Nachdenklich und heiter: Ein lit.Cologne-Höhepunkt mit Salman Rushdie, der sein aktuelles Buch „Knife“ vorstellt.
Salman Rushdie bei lit.CologneHumorvoller Auftritt in Köln

Salman Rushdie zu Gast beimLiteraturfestival Lit.Cologne.
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Da staunte man doch: Keine einzige Frage zu Donald Trumps Iran-Krieg – wobei lit.Cologne-Stargast Salman Rushdie doch 1989 vom iranischen Revolutionsführer Khomeini wegen des angeblich blasphemischen Romans „Die satanischen Verse“ per Fatwa zum Tode verurteilt worden war. Die Folgen: Flucht in den Untergrund, jahrelanger Personenschutz – dann 2022 jenes New Yorker Attentat, bei dem der Autor sein rechtes Auge und fast sein Leben verlor.
Seither hat er oft betont, lieber über seine Bücher als über das private Drama zu sprechen. Doch in Köln durchbricht der moderierende Übersetzer Bernhard Robben das literarische Reinheitsgebot dann doch. Wie fühlte sich Rushdie nach dem brachialen Messerangriff? „Ich war glücklich, überlebt zu haben, weil mir auch die Ärzte wenig Chancen gegeben hatten. Und ich war entschlossen, meine zweite Chance zu nutzen.“
Hartgesottener Mistkerl
Sein Agent Andrew Wylie empfahl ihm eine einjährige Pause, doch der Patient erholte sich schneller. Irgendwann fragte er einen Therapeuten, warum er nicht die typischen Symptome einer posttraumatischen Störung zeige. „Because you are a badass motherfucker.“ Frei übersetzt: Weil du ein hartgesottener Mistkerl bist.
Dennoch bekennt der mehrfache Booker-Preisträger, „dass ich das Hindernis dieses Erlebnisses erst aus dem Weg räumen musste (im Buch „Knife – Gedanken nach einem Mordversuch“, d. Red.), bevor ich wieder fiktive Geschichten schreiben konnte.“
Nachbarn im Dauerstreit
Allerdings sind auch die fünf Erzählungen im Band „Die Elfte Stunde“ (Penguin, 285 S., 26 Euro) fern jeder harmlosen Unterhaltung. Schließlich meint der Titel jene Zeit, in der sich Leben und Tod schon berühren.
Das spüren schon die beiden 81-jährigen Terrassen-Nachbarn Senior (17 Tage älter) und Junior in der ersten Story „Im Süden“. Im Dauerstreit verklammert, lenken sie sich von den „täglichen Kasteiungen“ des körperlichen Verfalls ab – bis Junior draußen von einer Vespa angefahren wird.
Exzellenter Ulrich Noethen
Ulrich Noethen liest diesen Auszug wie alle anderen mit uneitler Brillanz, die Übersetzer wie Schriftsteller gleichermaßen begeistert. Letzterer erklärt, dass er den Kern der Story in Madras fand, „wo ich einen alten Grantler kannte, der sich wirklich über alles aufregte. Aber er war ein äußerst angenehmer Gesprächspartner“. Ihm hat er zur Gesellschaft einfach einen Widerpart hinzuerfunden.
Gleich noch ein weiterer Blick in die Werkstatt des britisch-indischen Erzählgenies: Die Story „Saumselig“ sollte normal verlaufen, „doch dann habe ich den Helden im ersten Satz umgebracht“. In der Tat: „Als Ehrenfellow S.M. Arthur in seinem dunklen College-Schlafzimmer aufwachte, war er tot…“ So schwenkte sein geistiger Vater kurzentschlossen auf eine Geistergeschichte um.
Begegnung mit E.M. Forster
Auch sie verdankt sich einer autobiografischen Keimzelle. Mit 19 lernte Rushdie am King’s College in Cambridge den 90-jährigen Ehrenfellow E.M. Forster kennen und schätzen. Während Forster („Zimmer mit Aussicht“) seine Homosexualität verbarg, wurde der Mathematiker Alan Turing 1952 zur chemischen Kastration verurteilt. Er hatte mit der Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma den Zweiten Weltkrieg verkürzt.
Der Schriftsteller verschmolz beide Charaktere zu einem und erfüllte sich mit S.M. Arthur den Traum eines Textes über König Artus. Denn die zur Geheimhaltung verpflichteten Codeknacker sahen sich als Tafelrunde.
Im Klaus-von-Bismarck-Saal zeigt sich der 78-jährige Wahl-New Yorker an diesem Abend humorvoll, selbstironisch und schlagfertig, freut sich etwa, wenn er seinen gewandten Übersetzer in eine sprachliche Sackgasse lotst. Robben revanchiert sich mit einem leicht morbiden Fragebogen. Als welcher Mensch oder welches Ding würde sein Gegenüber gern wiedergeboren? Rasante Antwort: „als Ferrari“. Und wie würde er gern sterben? Rushdie zitiert Herman Melvilles Figur Bartleby: „I would prefer not to“, also etwa: Ich würde es lieber nicht tun.
Rushdie will weiterschreiben
In der Story „Die Musikerin von Kahani“ geht der Ich-Erzähler wehmütig zum letzten Mal einen Hügel in Bombay hinauf, der schon in mehreren Rushdie-Werken seit „Mitternachtskinder“ auftauchte. Ist das, so fürchtet Robben, das Bild eines literarischen Abschieds?
Keineswegs, korrigiert ihn der Befragte, der sich immer noch wundert, dass sein stets bienenfleißiger US-Kollege Philip Roth eines Tages einfach ein Post-it an seinen Computer klebte: „The struggle with writing is over“ (Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei). Salman Rushdie hingegen stellt unter Beifall klar: „Der Kampf geht weiter.“
