Am Mittwochabend läuft „Doitscha. Alles geht vorüber“ in der ARD. Ein Gespräch mit der Hauptdarstellerin Oriana Schrage.
„Mut zum unperfekten Nachfragen“Schauspielerin Oriana Schrage über ihre Hauptrolle im Film „Doitscha. Alles geht vorüber“

Ausschnitt aus dem Film: „Doitscha. Alles geht vorüber“ – Adriana Alkalaj (Oriana Schrage) moderiert eine Lesung. Im Hintergrund: Aron Schuster (Samuel Finzi).
Copyright: Andreas Dobslaff / dobslaff.com
Frau Schrage, „Doitscha“ basiert auf dem Roman von Adriana Altaras, die darin mit ihrer eigenen Biografie spielt. Erkennen Sie sich in der Rolle der Adriana wieder? Die Eckdaten passen schließlich überraschend gut: jüdischer Hintergrund, Theaterbühne, zwei Kinder, migrantische Familiengeschichte.
Schrage: Es ist fast verrückt: Adrianas Eltern waren Partisanenkämpfer und meine Eltern kommen aus der Guerillabewegung in Brasilien. Früher wurde mir in der Branche oft gesagt, man wisse nicht, als was man mich besetzen solle, weil ich ethnisch in keine Schublade passe. Plötzlich gab es eine Schublade, in die ich perfekt gepasst habe. Als ich das Drehbuch las, dachte ich: Das ist die Rolle meines Lebens. Dass ich sie bekommen habe, war ein Wunder. Natürlich bringe ich mich da auch mit ein. Zur Vorbereitung habe ich mir auch Talkshow-Auftritte von Adriana Altaras auf YouTube angesehen, das diente allerdings eher der Recherche. Es ist ja kein Biopic, sondern steht als Exempel für so viele Familien.
Gab es Momente, in denen Ihnen die Figur fast zu nah war?
Manchmal war es eine Herausforderung, weil Adriana ganz anders agiert als ich privat. Sie hat ein ungestümes Temperament, ist manchmal etwas „mackerhaft“ im Umgang mit ihrem Mann und versucht nicht ständig, seine Stimmungen zu regulieren. Das Tolle am Schauspiel ist, dass man Sachen ausprobieren darf, die man sich im echten Leben nicht trauen würde. Mein eigener Vater ist übrigens katholisch sozialisiert – da gibt es also auch biografisch Parallelen zu Georg, dem nichtjüdischen Film-Ehemann.
Sie haben einen sehr internationalen Hintergrund – wurden in Israel geboren, und sind in Köln und Brasilien aufgewachsen. Im Film geht es stark um Identitätsfragen. Kennen Sie diese Konflikte aus Ihrer eigenen Jugend?
Vielleicht am ehesten in der Pubertät, wo wir alle auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit sind. Später ging es mir weniger um nationale Kategorien, sondern darum, mit welchen Menschen ich meinen Alltag verbringen will. So bin ich vielleicht auch zum Schauspiel gekommen. Und diese jüdische Identität? Das war früher wie ein leises Summen im Hintergrund, aber nie etwas, das mich allein definiert hat – anders als beim älteren Sohn David im Film.
Welche Rolle spielte Köln auf Ihrer Identitätssuche?
Ich bin 1999 aus Köln weggegangen. Aber meine Mutter und ein großer Teil meiner Herkunftsfamilie leben bis heute hier. Nachher gehe ich noch zu meiner Kindergartenfreundin. Die Bindung ist immer noch sehr eng. Das war fast überraschend für mich: Ich war immer etwas auf der Suche nach Wurzeln, und als ich zum Drehen länger hier war, dachte ich: Krass, die Wurzeln waren die ganze Zeit da, aber ich habe es irgendwie nicht gecheckt. Aber für mich gibt es nicht nur diesen einen Ort. In Brasilien und der Schweiz fühle ich mich teilweise auch zu Hause und teils auch nicht. Als ich noch hier in Köln gelebt habe, habe ich mich manchmal ein bisschen fremd gefühlt. Doch nach dieser langen Zeit und mit großer Distanz, habe ich gemerkt: Da ist ja was.

Ausschnitt aus dem Film: "Doitscha. Alles geht vorüber" - Tante Jele (Inge Maux, l.) tröstet ihre Nichte Adriana Alkalaj (Oriana Schrage).
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Der Film behandelt schwere Themen wie Antisemitismus, den Diskurs nach dem 7. Oktober und familiäre Überforderung – setzt dabei aber bewusst auf Humor und bricht mit Tabus. Braucht es diesen humorvollen Blick, um über solche Themen sprechen zu können?
Ich würde bei eigenen Projekten immer über den Humor gehen, weil man dadurch eine ganz andere Offenheit erzeugen kann. Ich finde, durch den Humor kann und darf man noch so viel mehr machen. Und gerade, weil es aus der jüdischen Perspektive kommt, funktioniert das anders, als wenn Nichtjuden solche Witze machen würden.
