Vicky Krieps musste in Jim Jarmuschs neuem Film tagelang Kuchen essen – und erlebte sogar einen Zucker-Flash. Wir haben mit ihr gesprochen.
Schauspielerin Vicky Krieps„Ich liebe jeden Menschen“

Charlotte Rampling (v.l.n.r.) als die Mutter, Cate Blanchett als Timothea und Vicky Krieps als Lilith in einer Szene des Films „Father Mother Sister Brother“ (undatierte Filmszene).
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Die Deutsch-Luxemburgerin Vicky Krieps gehört zu den erfolgreichsten Hollywood-Exporten des Landes und spielt in Jim Jarmuschs neuem Film „Father Mother Sister Brother“ mit. Im Interview mit Daniel Benedict spricht sie über das Leben als älteste Schwester, ihre Beziehung zu Cate Blanchett und die Arbeit am Set.
Frau Krieps, in Ihrem neuen Film sitzen Sie mit Charlotte Rampling und Cate Blanchett vor lauter edlen Törtchen und Sandwiches. Durften Sie die nach Drehschluss alle aufessen?
Dürfen? Ich musste. In jeder Szene. Charlotte Rampling hat sofort gesagt, dass sie vor der Kamera gar nichts isst. Was soll man machen? Sie war die Älteste, das geht vor. Cate Blanchett hat auch verweigert. Ich war dann diejenige, die abbeißen musste. Einer musste essen und ich habe gegessen. Immer wieder. Man wiederholt ja jede einzelne Szene wer weiß wie oft, und das über viele Tage. Einmal habe ich dann – ich weiß nicht, nach wie viel Kuchen – einen schrecklichen Lachanfall gekriegt. Es war unglaublich und auch überhaupt nicht mehr lustig. Ich war hysterisch. Und dann, eine Stunde später, tief depressiv.
Von einer Überdosis Kuchen?
Erst habe ich das selbst nicht verstanden. Aber dann wurde mir klar: O Gott, das war mein erster Zucker-Flash. Das kannte ich vorher nur von meinen Kindern. Erst war ich völlig neben mir und dann depressiv.
Dass am Ende Sie essen mussten, klingt fast nach einer Hierarchie. Charlotte Rampling und Cate Blanchett sind ja auch wirklich jeweils die Besten ihrer Generation. Ist man über so umwerfende Kolleginnen nur glücklich oder auch ein bisschen ängstlich?
Beides. Ich habe diese Hierarchie angenommen und den beiden sehr gern meinen Respekt gegeben. Anfangs hatte ich Angst, ob ich ihnen gerecht werde. Aber natürlich ist es ein ganz großes Glück. Ich finde diese Frauen toll, und ihnen beim Spielen zuzugucken, war ein Geschenk. Das Set habe ich nur im Notfall verlassen. Ich saß immer da und habe alles beobachtet. Wie ein Zuschauer im eigenen Film.
Wie haben Sie sich miteinander verstanden?
Cate und ich haben einmal beim Inder gegessen, und dann sagt sie: „Weißt du was, Vicky, Jim ist der Erste, der uns als das besetzt, was wir wirklich sind.“ Ich werde ja oft für Frauenrollen genommen, die was aushalten müssen und ganz brav sind. Sie wird als Freigeist besetzt und spielt starke Frauen, die fast männliche Eigenschaften haben: Durchsetzungskraft, Kontrolle und so weiter. Am Set haben wir dann festgestellt: Cate Blanchett ist in Wahrheit ein Streber – genau wie ihre Figur. Sie ist vollkommen ernst und lernt immerzu ihren Text. Alles an ihr muss passen und wird wieder und wieder geprüft. Ich dagegen sitze irgendwo hinten am Set, mache Späße mit dem Tonmann und habe die Schuhe auf dem Tisch. So bin ich als Mensch und so ist auch meine Figur.
Ihr Regisseur Jim Jarmusch ist auch eine Legende. Was kann man von dem lernen?
