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Roman von Ulitzkaja„Alissa kauft ihren Tod“ geht der russischen Seele auf den Grund

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Genetikerin und Erzählerin: Ljudmila Ulitzkaja. 

Auch auf Ljudmila Ulitzkaja wurde schon eine „Seljonka-Attacke“ verübt. Ein Überfall, bei dem regierungskritische Oppositionelle in Russland überfallen und mit einem nur schwer zu entfernenden Desinfektionsmittel übergossen werden, das ihr Gesicht grün färbt.

Immer noch lebt die Schriftstellerin, die gerade ihren 79. Geburtstag feierte und jedes Jahr aufs Neue als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gehandelt wird, in Moskau. Dass ihre Bücher in Russland noch erscheinen dürfen, ist neben Ulitzkajas Popularität auch ein Stück weit der Tatsache geschuldet, dass sie in einer gewissen Weise zeitlos sind.

Der russischen Seele auf der Spur

In diesen Tagen, in denen man sich des eskalierenden Ukraine-Konflikts wegen einmal mehr wünscht, die russische Seele besser zu verstehen, kommt Ljudmila Ulitzkajas Buch „Alissa kauft ihren Tod“ mit Erzählungen gerade recht. Zwar liefert es auf den ersten Blick keine Antworten. Von Politik ist darin kaum die Rede. Von Wladimir Putin sowieso nicht. Weder Russlands Abschied von Europa noch die Rückkehr des Stalinismus kommen zur Sprache, vor der Ljudmila Ulitzkaja in „Die Kehrseite des Himmels“ (2012) noch gewarnt hat.

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Ljudmila Ulitzkaja

Vielmehr geht es in den meisten der 21 Texte um ganz normale Menschen, die sich mit den Zuständen, wenn nicht abgefunden, so doch immerhin arrangiert haben. Und vielleicht ist das ja gerade eines der Probleme im gegenwärtigen Russland.

Die Verhältnisse zu verändern, kommt keinem in den Sinn. Das Einzige, was den Figuren bleibt, ist die Flucht. Die in den Westen, in den Alkohol oder die nach Innen. Lidija, in der Erzählung „Züu-rich“, setzt sich in Moskau mit einem Deutschlehrbuch auf eine Bank und hofft so, einen Besucher der internationalen Messe kennenzulernen. Mit Erfolg. Ein dickleibiger Schweizer schluckt ihren Köder. Die beiden schreiben einander, bis seine Ehefrau es spitzkriegt und die Scheidung will.

Er holt Lidija in die Schweiz, wo sie ein russisches Restaurant aufmachen. Am Abend der Eröffnung aber kriegt er einen Schlaganfall und wird ein Pflegefall. „Das war's. Lidija rechnete sofort nach: Ihr glückliches Leben hatte ein Jahr und einundzwanzig Tage gedauert.“ In einer anderen Erzählung („Aqua Allegoria“) ist es Sonja, eine hagere Frau mittleren Alters, die nach der Scheidung von ihrem Mann den Sinn des Lebens findet. Statt dem fetten Fleisch für ihn, isst sie nur noch Äpfel, wird immer leichter, verpuppt sich schließlich, um als Schmetterling neu geboren zu werden.

Von der Genetik zur Literatur

Ljudmila Ulitzkaja ist eine gottbegnadete Erzählerin. Weil sie verbotene Literatur vervielfältigte, verlor sie einst ihre Arbeit als Genetikerin und kam so zum Schreiben. In drei Teile hat sie die deutsche Ausgabe ihres neuen Buches unterteilt. Sind es in dem 2019 im Original erschienenen Erzählzyklus „Freundinnen“ einmal mehr die starken Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, weil die Männer sie verlassen oder sich zu Tode trinken, so offenbaren die Geschichten des ebenfalls 2019 in dem Band „O tele duši“ veröffentlichten Zyklus „Vom Körper der Seele“ eine ganz andere, fantastische Seite von Ulitzkaja.

Die Regeln der Realität setzt sie darin gekonnt außer Kraft. So dass Figuren wie der Fotolaborant Tolik in „Ein Mensch in Gebirgslandschaft“ schon mal in einer seiner Fotografien verschwinden kann. Immer wieder überrascht Ulitzkaja in diesen an Franz Kafka geschulten Texten und entführt die Leser in ein fantastisches Reich jenseits des grauen Alltags.

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Mit „Züü-rich“ und „Russische Frauen“ enthält der Band zwei ältere Geschichten aus dem Jahr 2002, die sich wunderbar zwischen die anderen fügen. Dazu den Zyklus „Sechs mal sieben Miniaturen“, der 2020 entstanden ist, und noch nicht auf Russisch veröffentlicht wurde. In ihm brennt Ljudmila Ulitzkaja noch einmal ein wahres Feuerwerk ab. Fast aus jedem dieser nur ein, zwei Seiten langen Texte hätte sich eine längere Erzählung oder gar ein ganzer Roman machen lassen. Stattdessen verschießt Ulitzkaja ihre Munition, als gäbe es kein Morgen. Und warum auch nicht? Wer weiß schon, was morgen sein wird?

Ljudmila Ulitzkaja: Alissa kauft ihren Tod. Erzählungen. Hanser, 304 Seiten, 25 Euro.