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Herbert Fritsch im Schauspiel Köln„Rabatz“ als abstrakte Entdeckungsreise zwischen Dada und gaga

4 min
„Rabatz“ von Herbert Fritsch im Schauspiel Köln.

„Rabatz“ von Herbert Fritsch im Schauspiel Köln.

Mit seinem Abend „Rabatz“ pendelt Herbert Fritsch im Depot 1 des Schauspiel Köln zwischen Dada und gaga.

Rabatz? Von wegen! Minutenlang schiebt sich in aller Stille ein Zelt über die Bühne. Dann purzeln sieben Gestalten aus dem schwarzen Verhau auf die in rotes Licht getunkte Bühne - die Haare schwarz, die Gesichter grellweiß geschminkt, mit schwarzen und roten Akzenten, gekleidet in orange Anzüge.

Sie zucken mit Armen und Beinen, verziehen die Gesichter zu Grimassen. Überdrehte Gestalten, die in den nächsten gut 70 Minuten zu einem Taktgeber die Bühne erkunden – in kleinen Choreographien, Bewegungsstudien oder Abläufen, die wie Improvisationen auf Zuruf wirken.

Putzig wie R2D2

Da laufen sie von links nach rechts und wieder retour. Mal hauen sie mit den Köpfen gegen die Begrenzungen der Spielfläche, mal tasten sie sich vorsichtig an den Rändern der Lichtkegel am Boden entlang, als gelte es, bloß nicht in die Tiefe zu stürzen.

Lange Zeit fällt kein einziges Wort, und auch später sondert das Septett nur Laute ab, mal klingt es fast sogar wie improvisierter Gesang. Irgendwann wird auch mal gebellt. Putzig: Zu den roten Sieben gesellt sich ein auf ein fahrbares Podest geschnallter Scheinwerfer – R2D2 lässt grüßen.

Hin zum Abstrakten

Erdacht wurde dieser Abend von Herbert Fritsch, einer der großen Namen der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Und der bei seiner ersten Kölner Inszenierung seit 13 Jahren (Brechts „Herr Puntilla und sein Knecht Matti“) zusammen mit einer Dramaturgin Sabrina Zwach und dem Ensemble neue Wege beschreitet: Weg von den Worten, hin zum Abstrakten.

Und so bleibt es einem als Zuschauer überlassen, ob man sich muntereren Gedankenspielen hingeben möchte, an diesem Halloween-Abend, an dem die Premiere im Depot 1 stattfindet oder nach Kölner Zeitrechnung: zehn Tage vor dem Elften im Elften. Sind hier sieben üble Clowns am Werk? Oder die Besuchenden einer aus dem Ruder gelaufenen Party in der Geschlossenen? Oder die Kasperle-Variante von Sträflingen auf Hafturlaub? Vielleicht aber auch das Ensemble einer 1920er-Jahre-Dada-Revue? Die Frisuren würden allemal passen. Ebenso ein Satz aus dem Programmheft, in dem auf den Zusammenhang zwischen der Erfindung des Dadaismus und Rabatz verwiesen wird.

Zombie-Apokalypse?

Gen Ende rollen sie allesamt in einem wilden Knäuel durcheinander, langen dabei auch schon mal beim einen oder anderen mit den Zähnen zu. Schon zuvor durfte man aufgrund entsprechender Bewegungsabläufe an die eine oder andere Zombie-Apokalypse denken.

Es ist der Ausdruck des Erstaunens, der sich wiederholt auf den Gesichtern breit macht - auf denen auf der Bühne und denen auf den Rängen. Wollen uns Fritsch und seine Truppe auf eine wie auch immer geartete Entdeckungsreise mitnehmen? Oder schlicht mal außen vor lassen? Wichtigste Frage: Machen sie eigentlich Rabatz, wie es der Titel verspricht? Kommt darauf an, was ein jeder so unter Rabatzmachen versteht.

Die Gedanken treiben lassen

Also, der Aufstand wird hier allerhöchstens geprobt, bleibt aber weit davon entfernt, in die Tat umgesetzt zu werden. Denn dafür müsste man erst einmal wissen, wogegen protestiert werden soll. Oder ist das gar nicht notwendig? Soll man sich einfach mal ein wenig treiben lassen von diesem hysterischen Pantomimen-Zirkus?

Man würde es gerne, denn man sieht, wie viel Arbeit und Energie hier jede und jeder Einzelne hineingesteckt hat. Die Bewegungen, die Abläufe, die Körpersprache, das Miteinander - all das schafft man nicht mal eben aus der Lamäng. Und selbstredend gibt es Situationen, in denen man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, etwa wenn das Zelt einem Staubsauger gleich sich die am Boden liegende Truppe „einverleibt“.

Fröhlicher Premierenapplaus

Das Ensemble scheint seinen Spaß zu haben und auch in Sachen Hingabe mag man niemanden der Sieben – Jonas Dumke, Elias Ellinghoff, Sebastian Grünewald, Christopher Nell, Katharina Schmalenberg, Julia Schubert und Steffen Siegmund hervorheben. Allein, hinter ihre Masken kann das Publikum nicht blicken, da sie selbst beim Verbeugen noch in ihren Rollen verharren. Fröhlicher Premierenapplaus für einen sinnfreien Abend.

75 Minuten (keine Pause). Wieder am 6. und 28.11. sowie am 7.12. und 26.5.