Am 4. August tritt Rick Astley im Kölner Tanzbrunnen auf. Im Gespräch erzählt er, wie er die Freude am Singen wiedergefunden hat.
Rick Astley im Gespräch„Ich bin 60, ich singe vor Tausenden, das ist ein Geschenk“

Rick Astley auf seinem letzten Köln-Konzert, 2024 im Palladium.
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Rick Astley, lassen Sie uns nicht mit Ihrem unvermeidbaren Hit „Never Gonna Give You Up“ beginnen, sondern mit Ihrem ähnlich betitelten Song „Never Gonna Stop“. In dem haben Sie bereits 2023 vor den Folgen von KI gewarnt.
Rick Astley: Ja, da war ich sicher nicht der erste, aber ich war definitiv früh dran. Ich habe das Lied im kleinen Studio hinter meinem Haus geschrieben. Wenn ich es jetzt drei Jahre später auf einer Bühne singe, denke ich: Oh, das passiert gerade wirklich. Der Song hat mich definitiv selbst zum Nachdenken gebracht: Wohin geht die Reise? In den letzten 18 Monaten hat KI auch in der Musik noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Man kann jetzt online gehen und in Sekunden einen Track erstellen. Ich singe: „Wir sollten uns besser darauf vorbereiten, in die Knie zu gehen.“ So beängstigend fühlt es sich tatsächlich an. Wir sagen ja schon immer vorsorglich „Danke“ zu den KI-Modellen.
Gibt es Konsequenzen, die Sie persönlich als Musiker betreffen?
Natürlich. Allerdings hatte ich mit der Verbindung von Technologie und Musik großes Glück, weil „Never Gonna Give You Up“ dem Internet eine neue Welle an Interesse und Akzeptanz verdankt. So viele großartige Songs sind in Vergessenheit geraten – aber mein Hit wurde den Leuten regelrecht aufgedrängt, ob sie nun wollten oder nicht.
Sie spielen auf das Rickrolling-Meme aus den Nullerjahren an, den Internetscherz, bei dem ahnungslose User zu Ihrem alten „Never Gonna Give You Up“-Video umgeleitet werden.
Gestern war ich in London mit einem Freund Kaffee trinken. Ein achtjähriger Junge kam auf mich zu und wollte ein gemeinsames Foto haben. Woher kennt der mich? Das ist wohl die Macht dessen, was in den letzten 20 Jahren mit dem Internet passiert ist.
Sehe ich mich in alten Interviews, denke ich: Das bin nicht wirklich ich.
Sie klagen, dass die Künstliche Intelligenz Antworten liefert, ohne jemals etwas hinterfragen zu müssen. Die Bedeutung des Lebens, singen Sie, steht in unseren Narben geschrieben. In welchen Narben, stehen Ihr Leben und Ihre Karriere geschrieben?
Als ich in den späten 80ern einige Hits hatte, war ich noch sehr jung. Es ist ein Privileg, Hits zu haben, reisen zu können. Aber dafür musste ich ein Stück weit meine eigene Persönlichkeit begraben. Gerade der erste Song, „Never Gonna Give You Up“, wurde so riesig, dass er der ganzen Welt ein Modell von mir gegeben hat: Als würde ich die ganze Zeit nur in Videos in einem Regenmantel herumtanzen. Diese Hair-Rock-Bands aus den 80ern haben ja auch nicht so gelebt, wie in ihren Videos. Die lesen wahrscheinlich auch manchmal ein Buch und essen ein Käsesandwich. Aber ich hatte dem Druck damals zu sehr nachgegeben, mir gesagt: Okay, dann bin ich eben diese Persona. Sehe ich mich in alten Interviews, denke ich: Das bin nicht wirklich ich.
Sie haben eine Rolle verkörpert.
Ja, ein wenig. Die Musik war viel größer als ich, viel größer als meine Persönlichkeit. Robbie Williams hat eine Persönlichkeit so groß wie ein Flugzeughangar, die hat einfach alle mitgerissen. Offensichtlich hat er auch einen Preis dafür bezahlt. Ich habe genau das Gegenteil gemacht – habe mich in mein Schneckenhaus verzogen und war einfach dieser nette Typ auf der Talk-Show-Couch. Mit zwei etwas älteren Freunden spiele ich seit 20 Jahren punkige Rocksongs. Ich sitze am Schlagzeug und singe, dazu Bass und Gitarre, das war's. Wir machen das für wohltätige Zwecke, in kleinen Clubs, aber auch in etwas größeren Hallen. Eines Abends ist mir etwas aufgefallen: Ich fluche das Publikum an, weil wir die Sex Pistols oder die Clash spielen. Ich mutiere zu diesem Teenager am Schlagzeug, der einfach in einem Pub Leute anschreien will.
