Regisseurin Lily Sykes inszeniert die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs „Tag und Nacht“ im wiedereröffneten Schauspielhaus.
Schauspiel KölnEndlich! Mit der dritten Premiere platzt der Knoten

Szene aus der Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Stück „Tag und Nacht“ am Schauspiel Köln.
Copyright: Birgit Hupfeld
„Weißt du, was heute für ein Tag ist?“, fragt Astrid, aus dem Fenster ins Dämmerlicht schauend, ihren Ehemann Martin: „Heute ist Tag- und Nachtgleiche.“ 24 Stunden in perfekter Symmetrie, 12 plus 12. Als legten sich, sagt Astrid, lichter Tag und Nacht wie zwei Hände aufeinander. Die Äquinoktien markieren Frühlings- und Herbstanfang im Kalenderjahr. Das heißt: Nach der Tag- und Nachtgleiche wird es entweder stetig heller oder dunkler.
Astrid (Birgit Unterweger) und Martin (Paul Grill) leben auf dem Land. Sie arbeitet als Lehrerin, er brütet seit Jahren erfolglos über einem Manuskript mit dem Titel „Die Stadtmaus und die Landmaus“, einer Fabel für unsere Zeit, die gleichzeitig sein politisches Manifest sein soll. Wenn er das denn endlich zu Papier bringen würde.
Doch Astrid und Martin sind nur die eine Hälfte des dramatischen Balanceakts, den Roland Schimmelpfennig für sein neues Stück „Tag und Nacht“ austariert hat, die andere lebt in der großen Stadt. Martins Bruder Erik (Thomas Dannemann) genießt dort einige Prominenz als Musicaldarsteller.
Gestiefelter Kater im Leerlauf
Allerdings befindet er sich nicht weniger im Leerlauf: Gerade hat er seine 1000. Vorstellung als „Gestiefelter Kater“ hinter sich gebracht. Die spielfreie Zeit vertreibt er sich mit ein wenig Sex und sehr viel Alkohol (und dem unweigerlichen Kater nach dem Kater). Seine Freundin, Lisa (Claude De Demo), blickt in der Stadt nicht weniger frustriert aus dem Fenster ins Dämmerlicht als ihr Widerpart Astrid auf dem Land.
Roland Schimmelpfennig gilt schon seit Jahrzehnten als Deutschlands profiliertester Gegenwartsdramatiker. Doch an diesem Wochenende hat er beinahe eine Monopolstellung erreicht. Zeitgleich mit der Uraufführung von „Tag und Nacht“ im wiedereröffneten Kölner Schauspielhaus feiern in Hamburg die ersten drei Stücke seines neuen Antikenzyklus unter der Regie von Karin Beier Premiere. Während die einstmalige Kölner Intendantin im Deutschen Schauspielhaus „die gesamte theatrale Überwältigungsmaschinerie aufbietet“ (schreibt das „Hamburger Abendblatt“), begnügt sich Regisseurin Lily Sykes in Köln mit bescheidensten Mitteln.

Claude De Demo und Paul Grill in „Tag und Nacht“ am Schauspiel Köln
Copyright: Birgit Hupfeld
Gespielt wird auf der schmalen Vorbühne, vor dem geschlossenen Vorhang. Tische sind wie zur ersten Leseprobe aneinandergereiht, die Aschenbecher, Wodka- und Weinflaschen darauf verweisen freilich schon auf den kommenden Kontrollverlust. Die vier Akteure haben ihre Rollen noch gar nicht angelegt, als sie die Bühne betreten, bedienen sich links und rechts an den Kostümen und Requisiten, schlüpfen zögerlich in ihre Charaktere, sprechen die Regieanweisungen mit oder von ihrer Rolle in dritter Person. Manchmal übernimmt auch eine der beiden Schauspielerinnen karikierend den Part ihres jeweiligen Stückpartners. Aber alle imaginieren sie ein Zusammentreffen, einen möglichen, womöglich sogar harmonischen Austausch.
Die Brüder, einst ein gefeiertes Artistenduo, haben sich vor sieben Jahren entzweit und seitdem nicht mehr gesehen. Es ging um die künstlerische Ausrichtung, um unterschiedliche Lebensentwürfe, aber mehr noch um politische Differenzen – in Umkehr der meisten Wahlergebnisse ist hier Martin, die Landmaus, links und Stadtmaus Erik eher rechts kodiert.
Schimmelpfennigs Stück, vordergründig ein Kammerspiel mit einer etwas kuriosen Häufung von Fabel- und Märchenmetaphern, verhandelt hintergründig vor allem die – so steht es im Programmheft, aber man versteht es auch ohne Hintergrundinformationen sofort – „Unvereinbarkeit zweier Denkansätze“, die „explosive Unfähigkeit, miteinander zu sprechen“.
Freilich würde „Tag und Nacht“ als politischer Kommentar nicht funktionieren, böte der Autor seinem Ensemble nicht solch saftige Spielvorlagen: Thomas Dannemann, der als eitler Alkoholiker zwischen Liebesbedürftigkeit und fahriger Aggression oszilliert, und Paul Grill, der sich in beleidigter Rechthaberei einfaltet, sind ein herrlich schreckliches Geschwisterpaar. Dass sie in ihren Partnerinnen vor allem Frust- und Fluchtgedanken auslösen, ist mehr als verständlich. Dennoch scheinen die mitgehangen, mitgefangen – so wie sich niemand dadurch der polarisierten Gesellschaft entziehen kann, dass er Neutralität vorschützt.
Birgit Unterweger und Claude De Demo sprengen dann sukzessive das Korsett des well-made play. Zuerst, indem sie sich, mit ein wenig Nötigung des Publikums, lautstark ausmalen und peinlich genau nachstellen, wie ihr Mann mit der jeweils anderen fremdgeht. Anschließend, indem sie zu den Waffen greifen, die beide Brüder aus ihrer letzten gemeinsamen Produktion behalten haben, und die uns Schimmelpfennig nach guter Tschechow-Art bereit im zweiten Akt gezeigt hat.
Aber wir sind weit über die Tschechow’sche Tragikomik hinaus. Die Pistolen werden zwar abgefeuert, aber sie verursachen lediglich Lärm und Scherben. Stattdessen entladen sich die Spannungen schließlich in einer ausgiebigen Torten-, Spaghetti- und Bohnenschlacht. Zusammen mit der forcierten Albernheit tritt nun auch der politische Subtext in den Vordergrund: Der Gestiefelte Kater wird zum rechtspopulistischen Rattenfänger, die Landmäuse zur Rattenflut illegaler Einwanderer. Die vier – jetzt gründlich verschmierten – Protagonisten überbieten sich in aufgeheizten Ausdeutungen der Tieck’schen Märchen und Aesop’schen Fabeln, in widersprüchlichen Bildern. Das Ensemble spielt sich bis an den Rand der körperlichen und geistigen Erschöpfung.
Was geschieht, wenn der Kipppunkt der Tag- und Nachtgleiche einmal überschritten ist? Wird es dunkler oder heller? Lily Sykes erweist sich an diesem Abend nicht nur als feinnervige Leiterin dieses fantastischen Quartetts, sondern auch als furchtlos in der Wahl ihrer Mittel, von der winzigsten Geste bis zur plakativsten Grobheit.
Den Konflikt lässt der Autor ungelöst, wie könnte er auch anders? Und Sykes reduziert ihn auf eine letzte, sinnlose Abfolge von „nein“ und „doch“. Dem Publikum bleiben sagenhaft unterhaltsame zwei Stunden – und ein gesteigertes Bewusstsein für die Absurdität, die hinter den verhärteten Positionen lauert.
