Mit der glänzenden Ausstellung „Return“ verabschiedet sich die scheidende Direktorin vom Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum.
Rautenstrauch-Joest-MuseumIn Nanette Snoeps letzter Ausstellung geht die Sonne auf

Federico Cuatlacuatls Video-Installation „Xochipitzahuatl-Nova“ ist im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen.
Copyright: Federico Cuatlacuatl/ David Morales
„Es ist ein besonderer Tag für mich“, sagt Nanette Snoep, denn mit der Ausstellung „Return“ verabschiedet sie sich als Direktorin des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums. Die Stadt lässt Snoeps Vertrag zum Ende dieses Jahres auslaufen, nicht wegen ihrer umstrittenen, von der Stadtspitze aber stets getragenen und geförderten Haltung zur Dekolonisierung der ethnologischen Museen, sondern wegen der anscheinend unüberbrückbaren Gräben in der von Snoep geleiteten Belegschaft. Ihr Abschied, sagt Snoep, sei auch ein Rückblick auf 30 Arbeitsjahre in der Ethnologie und natürlich auf ihre Kölner Zeit, in der sie selbst davon überrascht und auch überfordert wurde, dass manche in ihr vor allem eine Restitutionspolitikerin sehen wollten.
Aber „Return“ bedeutet für Snoep nicht, geraubte Objekte an die Herkunftsländer zurückzugeben und „ein weiteres Häkchen in einer Excel-Tabelle zu setzen“. Mit dem Ausstellungstitel möchte sie ein „fragiles Gefühl des Dazwischenseins“ beschwören, das sich einstellt, wenn Heimatlose nach ihren Wurzeln, familiären Erinnerungen und abgeschnittenen Traditionen suchen. Statt von Restitution spricht Snoep von „Rematriation“, also dem Versuch, indigener (und einst kolonisierter) Völker, die heiligen Beziehungen zu ihrem Mutterland und der Kultur ihrer Vorfahren wiederherzustellen. Um dann selbst einzuschränken, dass eine solche Rückkehr eine Illusion sei, weil es kein Zurück zu eindeutigen kulturellen Identitäten gebe. Rematriation sei daher für sie eher Trauer- und Erinnerungsarbeit, die oft gegen die „Gewalt der ethnologischen Archive“ geschehen müsse. Während in Museen alles etikettiert und auf eine Bedeutung festgelegt werde, stehe die Kultur niemals still. Sie wolle die eingesperrten Objekte aus ihren Vitrinen befreien, so Snoep, diese hätten ein „Recht auf Unerklärbarkeit“.
Snoep will die Museen von ihrer falsch verstandenen Wissenschaft befreien
Allerdings ist Nanette Snoep nicht mit dem Hammer durchs Haus gelaufen, um sich selbst beim Wort zu nehmen. Sie versteht „Return“ als „kleine Alternative“ zur alltäglichen Museumsarbeit, als symbolische, auf 81 Tage beschränkte Befreiung der westlichen Ethnologie aus einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit – mit den Mitteln der Kunst. Snoep legt also das Erfolgskonzept ihrer hochgelobten „Resist“-Ausstellung noch einmal auf, und wie damals verzichtet sie darauf, ihr Programm in Form von künstlerischen Traktaten zu inszenieren. Stattdessen geht gleich am Eingang die Sonne auf.
Man könnte sich kein besseres Zeichen dafür denken, dass Snoep die Besucher nicht umerziehen, sondern mit sinnlichen Erfahrungen anregen, verwirren, „aktivieren“ und vielleicht auch zu einer anderen Ethnologie bekehren will: Jacqueline Hens riesige Sonnenscheibe besteht aus einem orangefarbenen Lichtring, der hunderte spiegelnde Kacheln umfasst und auf den Werktitel „One's Sunset is Another One's Sunrise“ hört. Wir alle leben unter derselben Sonne, lautet die schlichte, für Snoeps Ausstellung jedoch zentrale Botschaft, und möglicherweise bedeutet sie für jeden etwas anderes. Insbesondere für die Weltwahrnehmung auf der Nord- und Südhalbkugel.