Weil Sie diesen Teil Ihrer Entwicklung zumindest öffentlich übersprungen haben.
Weshalb ich unbedingt etwas von diesem anderen Ich auf die Bühne bringen wollte. Und das mache ich inzwischen, erlaube mir, auch selbst wieder Spaß zu haben. Sehen Sie, am Anfang der 80er gab es eine kreative Explosion – Drumcomputer und Synthesizer kamen auf, das hat die Musik verändert. Dann kam das Musikvideo, das hat die Visuals und auch die Musik verändert: Gegen Ende der 80er wurde sie allzu sicher. Und ich bin wohl einer derjenigen, die dazu beigetragen haben.

Die Tolle sitzt: Rick Astley heute
Copyright: Peter Neill
Ich fürchte, das hätte mein jüngeres Ich Ihnen anno 1987 auch vorgeworfen.
Klar, das verstehe ich. Aber lassen Sie mich „Never Gonna Give You Up“ verteidigen. Hören Sie sich „You Spin Me Round“ von Dead or Alive an oder einen Song von Mel & Kim und daraufhin „Never Gonna Give You Up“ – da haben Sie zwar jedes Mal diesen Drumcomputer-Synthesizer-Sound, aber es sind trotzdem ziemlich unterschiedliche Songs. Leider haben wir dann „Together Forever“ gemacht, weil wir versucht haben, noch einmal eine Nummer eins in Amerika zu haben. Da wurde es sehr vorhersehbar.
Als Gegenreaktion auf den allzu vorhersehbaren Pop folgten Indie-Rock und Grunge.
Ja, wenn es zu sicher wird, muss es jemand wieder gefährlich und aufregend machen. Bis man wieder genug hat von Drei- oder Vier-Mann-Bands mit Gitarren, und sich sagt: Wir brauchen jemanden, der toll aussieht – und mehr Keyboards.
Spulen wir ein paar Jahrzehnte vor: Auf dem Glastonbury-Festival haben sie vor drei Jahren vor einer begeisterten Menge The-Smiths-Songs gecovert. Quasi als nicht toxische Alternative zum rechts frei drehenden Morrissey. Hätten Sie das meinem 18-jährigen Ich prophezeit, hätte ich Sie für verrückt erklärt.
Ich weiß. Aber ich habe die Smiths immer geliebt, mein älterer Bruder hat mich auf sie gebracht. Und ich habe jahrelang davon geträumt, diese Songs eines Tages mal eine Nacht lang in einem Pub zu spielen. Als ich im Podcast der Blossoms [die Indie-Band aus Stockton hatte vier Nummer-eins-Alben im Vereinigten Königreich; Red.] zu Gast war, habe ich ihnen von meinem Traum erzählt. Kurz darauf haben sie mich kontaktiert und gesagt: Wir werden deine Band sein. Wir haben geprobt, ohne es jemandem zu erzählen – und haben es geliebt. Statt in einem kleinen Pub spielten wir in größeren Hallen in Manchester und London. Woraufhin das Angebot von Glastonbury kam. Ich werde dieses Wochenende nie vergessen, solange ich lebe. Das war einer der besten Tage meines Lebens. Ich bin zuerst nachmittags auf der Hauptbühne, der Pyramid Stage, aufgetreten. Das war schon unglaublich. Und dann sind wir in ein Zelt gegangen und haben unser Smiths-Set gespielt. Es war unbeschreiblich – ein Meer von Menschen, die jeden einzelnen Song mitgesungen haben.
Das Singen hat mir vielleicht nicht das Leben gerettet, aber es hat mich an Orte gebracht, an denen ich leben konnte.
Die Band wird sich, schon wegen der politischen Differenzen, nicht reformieren. Sie haben da eine große Sehnsucht befriedigt.
