Köln – Kontaktbeschränkungen, Berufsausübungsverbote, Ausgangssperren – Corona hat in Windeseile dazu geführt, dass der Staat seinen Bürgern ihm eigentlich immer zustehende Grundrechte zumindest eingeschränkt hat. Stets mit dem Vorwand, dies zum Wohle der Gesellschaft zu tun. In seinem Buch „Von der Pflicht“ beschäftigt sich Richard David Precht mit den Fragen, welche Pflichten der Staat gegenüber seinen Bürgern hat, und was die Pflichten des Einzelnen im Hinblick auf die Gesellschaft sein sollten.
Individuelle Freiheit über allem
Darüber sprach der 56-jährige Philosoph bei der phil.cologne mit der Journalistin Stephanie Rohde in der Stadthalle Mülheim. „Warum“, wollte Rohde anfangs wissen, „sehen Sie sich in der Pflicht, einen so angestaubten Begriff wie den der Pflicht zu entstauben?“ Ihm, so Precht, sei schon vor Corona aufgefallen, wie Menschen vermehrt ihre individuelle Freiheit hochhalten, das Pflichtgefühl aber immer mehr abnehme.
Er sehe darin eine libertäre Entwicklung, die bei den Bürgern eine Kundenmentalität erzeuge. „Die Menschen sind es nicht mehr gewohnt, in die Pflicht genommen zu werden.“ Woran auch eine mutlose Politik Schuld habe. Hinsichtlich der Klimakrise seien die Parolen aller Parteien „größtmögliche Lügen“, die suggerierten, wir könnten so weiterleben wie bisher.
Corona macht konkreter Angst als der Klimawandel
Im Gegensatz dazu hätte Corona jedoch vielen Menschen konkret Angst gemacht, so dass sie in der Mehrheit die Maßnahmen angenommen hätten. In gewissen Maßnahmen sehe er zwar auch Grenzübertretungen bei den Pflichten des Staates. Jedoch weniger, weil dieser böse sei, sondern weil sich Normalitätsmaßstäbe verschöben.
Pflichtlektüre
Richard David Precht, Von der Pflicht. Eine Betrachtung. Goldmann, 176 S., 18 Euro. Die These: Seit dem 19. Jahrhundert verpflichtet sich der Staat mehr und mehr dazu, das Glück seiner Bürger zu mehren. (EB)
Auf Corona bezogen sei es zunächst darum gegangen, die Vulnerablen zu schützen, während später verstärkt das Virus in Gänze besiegt werden sollte. Hierbei könne es dazu kommen, dass die Vor- und Fürsorge des Staates zur Bevormundung kippe. Bei den Impfungen etwa werde ein indirekter Zwang ausgeübt, der zu weit gehe.
Die Gefahr, dass diese Art der Politik auch zukünftig automatisch angewandt werden könnte, sehe er dennoch nicht. Beim Klimawandel etwa „sind keine Einschränkungen von Grundrechten nötig“. Ohnehin seien gewisse Verbote „eine Errungenschaft“, erklärt der Philosoph. Die Bekämpfung des Ozonlochs oder die Einführung des Rauchverbots währen ohne Zwang von oben nicht möglich gewesen, so Precht.
Nicht ein moralisches Gesetz in einem, wie Kant es formulierte, sondern die Erziehung, das Umfeld und das Selbstbild seien für das eigene Pflichtbewusstsein gegenüber der Gesellschaft maßgeblich.
Precht sprach folgend auch über seine geforderten zwei sozialen Jahre – eins nach der Schule, eins im Rentenalter. Dabei gehe es ihm jedoch nicht darum, die Menschen zu rekrutieren, sondern, mit Blick auf die früher übliche Wehrpflicht, die Geschichte umzudrehen.