Aufnahme aus Kader Attias Serie „Rochers Carrés“ (2008)
Copyright: Courtesy of the Artist
Die Mehrzahl der 22 geladenen Künstler stammt aus dem globalen Süden oder hat dort familiäre Wurzeln – angefangen bei Kader Attia, der im Rautenstrauch-Joest-Museum mit einigen Aufnahmen seiner Serie „Quadratischer Felsen“ zu sehen ist. Auf diesen mächtigen Grenzsteinen blicken junge Algerier nach Europa hinüber – doch für den Verzweifelten liegt hinter jeder Grenze nur eine weitere. Von Kara Walker ist eine farbige Collage über Lynchmorde und die Verschleppung von Sklaven in die USA zu sehen und von Ayana V. Jackson mehrere fotografische Porträts aus ihrer Serie „From the Deep“, in der sie afrikanische Sklavinnen, die auf hoher See über Bord geworfen wurden und auf dem Meeresgrund eine neue Gesellschaft gegründet haben, in der Haltung und im üppigen Ornat mythischer Königinnen zeigt.
Die Rematriation kann also viele Formen annehmen, auch solche, die miteinander unvereinbar scheinen, wie Walkers Trauerarbeit und Jacksons atlantische Utopie. Auf solche Widersprüche scheint es Snoep gerade angelegt zu haben; auch der Gegensatz zwischen fluider Identität und der Last der Erinnerung zieht sich durch die Ausstellung. Auf einer Aufnahme von Tracey Moffatt steht der Schatten der traumatisierten Großmutter wie eine Drohung an der Wand, und auch vor einem langen, wie gemalt wirkenden Video von Saodat Ismailova fragt man sich, ob die weitergegebenen Erfahrungen und die alten, wiederentdeckten Rituale die Nachgeborenen nicht eher fesseln als befreien.
„Return“ soll mehr als eine Ausstellung sein
„Return“ soll mehr als eine Ausstellung sein. Snoep und ihr Ko-Kurator Marius Förster haben eine Werkstatt eingerichtet, eine Kantine in den Parcours integriert und eine Fläche für Performances aufgebaut. Hier werden die lokalen Communitys der Stadt und der Region mit Wurzeln im globalen Süden eingebunden; aus der internationalen Künstlerriege stammt hingegen nur Theresa Weber aus der Region. Ihr blauer Regen aus Stoffballen und Halsketten zieht über die Farbe Indigo eine Verbindung zur Sklaverei und soll zugleich die dynamischen Wurzelnetzwerke diasporischen Lebens symbolisieren.
Wie eine Mischung aus Autofiktion und magischem Realismus erscheint die Arbeit des mexikanisch-amerikanischen Künstlers Federico Cuatlacuatl. Er überhöht seine eigene Geschichte als Grenzgänger in einem Video, das Männer in indigenen Fantasiekostümen aus Stroh, Glitzer, Tierpräparaten und Plastikmüll zeigt. Die mitgelieferten Filmrequisiten gingen auch als Travestien auf das Klischee vom Medizinmann durch, sind aber mehr als eine exotische Modenschau: nämlich eine mit Lust vorgeführte Flickwerk-Identität.
An einem Punkt ihrer oftmals glänzenden Abschiedsschau macht es sich Nanette Snoep etwas zu leicht. Sie zeigt eine Installation von Karoline Schneider, die sorbische Wurzeln hat und in ihrer Arbeit danach fragt, was eine Rückkehr zur Tradition ihrer Großeltern für eine queer lebende Frau wie sie für Folgen hätte. Keine angenehmen vermutlich, denn im Sorbischen gibt es laut Schneider nicht einmal ein Wort für „lesbisch“. Mitunter bedeutet die Abnabelung von der eigenen Herkunft eben einen entscheidenden Gewinn an Freiheit. Eine Einsicht, die am Beispiel des fundamentalistischen Islam oder der staatlichen Verfolgung Homosexueller in einer Vielzahl afrikanischer Länder deutlich größere Relevanz gehabt hätte.
„Return“, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstr. 29–33, Köln, Mi.–So. 11–18 Uhr, Do. 11–20 Uhr, bis 6. Dezember 2026