Jim hat eine sehr besondere Haltung dem Leben gegenüber. Er würde es schaffen, auf Ihre Frage jetzt mit dem Angeln zu antworten. Aber er würde auf eine Weise vom Angeln reden, die dann wirklich total sinnvoll wäre. Er ist immer in seinem eigenen inneren Raum. Er ist ehrlich, er hört dir zu, aber er bleibt bei sich. Jim ist völlig unabhängig von allem um ihn herum. Er ist nicht nur ein Independent-Regisseur, er ist wirklich unabhängig – auch im Denken. Das habe ich von ihm gelernt, diese künstlerische, poetische Unabhängigkeit.
„Father Mother Sister Brother“ ist ein Episodenfilm und Sie spielen im Mutter-Kapitel. Hätten Sie sich das auch selbst ausgesucht? Oder beschäftigen die Vaterbeziehung oder die Geschwister Sie mehr?
Ich hätte auch den letzten Teil spielen können, der von zwei sehr engen Geschwistern und ihren abwesenden Eltern erzählt. Da musste ich an meinen Bruder denken. Mit der Geschichte, die ich jetzt spiele, habe ich mich aber auch direkt identifiziert, hier wegen meiner Schwester. Cate Blanchett spielt allerdings meine ältere Schwester. Im wirklichen Leben bin ich die Ältere. Und anders als Cate machen bei uns beide sehr viel Quatsch.
Sie sind die Älteste von drei Geschwistern. Prägt Sie das auch im erwachsenen Leben?
Ja – ich muss mich immer kümmern, um andere Leute, um die Kinder. Ich bin immer der, der sich kümmert. Auch wenn ich rumkaspere, bin ich innerhalb von einer Sekunde wieder hellwach, sobald was passiert. Wenn in der Küche was runterfällt oder sich einer wehtut, bin ich augenblicklich nur noch für dieses Problem da.
Taylor Swift hat einen Song über älteste Töchter geschrieben. „Every eldest daughter was the first lamb to the slaughter“, singt sie. Als Älteste wird man zuerst geschlachtet. War es bei Ihnen auch so schlimm?
Ich habe jedenfalls oft das Gefühl gehabt, dass ich meine Schwester vor Sachen bewahrt habe. Das Undankbare daran ist, dass sie selbst das natürlich nicht mitbekommen hat. Wenn unsere Eltern sich gestritten haben, habe ich mich darum gekümmert, dass der Streit aufhört. Und wenn der Streit so schlimm war, dass unsere Mutter wütend im Schlafzimmer verschwunden ist, habe ich für Ablenkung gesorgt und schnell den Tisch aufgeräumt oder die Spülmaschine. Oder ich habe meine Geschwister einfach ins Kinderzimmer geschafft, damit sie nichts mitbekommen.
Was haben Sie da eigentlich am Handgelenk? Haben Sie sich verletzt oder ist das der Einlassstempel von einem Club?
Ich komme vom Drehen in L. A. und da haben sie mir das Handgelenk abgeschminkt. Wenn man es abwischt, ist darunter ein Tattoo.
Lustig, dass Sie Make-up erwähnen. Eine Kollegin hatte mich gebeten, auch Ihre Hautpflege-Routine abzufragen. Mein Tipp war: Sie haben gar keine, sondern sehen wirklich so aus. Durch den Beruf bin ich natürlich mit tollen Cremes und solchen Sachen konfrontiert. Ich versuche immer, dass es so wenig und so natürlich wie möglich ist. Ein paar Dinge würde ich eigentlich gern übernehmen. Aber ich kann mir das alles nicht merken und habe es sowieso nicht so mit Routinen. Am Ende bleibt nur: Gesicht waschen und Feuchtigkeitscreme. Das ziehe ich durch.
Frau Krieps, auf allen Fotos, die ich von Ihnen kenne, leuchten Sie. Sie sehen glücklich aus – so als würden Sie jeden Menschen lieben und alle Menschen Sie. Ist das so?
Ich weiß nicht, wo ich das herhabe. So war ich schon als Kind. Da bin ich in den Wald gegangen, habe mit den Bäumen geredet und gedacht: Ach, ich liebe die Welt und die Welt liebt mich. Ich bin auch durchaus mal depressiv, schlecht gelaunt und nicht gut drauf. Trotzdem – eigentlich haben Sie recht. Ich liebe jeden Menschen und gehe davon aus, dass jeder mich liebt. Aber ich weiß natürlich auch, dass das nicht stimmt.
