öffnete sich zum ersten Mal ein Stück weit, als sie ihren späteren Ehemann Christian Berkel kennenlernte, dem sie von ihrer Kindheit erzählte. Später machte sie sechs Jahre lang Psychoanalyse: „Ich glaube, man muss den Mut haben, dieses Kästchen zu öffnen, sonst bleibt man im Dunkeln.“

Andrea Sawatzki: Biarritz. Piper, 160 S., 22 Euro.