Ich halte es für traurig, wenn es einen Katalog von Songs gibt – ich hasse das Wort, aber mir fällt kein besseres ein – und niemand sie spielt. Vor ein paar Monaten habe ich [The-Smiths-Gitarrist und -Songschreiber; Red.] Johnny Marr im Konzert gesehen, er spielt jetzt selbst viel mehr seiner alten Smiths-Songs. Und er singt sie wirklich gut, auch wenn das niemand so kann wie Morrissey. Ich habe noch einen anderen Traum: Es gibt so viele 80er-Songs, deren Künstler verstorben sind oder nicht mehr auftreten, oder deren Bands sich aufgelöst haben. Ich würde gerne mal ein Konzert machen, bei dem ich all diese fantastischen Songs singe.
Als ich Sie vor zwei Jahren in Köln gesehen habe, hat mich Ihr Song „Keep Singing“ sehr beeindruckt. Sie singen darin über Ihre schwierige Kindheit und über die Freude am Singen, das quasi zu Ihrer Religion wurde.
Das Singen hat mir vielleicht nicht das Leben gerettet, aber es hat mich an Orte gebracht, an denen ich leben konnte. Das war schon als Kind so: Ich konnte noch etwas länger in der Schule bleiben und im Schultheater singen. Oder in der Kirche – nicht unbedingt aus religiösen Gründen, aber es war toll, im Kirchenchor zu sein. Ich habe auch später, bei meinen eigenen Songs, immer wieder mit Gospelchören zusammengearbeitet, das ist jedes Mal eine hochemotionale Erfahrung. Singen transportiert mich an einen Ort, an dem ich mich ein bisschen besser fühle – mehr im Reinen mit mir selbst und mit meinem Leben. Wenn ich heute auf der Bühne stehe – das ist keine falsche Bescheidenheit, das ist einfach Realität –, denke ich: Ich bin 60 Jahre alt, ich singe vor Tausenden, vielleicht Zehntausenden von Menschen. Und die sind damit einverstanden, die freuen sich. Ein fantastisches Geschenk.
Als Sie sich mit 27 Jahren zurückgezogen haben – hatten Sie da die Freude am Singen verloren?
Ich hatte das, was ich tat, einfach satt und ich hatte auch mich selbst satt. Wenn man Tag für Tag Promotion macht, wird man ständig mit sich selbst konfrontiert. Ständig hält dir jemand ein Albumcover mit deinem Bild vor die Nase. Heute ist das eine schöne Erfahrung. Damals wollte ich mich nicht 50-mal am Tag sehen. Ich wollte mir auch nicht im Fernsehen auf einem riesigen Monitor dabei zuschauen, wie ich die Lippen zu einem Song bewege, den ich noch nicht einmal selbst geschrieben hatte. Außerdem hatte mein Privatleben eine andere Richtung eingeschlagen – ich hatte eine Partnerin, mit der ich heute noch verheiratet bin, unsere Tochter wurde 1992 geboren. Ich dachte einfach: Ich bin fertig. Als ich in den 80ern berühmt war, habe ich übrigens gar nicht so viele Konzerte gegeben. Heute absolviere ich viel mehr Live-Auftritte als damals, auch, weil es kaum noch TV-Shows gibt.
Ist es nicht eine der großen Ironien Ihres Lebens, dass es ausgerechnet das Rickrolling-Phänomen, durch das Ihr Gesicht noch allgegenwärtiger wurde als in den 80ern, Sie zurück auf die Bühne gebracht hat?
Ja, das ist schon seltsam. Ich hatte tatsächlich schon kurz zuvor angefangen, wieder Konzerte zu geben, mich vorsichtig herangetastet. Aber erst die Welle, die vom Rickrolling ausging, hat mich auf bestimmte Festivals gebracht: Die Kinder kennen ihn alle, die würden gerne zu dem Song mitsingen. Ich habe mal auf einem Festival gesungen, bei dem die Foo Fighters der Headliner waren und auch eine K-Pop-Band aus Japan auftrat. Wie ist das möglich? Aber heute wollen die Menschen eben nicht nur Indie oder Rock oder Pop oder Soul sehen, heute mögen alle ein wenig was von allem. Wir leben in einer sehr seltsamen Welt. Aber ich bin dankbar, in ihr zu leben.
Rick Astley tritt am 4. August im Kölner Tanzbrunnen auf. Konzertbeginn ist um 19 Uhr. Tickets gibt es für 80 Euro online unter www.LB-EVENTS.de, telefonisch unter 0234/947 19 40 sowie an bekannten Vorverkaufsstellen.