Am Düsseldorfer Schauspiel eröffnet Andreas Karlangis seine Intendanz mit Ulrich Rasches Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“.
Schauspielhaus DüsseldorfVier Stunden lang dreht sich die Bühne dem Tod entgegen

André Kaczmarczyk in „Prinz Friedrich von Homburg“ am Düsseldorfer Schauspielhaus
Copyright: Thomas Rabsch
Robert Wilson, formstrenger Theatergigant, hat kurz vor seinem Tod eine letzte Produktion am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert. Sein „Moby-Dick“ gehört zu den späten Triumphen der Ära Winfried Schulz. Dem Generalintendanten war neun Jahre lang gelungen, woran so viele seiner Vorgänger und Vorgängerinnen gescheitert waren: Er hatte mit einem Programm von hohem, aber nie sperrigen Niveau das Publikum zurück ins Haus geholt.
Der Düsseldorfer Wal schwimmt immer noch oben, von Hafen zu Hafen. Wurde gerade bei seinem Gastspiel in New York gefeiert, geht als Nächstes in Shanghai an Land. Derweil übernimmt in Düsseldorf Andreas Karlangis, der Schweizer war zuletzt stellvertretender künstlerischer Direktor am Wiener Burgtheater. Und setzt durchaus auf Kontinuität.
Mit dem vielfach gefeierten Wilson-Schüler Ulrich Rasche hat Karlangis nun genau den richtigen Mann für die große Eröffnungspremiere seiner Intendanz gewonnen: Dessen Theaterzauber aus Lichtmalereien und Schattenrissen, langsam mahlenden Drehbühnen, prominent eingesetzter Musik und in hoher Sprechkultur vorgetragenen Klassikern dürfte den Düsseldorfern bekannt vorkommen – und setzt doch ganz neue Akzente.
André Kaczmarczyk spielt wie vor den Kopf geschlagen
Allein schon mit der Wahl des Stückes. Heinrich von Kleists soldatische Träumerei „Prinz Friedrich von Homburg“ galt im Nachkriegsdeutschland als von den Nazis kontaminierter Klassiker und bis heute als zwar betörend schönes, aber durch und durch problematisches Stück. Gleichwohl passt es bestens zu unseren hochrüstenden, der allgemeinen Wehrpflicht wieder entgegenstrebenden Zeiten.
André Kaczmarczyk, unter Schulz zum Star des Hauses aufgestiegen, nimmt sich als verträumter Reiterführer auffällig zurück, spielt den Homburg wie vor den Kopf geschlagen. Schlafwandelnd überhört er den Befehl des brandenburgischen Kurfürsten. Wird von diesem zum Tod verurteilt, als er eigenmächtig den Sieg in der Schlacht bei Fehrbellin erringt. Vergeht zunächst vor Todesangst, unterwirft sich am Ende jedoch – in Vorwegnahme kafkaesker Demutsgesten – freudig der höheren Notwendigkeit des Gesetzes. Ähnlich enthusiastisch beugt sich das gesamte Ensemble Rasches Regiekonzept.

Wael Kreiker, André Kaczmarczyk und Theo Thun in „Prinz Friedrich von Homburg“
Copyright: Thomas Rabsch
Wie der fast vierstündige Abend ablaufen wird, ist im Prinzip nach der ersten Minute klar: Zwei links und rechts der Bühne positionierte Musiker unterlegen das Geschehen mit einem an- und abschwellenden, aber immer pulsierenden Soundtrack aus Cello, Percussion und elektronischen Klangflächen.
Der Spielraum selbst ist völlig leer gefegt, bis auf die Halbkreise aus Leuchtstoffröhren, die sich immer wieder aus dem Schnürboden herabsenken – und die gigantische Drehbühne, deren Kreise zum Teil in unterschiedlichen Geschwindigkeiten das Zentrum umlaufen. Darauf marschiert die Truppe in ständiger Bewegung, nicht zackig, sondern dem Traumspiel gemäß, wie in Watte watend oder in Zeitlupe über Eis laufend. Oft, wenn als Chor auftretend, expressionistisch verkrümmt. In ebendiesem Tempo wird auch, Wort an Atempause an Wort setzend, der Text deklamiert.
Das kann binnen kürzester Zeit gewaltig enervieren – oder aber man lässt sich einfangen vom Sog des Drehbühnenstrudels, fährt Runde um Runde auf diesem Karussell der Staatsdisziplin mit. Erst nach zwei Stunden und einer Pause klärt Rasche den vernebelten Taumel etwas auf, nimmt sich die Musik ein wenig zurück, treten die Spielenden stärker hervor: Christoph Lusers aufbrausender Obrist Kottwitz, Patrycia Ziolkowskas herrschaftlich-schneidender Kurfürst, Lucia Kotikova emphatisch beschwörende Prinzessin Natalie. Und mit ihnen auch der Kern dieses letzten Dramas des zunehmend verzweifelten Kleists, der Konflikt zwischen dem romantisch vorwärtsstrebenden Einzelnen und der kühlen Staatsräson, zwischen Liebe und Gehorsam.
Schließlich geschieht doch noch Unvorhergesehenes. Kaczmarczyks Prinzen wird ein oberkörperfreier Doppelgänger zugeordnet, ein beliebtes romantisches Motiv. Ist es sein Henker, gar der Tod selbst? Im Programmheft wird Yannik Stöbeners Rolle als „Der tote Prinz“ beschrieben, die erfolgreich abgespaltene Konsequenz seiner Verurteilung. Der tote Bruder erhält denn auch den Lorbeerkranz des Begnadigten.
André Kaczmarczyk dagegen stellt sich, immer noch langsam auf der Stelle schreitend, an der Rampe auf, und trägt einige dunkle Zeilen aus Kleists resignierendem Kriegsgedicht „Das letzte Lied“ vor: „Fernab am Horizont, auf Felsenrissen/ Liegt der gewitterschwarze Krieg getürmt.“ Da drängt der träumende Preußen-Prinz unbequem aktuell unserer Gegenwart entgegen. Ein konsequenter, mitreißender Auftakt in Düsseldorf.
Nächste Termine: 25.9., 4., 17. 10., jeweils 19 Uhr, Schauspielhaus Düsseldorf