Viele Beteiligte vor und hinter der Kamera – darunter Sie, Darstellerkollege Yahli Yogev und Regisseurin Ester Amrami – haben einen israelischen und/oder jüdischen Hintergrund. War das eine Chance, die eigene Geschichte endlich selbstbestimmt zu erzählen?
Das war ein Geschenk. Ich habe früher schon mal in einem Film eine orthodoxe Jüdin gespielt ("Wolkenbruch"), aber das war ein Blick von außen auf das orthodoxe Judentum. Bei „Doitscha“ war es das erste Mal völlig anders. Das war superinteressant beim Dreh, weil ich noch nie mit so vielen jüdischen Menschen in Deutschland gearbeitet habe. Ich bin meistens die einzige jüdische Person im Raum oder denke das zumindest. Es war spannend, zu merken, wie unterschiedlich wir das Jüdischsein und die Position zu Israel interpretieren. Bestimmte Sachen waren aber auch einfach klar, warum welche Kerze in den Kerzenständer gehört, zum Beispiel.
Haben Sie die Sorge, dass ein so aktueller Film in unserer ohnehin aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte polarisiert?
Er wird vermutlich polarisieren, weil sich viele Menschen nach klaren Positionen sehnen, die der Film aber verweigert. Für manche wird diese Ambivalenz schwer auszuhalten sein. Mein größter Wunsch ist, dass sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Diskriminierungssegmenten in diesen Konflikten spüren. Denn das Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu werden, ist für viele universell unangenehm.
Im Film fällt auch der Satz: „Egal welche Worte man findet, man kann es gerade nur falsch machen“.
Der Film greift genau das vorweg: Es wird auch negatives Feedback geben, weil man es manchen Menschen nicht recht machen kann, gerade wenn man differenziert ist und nicht in Schwarz-Weiß-Denken verfällt. Oft hat man aus der Aktualität heraus eine Idee, und nach fünf Jahren Förderphase ist der Drops gelutscht. Dass dieser Film sich jetzt so aktuell anfühlt, hat mich im Vorfeld zur Premiere nervös gemacht.
Neben der inhaltlichen Tiefe fällt auf, dass hier ein Frauenteam am Werk war – von den Kölner Produzentinnen über die Regisseurin bis zu Ihnen als Hauptdarstellerin. War das spürbar anders als bei bisherigen Produktionen?
Absolut. In der Schweiz, wo ich meistens arbeite, sind die Hierarchien ohnehin flacher, aber ich musste mich in Deutschland erst daran gewöhnen, als Hauptdarstellerin auch mal eine Extrawurst zu bekommen. Vor allem aber gab es keinen klassischen „Male Gaze“: Adriana wird nicht als oberflächliches Objekt inszeniert, sondern als kompletter, widersprüchlicher Mensch mit all ihren Ecken, Kanten und Fehlern. Sie ist Ende 40, mitten in der „Rushhour des Lebens“ zwischen Care-Arbeit und Karriere, und opfert sich nicht stumm auf. Eine Frauenfigur wie Adriana wird selten im Fernsehen gezeigt, eine widersprüchliche, manchmal ungerechte, schreiende, aggressive Person. Da bin ich auch sehr gespannt, ob man ihr das verzeihen wird oder nicht.
Was wünschen Sie sich, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer am 4. November den Fernseher ausschalten?
Ich würde mir mehr direkten Austausch und Nachfragen wünschen. Durch den 7. Oktober ist bei vielen jüdischen Menschen eine Urangst geweckt worden, und gleichzeitig erleben wir im gesellschaftlichen Diskurs oft blinde Flecken beim Thema Antisemitismus. Mein Wunsch wäre etwas mehr Mut zum unperfekten Nachfragen: Wenn man sich bei Begriffen oder Aussagen unsicher ist, fragt jüdische Menschen einfach direkt, statt übereinander zu urteilen. Und dann fragst du vielleicht auch drei Leute und wirst fünf Meinungen kriegen. Das ist häufig so, sei es bei Jüdinnen und Juden, POC oder Menschen mit Behinderung. Durch meine Biografie betrachte ich Diskriminierung sehr stark aus einer intersektionalen Perspektive. Gleichzeitig möchte niemand ständig als pauschale Antidiskriminierungs-Expertin oder politische Beauftragte auf der Bühne stehen – manchmal möchten wir einfach nur ganz normal an einem Kunstprojekt arbeiten.
Am 4. November zeigt Das Erste um 20.15 Uhr „Doitscha – Alles geht vorüber“. Der tragikomische Film, gedreht in Köln, basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Adriana Altaras und navigiert eine interkulturelle, jüdisch-nichtjüdische Familie durch die Krisen der Gegenwart. Für Hauptdarstellerin Oriana Schrage schließt sich mit dem Film ein Kreis: Die in Israel geborene Schauspielerin, lebt seit langem in Zürich, verbrachte allerdings einen Teil ihrer Kindheit und Jugend in Köln.